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Lagerfeld-Doku bei Vox : Nüchtern im Allerheiligsten

Mehr als 16 Monate lang hat Autorin Martina Neuen (rechts) den Modeschöpfer Karl Lagerfeld mit der Kamera in seinem Arbeitsalltag begleitet. Bild: RTL

Mit einer vierstündigen Dokumentation nähert sich Vox dem Modezaren Karl Lagerfeld. Das Projekt ist ambitioniert, immerhin geht es auch um Religion und Metaphysik - und doch über weite Strecken gelungen.

          Endlich ging’s am Stachus mal zu wie am Stachus. Karl Lagerfeld war am Mittwochabend bei schönstem Wetter aus Paris eingeschwebt, um mit 228 Gästen im Gloria-Palast am Münchner Karlsplatz die Vorschau der Dokumentation „Karl Lagerfeld - Mode als Religion“ zu sehen. Verona Pooth trug ein Lagerfeld-Kleid („rein zufällig“), Sunnyi Melles freute sich über ein Dankeschön für den Briefbeschwerer, den sie ihm vor langer Zeit schenkte, und die „Vogue“-Chefredakteurin Christiane Arp, die vom Sommer auf dem Land berichtet, wurde umstandslos und spaßeshalber zur „Unschuld vom Lande“ erklärt.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Lagerfeld-Filme, sollte man meinen, gibt es nun wirklich genug. Die Dokumentationen von Loïc Prigent („Lebens-Skizzen“) sind legendär, altes Filmmaterial aus Chloé- und frühen Chanel-Zeiten wird mit jedem Jahr besser, und präsent in den Medien ist der Modemacher auch.

          Aber Martina Neuen, RTL-Reporterin und daher eigentlich mit Hang zum kurzen Atem, hat sich erfolgreich an ein Langzeit-Projekt in jedem Sinn gewagt. Im Auftrag von Info-Network, wo man Nachrichten und Magazine der Mediengruppe RTL produziert, verfolgte sie den Modeschöpfer und seine Entourage seit Anfang 2012, und rund vier Stunden lang dauert ihre frisch fertiggestellte Dokumentation.

          „So grauenhaft kann ich also gar nicht sein“

          Wenn man die einstündige Vorschau vom Mittwochabend als Maßstab nimmt, werden die von Werbung unterbrochenen 205 Netto-Minuten bei Vox nicht allzu lang dauern. Denn an schönen Sentenzen des originellsten Modeschöpfers fehlt es nicht. „Ich finde mich selber total normal“, sagt er einmal, „nur weiß ich gar nicht, was normal ist.“ Eine Chanel-Schneiderin, sagt er an anderer Stelle, arbeite seit 45 Jahren mit ihm zusammen: „So grauenhaft kann ich also gar nicht sein.“

          „Ich finde mich selber total normal. Nur weiss ich nicht, was normal ist.“ Karl Lagerfeld im Vox-Porträt. Unser Fotos zeigt ihn in jungen Jahren im Atelier Patou.
          „Ich finde mich selber total normal. Nur weiss ich nicht, was normal ist.“ Karl Lagerfeld im Vox-Porträt. Unser Fotos zeigt ihn in jungen Jahren im Atelier Patou. : Bild: RTL

          Zu Wort kommen viele Wegbegleiter: Christiane Arp, die ganz unglamourös auf dem Boden ihres Büros die Bilder einer Modestrecke ordnet; der Verleger Gerhard Steidl, dem der weiße Arbeitskittel der schönste Dress-Code ist; Linda Evangelista, der Lagerfeld auch nach ihrem Verblühen treu bleibt; die Couture-Kundin Patricia Rossignol, die ihren offenbar resignierenden Ehemann zu fünfstelligen Summen für neue Kleider gar nicht mehr überreden muss; Caroline Lebar, Lagerfelds Pressesprecherin seit 27 Jahren; und sogar der Hausmeister Dario Pinheiro, der den Perfektionismus seines Chefs nachzuahmen scheint und mit dem Staubsauger bis in die hinterletzten Ecken geht.

          Öde wird der Film nur, wenn er in Reportage-Manier einen überschnappenden Düsseldorfer Mode-Fan nach Paris begleitet. Die Autorin will die Zuschauer abholen, aber es klingt zu sehr nach Vox populi. So kommt der Film nicht an die durchdringende Intensität heran, die Loïc Prigent in seinen Porträts gelingt, allerdings für einen anderen Sender (Arte), eine andere Sendezeit (später am Abend) und ein anderes Publikum (Geduldige).

          Die Verbeugung des Papstes vor Königin Rania

          Wenn man Gott vor der Kamera hat, muss man eigentlich nicht mehr mit dem Fußvolk sprechen. Mit ihrem Motto „Mode als Religion“ hat Martina Neuen den Schlüssel schon in der Hand. Denn die Trend-Begeisterung erinnert als säkulare Ersatzreligion an die Verehrung des Allerheiligsten.

          Lagerfeld, dessen Eltern schon aus der Kirche austraten, ist nüchtern genug, den Metaphernreigen nicht weiterzuführen. An der Kirche interessiert ihn ohnehin vor allem ihre Realgeschichte. Über Religionskriege kann er sich aufregen. Und die Verbeugung des neuen Papstes Franziskus vor Jordaniens Königin Rania, so erzählt er später, fand er peinlich.

          Vier Stunden sind für einen Modegott keine Ewigkeit. Aber Lagerfeld fragte: „Wir haben nur ein Viertel gesehen? Und was passiert in den anderen drei Stunden? Wird das wirklich alles am gleichen Tag gesendet?“ Erschwerend kam hinzu: „Ich hasse Filme über mich. Jedes Mal, wenn ich auf der Leinwand bin, mache ich die Augen zu. Sonst verliere ich jeden Rest an Natürlichkeit, wenn es den überhaupt noch gibt.“

          Vom Herrscher über die Zeit, der den Samstagabend also vermutlich anders verbringen wird, kann man auch lernen, die Zeit gut zu nutzen. Nach der Kurz-Premiere am Mittwoch eröffnete der Modemacher gleich zwei Geschäfte seiner Marke „Karl Lagerfeld“ in der Maffeistraße und gab ein Dutzend Interviews. Sehr spät hob er im Privatflugzeug ab Richtung Paris - von Nürnberg aus, wegen des Münchner Nachtflugverbots.

          Karl Lagerfeld - Mode als Religion läuft an Samstag, 7. September, um 20.15 Uhr bei Vox.

          Quelle: F.A.Z.

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