17.12.2006 · Als er den Deutschen Fernsehpreis in der Rubrik „Beste Comedy“ bekam, war er kurz sprachlos. Dann war sie wieder da, die Berliner Schnauze. Auch beim Interview ist Kurt Krömer in seiner Rolle. Nicht nur optisch.
Als er den Deutschen Fernsehpreis in der Rubrik „Beste Comedy“bekam, war er kurz sprachlos. Dann war sie wieder da, die Berliner Schnauze. Auch beim Interview ist Kurt Krömer in seiner Rolle. Nicht nur optisch.
Herr Krömer, Sie kommen aus Westberlin, sind aufgewachsen in Neukölln und im Wedding. Trotzdem halten viele Leute Sie für einen Ossi.
Da bin ich sehr stolz drauf. Ich bin der erste Komiker, der für Gesamtdeutschland steht und der es nicht nötig hat, im Westen abgeschmackte Ossiwitze zu erzählen. Ist ja immer das gleiche: Die Ossis sind alle rechtsradikal, arbeitsscheu, deswegen auch arbeitslos, leben alle von der Stütze. Also, diese Witze brauchen wir nicht mehr.
Sie kommen gerade von einer Tournee durch ganz Deutschland. Stellen Sie regionale Humorunterschiede fest?
Kaum. Aber früher, also noch vor zwei Jahren, merkte man, wenn man in die Provinz kam. Da waren die Leute manchmal ein wenig schockiert. Was brüllt der denn so rum? Hat der einen schlechten Tag? Findet der unser Dorf nicht toll? Aber jetzt, durch das Fernsehen, wissen 95 Prozent der Leute, wofür sie das Ticket gekauft haben, wofür der Ossi mit der Brille steht.
Spielen Sie ein anderes Programm, wenn Sie in Berlin auftreten? Spezielle Berliner Geschichten, die man außerhalb nicht versteht?
Ich sage ja immer: "Guten Tag, ich bin Kurt Krömer, ich komme aus Berlin-Neukölln." Das verstehen die Leute, auch außerhalb von Berlin, spätestens seit der Sache mit der Rütli-Schule. Oder: "Ja, wir in Berlin sind pleite, wer muß denn jetzt die 60 Milliarden Schulden zahlen: Klaus Wowereit oder ich? Also, ich habe keine Lust, jetzt noch zum Geldautomaten zu gehen, ich kann ja nicht alles machen." Das versteht man auch in Hamburg.
Sie haben gerade den Deutschen Fernsehpreis bekommen, Ihre Bühnenshows sind ausverkauft, und Ihre Sendung ist nicht mehr nur im dritten Programm, sondern auch in der ARD zu sehen. Heben Sie jetzt ab?
Nee, keine Chance, dafür war es viel zu hart. Viele Jahre lang war ich ja der einzige, der fand, daß ich komisch bin. Ich hatte immer Jobs, auf dem Bau oder so, und bin dann abends aufgetreten. Zuerst hier in Berlin in der "Scheinbar". Da gab's open stage, da konnte man sich ausprobieren, egal ob du Kochrezepte hast, jonglierst oder dir eben vorstellst, daß du komisch bist. Da bin ich hingegangen. Ein sensationeller Mißerfolg.
Warum?
Keiner hat gelacht. Ich hatte mir ein Programm für fünfzehn Minuten vorgestellt, aber nach zwei Minuten hab' ich gesagt: "Ich geh' dann mal nach Hause" - und da saßen Leute in der ersten Reihe, die hatten fast Tränen vor Mitleid in den Augen: "Ja, Junge, ist wohl besser so." Ich bin dann immer wieder gekommen, und irgendwann kamen die ersten Lacher. Da habe ich gemerkt, man braucht hundert, zweihundert Auftritte, bevor man weiß, wer man ist. Wo bist du komisch, wo fängt das an, wo bist du unfreiwillig komisch, wo kannste das forcieren.
Etwas forciert wirkt Ihr Bühnen-Outfit: dicke Kassenbrille, schlecht sitzende, farbenfrohe Anzugkombinationen, weiße Schuhe. Rache am Herrenausstatter, bei dem Sie früher die Lehre abgebrochen haben?
Moment mal, das paßt schon zusammen. Hier ist ein lila Farbstreifen in der Hose, und den nehme ich mit den lila Socken wieder auf. Gelernt ist gelernt.
