28.08.2009 · Seit geraumer Zeit geistert der ominöse Begriff der Kulturflatrate durch die bildungspolitische Debatte. In Berlin diskutierten Medien-Vertreter die Umsetzbarkeit einer pauschal entgoltenen Grundversorgung im Internet - mit bescheidenem Ergebnis.
Von Regina MönchWas Schriftstellern, Verlagen oder Zeitungen blühen würde, wenn alles, was sie aufwendig erschaffen und produzieren, im Internet umsonst zu haben wäre, weiß niemand genau. Der moralisch-liebenswerte Appell, Kopien brauchten Originale, stammt aus der analogen Zeit und scheint auf dem Internetmarkt zwar nicht ungehört, aber folgenlos zu verhallen. Um ungezügelter Piraterie beizukommen, hat man versucht, das Urheberrecht zu reformieren und seit geraumer Zeit eine sogenannte Kulturflatrate zur Diskussion gestellt. Die soll all jenen zugutekommen, deren geistiges Eigentum auf den Krabbeltischen des weltweiten Netzes angeboten wird. Aber wer sollte dafür zahlen und wieviel und an wen?
Als Vorbild wird gern die bewährte Privatkopierregelung genannt, die es erlaubt, über Verwertungsgesellschaften wie die VG Wort eine Gebühr einzutreiben und an die Urheber zu verteilen. Doch sind die Raubkopisten des Internets nicht so leicht auszumachen wie Nutzer von Kopiergeräten. Also sollen alle zahlen, aber wollen das alle? Zum Streitgespräch um all diese Rätsel hatte jetzt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Berlin geladen – den Schriftsteller Thomas Brussig, die Kulturpolitiker Monika Griefahn (Grüne) und Hans-Joachim Otto (FDP), die Medienökonomin Gisela Schmalz und den Blogger und Autoren Sascha Lobo. Letzterer sollte wohl den Part des Partisanen, des Gegners geordneter Verträge bedienen und weigerte sich prompt. Er sei nicht unbedingt dagegen, sagte Lobo freundlich, nur wüsste er gern genauer, worum es hier wem gehe, bevor er sich eine Meinung bilde. Und da viel die Rede war von darbenden Kreativen, erinnerte er die Runde daran, dass von ihrer geistigen Arbeit Früchte schon jetzt sehr viele mitnichten leben könnten. Ein Fehler zweifellos, doch könne den das Internet nicht heilen. Lobo empfahl, sich an der Musikindustrie zu orientieren, die mit neuen Geschäftsmodellen längst wieder Gewinne mache.
Niemand weiß, wie es funktionieren soll
Die Medienökonomin verteidigte das Internet als „Geschenk“ und glaubt an Aufklärung durch Kreative, die als eine Art Wanderprediger durch die Schulen ziehen sollen. Thomas Brussig wiederum glaubt, mit fünf Euro monatlich und dem VG-Wort-Modell sei eine Kulturflatrate zu organisieren. Die fünfzig Euro, die Justizministerin Zypries ins Gespräch brachte (F.A.Z. vom 27. Mai), hält er für überzogen. Wieso, blieb nebulös, denn seriöse Zahlen fehlen. Hans-Joachim Otto hielt darum zuerst einmal die Freiheit hoch: der Künstler schließe seine Verträge nicht als Kollektiv, sondern als Individuum, mit seinem Ja zu einer Flatrate verliere er die Rechte am eigenen Werk. Nein, widerspricht ihm Monika Griefahn, das könne man vertraglich regeln. Wie, scheint keiner so genau zu wissen.
Ungelöst auch die Frage, wie man eine Kulturflatrate eintreibt und deren Erlöse verteilt. Gerecht sollte es zugehen, aber nicht sozialistisch und unter Ausschluss von Pornografen und Nazis. Ottos Schreckgespenst vom öffentlich-rechtlichen Internet entschwand undiskutiert. Und niemand widersprach Lobo, der schlussendlich feststellte, dass offenbar niemand wisse, wie das funktionieren soll. Sein weiser Rat: Gehen wir der Sache erst einmal auf den Grund.