24.01.2010 · Das Internet als Quelle der Verderbnis: Ultraorthodoxe Rabbiner in Israel verbieten religiöse Netzportale, die ihnen zu liberal und eigenständig geworden sind. Stehen hinter der religiös-moralischen Begründung wirtschaftliche Interessen?
Von Joseph CroitoruDas Internet war bei den Ultraorthodoxen, vor allem bei den aschkenasischen, in Israel lange Zeit tabu. Teufelszeug sei es, wetterten ihre Wortführer, eine Zone der Sünde und der Verderbnis. Als sich 2006 herumgesprochen hatte, dass junge strenggläubige Männer in Jerusalem ein säkulares Internet-Café im Stadtzentrum unweit von einem Wohnviertel der Haredim (Gottesfürchtigen) frequentierten, wurden sie von den eigenen Sittenwächtern nicht nur verwarnt, sondern auch heimlich fotografiert. Nachdem die Drohungen, man werde die Aufnahmen publik machen, nicht halfen, wurde das Lokal von Eiferern gestürmt und verwüstet.
Dem virtuellen Netz und seinen Vorteilen völlig verschließen wollten sich die Haredim allerdings auch nicht, zumal die Internetportale der großen israelischen Tageszeitungen religiöse Surfer zunehmend mit einschlägigen Nachrichten versorgten – zum Ärger der ultraorthodoxen Rabbiner, die keinerlei Kontrolle über den Inhalt hatten. Zähneknirschend mussten sie zur Kenntnis nehmen, dass sich unter den netzfreundlichen Haredim eine virtuelle Subkultur etabliert hatte. In – wohlgemerkt streng reglementierten und überwachten – Chatforen wurde hier von Ultraorthodoxen zum erstenmal öffentlich Kritik an der Berichterstattung der eigenen Printpresse und deren Meinungsmonopol geübt. Ein Teil dieser rasch populär gewordenen Foren wurde vor einigen Jahren von einem säkularen israelischen Geschäftsmann aufgekauft, der sie zu dem Portal „Behadrei haredim“ (zu Deutsch etwa: unbeobachtet bei den Gottesfürchtigen) bündelte.
Ungewollte Liberalisierung
Als nun eine liberale Redaktionspolitik und ein großzügiges Multimedia-Angebot die Beliebtheit dieser Foren noch steigerten, gerieten die Ultraorthodoxen unter Zugzwang. Einige ihrer führenden Rabbiner ließen die Einrichtung mehrerer Portale zu, die sich als strengere Alternativen präsentierten. Eines davon nannte sich selbstbewusst „Haredim“, ein anderes gab sich mit dem Namen „Koogle“ modern und traditionsbewusst zugleich: Kugel ist bei den aschkenasischen Ultraorthodoxen ein Nudelauflauf mit Kultstatus.
Indes geschah, was auch sonst im Internet geschieht: Die beabsichtigte Kontrolle stieß bald an ihre Grenzen. Um ihre Besucher nicht zu verlieren, ließen die religiösen Portalbetreiber auch unbequeme Lesermeinungen zu, die sonst anderswo veröffentlicht worden wären. Auch in der Berichterstattung passte man sich der liberaleren von „Behadrei haredim“ an und verfolgte nun eine immer offenere Informationspolitik. Das vor etwa einem halben Jahr in Betrieb genommene Newsportal „Haredim“ eröffnete unlängst sogar einen Blog für ultraorthodoxe Frauen. Und die Konkurrenz „Nayesnet“ ging gar so weit, militante Eiferer, die in Jerusalem gegen die vermeintliche säkulare Unmoral lautstark demonstriert hatten, an den Pranger zu stellen.
Virtuelle Geisterstätten
Für die führenden Rabbiner der verschiedenen – und häufig auch zerstrittenen – ultraorthodoxen aschkenasischen Glaubensgemeinden, die wohl auch einen gegenseitigen Verleumdungskrieg über das Internet fürchteten, hatte diese Entwicklung alarmierende Ausmaße angenommen. Vor einigen Wochen gingen sie zum Angriff über: Dreißig von ihnen schlossen sich zusammen und gaben über eine Annonce in drei ihrer einschlägigen Zeitungen bekannt, dass ihren Anhängern die Nutzung der ultraorthodoxen Nachrichtenportale ab sofort untersagt sei. Wie einst zu Zeiten des totalen Internet-Boykotts wurde auch jetzt wieder mit dem angeblich moralisch verderbenden Einfluss des Internets argumentiert.
Das Verbot hat in Israel Entsetzen ausgelöst, nicht zuletzt auch deshalb, weil es unmittelbare Folgen hatte. Mehrere der von den Frommen betriebenen Nachrichtenseiten stellten ihre Aktivitäten umgehend ein – „Koogle“ mutierte über Nacht zu einem reinen Shopping-Portal. Auch das in säkularem Besitz befindliche „Behadrei haredim“, das von den orthodoxen Seitenbetreibern immer wieder als ketzerisch gebrandmarkt wurde, kam nicht ungeschoren davon: Sein Chefredakteur und ursprünglicher Betreiber David Rotenberg trat unerwartet zurück. Wie virtuelle Geisterstätten wirken nun die eingefrorenen Websites. Statt auf aktuelle Nachrichten trifft man nun dort auf Klagen über die eigenen finanziellen Verluste, auf halbherzige Entschuldigungen und mitunter auch verhaltene Kritik am Verbot der Rabbiner.
Es wird gemunkelt, dieses hänge möglicherweise mit geschäftlichen Interessen zusammen. Tatsächlich meinen säkulare Kenner des ultraorthodoxen Sektors, dass es hier weniger um moralisch-religiöse Fragen als ums Geschäft gehe: um Anteile am Anzeigenmarkt, die der ultraorthodoxen Printpresse durch die neuen Konkurrenten im Netz für immer hätten verlorengehen können. Während der Betreiber von „Behadrei haredim“ eine Klage wegen Verleumdung und Geschäftsschädigung erwägt, machen säkulare Kommentatoren kein Hehl aus ihrer Schadenfreude darüber, dass die Haredim nun wieder notgedrungen die säkularen Websites aufsuchen werden: heimlich, versteht sich.