Bei soviel Unauffälligkeit landet man doch zwangsläufig beim Fernsehen. Sie aber nicht, zumindest lange Zeit nicht. An mangelnden Angeboten hat es ja wohl nicht gelegen?
Schon vor drei oder vier Jahren hätte ich eine tolle Karriere bei RTL machen können. Aber dann wäre ich heute wohl schon wieder weg. Rudi Carrell rief damals an: Komm, kannst hier bei "Sieben Tage, sieben Köpfe" mitmachen. Aber ich hab' gesagt: Nee, danke, das will ich nicht. Da war er nicht so begeistert. Ist ihm wohl nicht oft passiert, daß da jemand mal nein sagt. Wurde Zeit. Aber ich bin beseelt von dem Gedanken, das, was ich mache, noch mit achtzig zu machen.
Geradezu hinreißend altmodisch, daß Sie auf den langsamen Aufstieg setzen, auf Beständigkeit. Auch, indem Sie unbedingt ins öffentlich-rechtliche Fernsehen wollten. Da sind Sie jetzt angekommen, sogar im Ersten Programm, als Urlaubsvertretung für Olli Dietrichs "Ditsche", nachts um 0.20 Uhr.
Sehr konservativ, nicht? Man muß sich ja hocharbeiten - und vielleicht startet meine nächste Sendung in der ARD ja schon um 0.15 Uhr. . .
Obwohl Sie sich nun langsam mit dem Fernsehen angefreundet haben, gehen Sie trotzdem nicht zu Stefan Raab.
Nee, da seh' ich mich nicht. Das ist so eine Haudrauf-Comedy, die man mir auch gern unterstellt, wenn es heißt, ich mache mich lustig über meine "Ehrengäste", aber ich mache mich nicht über die "Ehrengäste" lustig.
Wie nennen Sie das denn, wenn Sie jemandem im Publikum zurufen: "Das findest du lustig? Sag das mal deinem Gesicht!" Oder, wenn ein Witz nicht zündet: "Heute haben wir mit dem Publikum aber Pech gehabt!"
Das ist schon was anderes. Bei Stefan Raab ist es so, der haut immer soviel nach unten. Ich lade lieber Claude-Oliver Rudolph ein und drohe ihm dann Schläge an. Das finde ich toll. Weil dann die Leute sagen: Oh, das ist jetzt aber dünnes Eis, mein Freund. Du weißt es vielleicht nicht, aber wir wissen es alle: Wenn der dir eine knallt, dann biste tot.
Harald Schmidt, Rudi Carrell oder Hape Kerkeling, sind das Vorbilder?
Vorbilder eigentlich nicht. Meine Vorbilder sind Louis de Funès, Klaus Kinski, Andy Kaufman oder Leo Bassi. Aber Leute wie Kerkeling oder Harald Schmidt oder auch Rudi Carrell - die haben was vorgelebt, wo man sich was rauspicken konnte. Auch Thomas Gottschalk: Wie redet man mit Leuten, ohne über irgendwas zu reden? Diese leere Sprechblase überm Kopf: Das über drei Stunden hinzukriegen ist ein Phänomen. Möchte ich nicht nachmachen - aber beeindruckend.
Was war die wichtigste Entscheidung in Ihrem Leben?
Ich glaube, nicht alles mitzunehmen. Schön ruhig bleiben. Sich nicht verheizen lassen, nicht nur aufs Geld schielen. Ich will nicht sagen, daß ich der Karl Marx der Comedy-Szene bin: Gags für alle - und umsonst. Aber in der Kölnarena spielen und mit dem Hubschrauber einfliegen, jede Panelshow mitnehmen - das ist nix. Du wirst schnell bekannt, aber du bist auch schnell wieder weg.
Nachdem Sie es sachte angehen lassen mit der Karriere: Was kommt als nächstes?
Ich schreibe gerade ein neues Programm. Und wir planen die Fortsetzung meiner Sendung in der ARD. Meine Showfamilie wird aber zur Adoption freigegeben, ich trete alleine auf. Es soll dann einfach "Krömer" heißen. Und dann will ich irgendwann mal einen Spielfilm machen. Genre ist mir noch nicht richtig bewußt, vielleicht ein Krimi?
Ein ernsthafter Film?
