Der Name wirbt wenig für das Produkt: „Kulturwertmark“, so nennt sich das Konzept, mit der Chaos Computer Club nach all den vergeblichen Anläufen antritt, die Probleme von Eigentum und Urheberrecht im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit zu lösen. Die Mischung aus Traditionalismus und staksigem Verwaltungsdeutsch, in der das neue Vergütungsmodell daherkommt, mag gegenüber der vieldiskutierten Kulturflatrate sprachlich immer noch das kleinere Übel sein, schreibt aber doch unverkennbar die Tendenz zur geistigen Kontingentierung kultureller Erzeugnisse fort.
Seine Initiatoren verstehen es als Vorschlag zur Güte. Das Modell soll dem Künstler im Netz seinen gerechten Lohn garantieren, genauso wie es der Öffentlichkeit zusichern soll, dass der Zugang zu seinen Werken nicht durch digitale Rechtekontrolle behindert wird. Um das zu erreichen, verspricht man, beide Glieder der Verwertungskette fast nahtlos miteinander ins Verhältnis zu setzen, möglichst unter Ausschluss aller Zwischeninstanzen.
Das Ergebnis ist eine Art digitalen Mäzenatentums. Anders als bei der Kulturflatrate, die eine pauschale Entlohnung vorsah, darf der Internetnutzer bei der Kulturwertmark direkt bestimmen, welchem Künstler er seine materielle Gunst zukommen lässt. Über seinen Netzanschluss wäre er hier zu einer festen monatlichen Beitragszahlung verpflichtet, die in die digitale Währung von Kulturwertmarken umgemünzt würde und über die er nach Gutdünken in Form von Micropaymenteinheiten verfügen könnte. Bei einer Gebühr von fünf Euro kämen so rund eineinhalb Milliarden Euro zusammen. Langfristig sollten dann alle Steuerbürger an das von einer Stiftung präsidierte System angeschlossen werden.
Die digitale Allmende soll wachsen
Die Analogie zur Gebühreneinzugszentrale, die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Geld einzieht, ist da nicht weit und ließ in den Kommentaren der Blogosphäre nicht lange auf sich warten. Die Internet-Nutzer sollen zum Beitrag verpflichtet sein, dem Künstler stünde es dagegen frei, an dem Verwertungssystem teilzunehmen. Genauso wie er innerhalb des Systems selbständig eine in Kulturwertmarken abzugeltende Gebühr für den Download seines Werkes festsetzen kann.
Im Gegenzug, so will es das Konzept, sollen seine Werke nach einigen Jahren oder bei Erreichen einer bestimmten Summe von Kulturmarken jedem frei zur Verfügung stehen, solange keine kommerziellen Interessen damit verfolgt werden. Das Werk fiele fortan unter eine freie Lizenz und erweiterte die digitale Allmende. Offen ist bisher, wie hoch diese Summe sein soll und von wem der Grenzwert festgesetzt würde. Der Dirigismus, den man auf der einen Seite ausgetrieben hätte, droht auf der anderen auf diese Weise sofort wieder hineinzukommen. Und der Wettbewerbsgedanke, den das Modell stimulieren will, wäre schon wieder ein Stück weit zurückgenommen.
Auflösung des Urheberrechts
Die Reaktionen im Kultursektor fallen noch spärlich aus: Martin Maria Krüger, der Präsident des Deutschen Musikrats, lobt im Gespräch mit dieser Zeitung den gegenüber der Kulturflatrate differenzierten Zugang der Initiative des Chaos Computer Clubs zu Urheber und Werk, äußert aber deutliche Vorbehalte angesichts der starken materiellen und zeitlichen Beschneidung der Autorenrechte. Der Plan enthalte „eindeutige Tendenzen, die Rechte des Autors in materieller wie zeitlicher Hinsicht stark zu beschneiden.“ Hier aber dürfe es „keine Kompromisse geben: Kreativität als grundlegender Rohstoff der Gesellschaft muss in adäquater, das heißt keinesfalls neuen Beschränkungen unterworfener Vergütung geistigen Eigentums ihr Äquivalent finden.“
Die Rechnung müssten wohl andere bezahlen. Denn der ungehinderte Zugang zu allen Werken lässt sich nur durch eine weitgehende Auflösung des Urheberrechts und der Verlagsrechte erreichen. Die Schutzfristen sollen deutlich verkürzt und die rechtliche Verfolgung privaten Kopierens auf kommerzielle Verstöße beschränkt werden. Was nichts anderes als eine Legalisierung des privaten Filesharings bedeutete. Ungeklärt bleibt bisher auch die Frage, wie es bei kollektiven Werken aussähe, bei einem Konzert, das von einem ganzen Orchester aufgeführt wird oder bei einem Film, der von einer vielköpfigen Crew geschaffen wurde. Der Chaos Computer Clubs hat einen überlegenswerten, aber zwiespältigen Vorschlag präsentiert. Er favorisiert einen Kunst- und Kulturbegriff, der zu stark vom Gedanken des Einzelgenies gefärbt ist, um alle Probleme zu lösen.
Jetzt auch noch die Kultur-GEZ?
Peter Schmidt (voxx)
- 28.04.2011, 18:02 Uhr
Lena hätte sich gefreut ...
Paula Pilcher (PaulaPilcher)
- 28.04.2011, 19:24 Uhr
Eine Lösung ist nötig, nur: Die "feine" Lösung gibt es nicht!
nick fury (monoman)
- 28.04.2011, 22:39 Uhr