Nein, das nicht. Aber er soll schon schauspielerisch angelegt sein. Ich will nicht eine Horde von Komikern in einen Film packen, und jeder erzählt dann mal einen Witz. Schon etwas, das ein wenig abweichend ist. Also nicht Götz George in "Der Totmacher" - aber eine Mischung aus "Der Totmacher" und Kurt Krömer.
Man kann es sich kaum vorstellen, aber Sie haben schon Theater gespielt, ernsthafte Rollen.
Dabei fing es ganz übel an. Ich hab' an einer Schauspielschule hospitiert, nur zugeguckt - und bin trotzdem rausgeflogen.
Warum?
Da war eine Schülerin, Dörte, und die hatte als Aufgabe zu spielen: Eine Toastscheibe verläßt den Toaster. Dörte war dann erst der Toaster, wurde dann in einem character changing zur Toastscheibe, ist hochgesprungen und landete auf dem Rücken. Und ich saß hinten in der Ecke und hab' mich totgelacht. Da mußte ich dann gehen.
Statt großer Bühne dann also viele Übungsrunden als Komiker ohne Lacher - und Tingeln auf Betriebsfesten?
Ja, das hab' ich auch gemacht. Genau dreimal. Kohle hat ja immer gefehlt. Aber nach dem dritten Mal hab' ich mir gedacht: Nee, das mach ich nicht, da lutsch' ich lieber am Stein. Oder ich mach' es wie vorher: Tagsüber arbeiten, abends auftreten. Es ging nicht. Und die Leute haben mich gehaßt.
Wie lief das ab?
Das letzte Mal war bei Tchibo. Da stand so ein Dicker direkt vorne, der hat laut gequatscht die ganze Zeit. Da war ich politisch inkorrekt gewesen, tut mir auch leid, und da hab' ich gesagt: "Halt die Schnauze, du fette Sau." Leider war das der Chef gewesen. Und dann ging's los: Alle hatten so komische Klack-Frösche. Klack-klack-klack-klack. Alle. Ich dachte, ich bin bei Scientology. Und dann haben sie "Buh" gerufen und "Aufhören". Und der Veranstalter hat immer im Backstage mit dem Scheck gewinkt: "Sie können aufhören jetzt, Sie können aufhören."
Und? Haben Sie?
Nee, ich hab' mir gesagt: Ich bin gebucht für 'ne halbe Stunde, und die zieh' ich jetzt auch durch. "So, denn wollen wir mal loslegen: Wieviel Scheinwerfer haben wir denn hier? Eins, zwei, drei . . ." Auf 55 bin ich gekommen. Dann habe ich weitererzählt. "Ich werde dann rausgehen, ach nee, sind ja noch zwei Minuten, ich bleib' noch mal da." Für mich war das damals ein wunderschönes Training: Wo ist die Schmerzgrenze erreicht? Ich bin damals unheimlich überm Limit gewesen. Verabschiedet hab' ich mich dann mit: "So, jetzt trink' ich erst mal 'ne Tasse Dallmayer."
Überlegt man dann, alles hinzuwerfen?
Nee, das war eine wichtige Erfahrung. Wie auch die Straßenfeste, Bierzelte, die schlechten Auftritte in der "Scheinbar": Das war hart, aber toll. Ich hab' viel gelernt. Nur Möbelhaus hab' ich nie gemacht, das lass' ich aus.
Das kommt dann nach dem Höhepunkt der Karriere, auf dem Weg nach unten.
Ja, genau. Rex-Gildo-mäßig. Kurz bevor ich dann aus dem Klofenster springe.
Man hat das Gefühl, Ihr Humor paßt gut zur Situation von Berlin. Kein Geld da, aber man geht beschwingten Schritts in den Untergang.
Na ja, sechzig Milliarden Schulden sind sechzig Milliarden. Ich bin ein Arbeiterkind aus Neukölln und hatte mein Leben lang Schulden gehabt, also ich weiß, wie das ist. Aber jetzt so Sprüche abzulassen wie "arm, aber sexy" finde ich überflüssig. Hört sich vielleicht ein bißchen pathetisch an, aber ich liebe meine Stadt. Zu doll hauen wir da nicht drauf.
Das Gespräch führte Tilmann Lahme.
langweilig?
Katharina Thomas (Katlis)
- 16.12.2006, 00:18 Uhr