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Neue ARD-Comedy „Kroymann“ : Miss Maren schwingt den Rollator

  • -Aktualisiert am

Maren Kroymann in der Pop-Revuenummer „Wir sind die Alten“ Bild: ARD

Selbstreflexive Witze und Kükenschreddern: Das neue Comedy-Format „Kroymann“ ist nicht frei von alten Gags. Trotzdem könnte es noch was werden mit dem Humor im Ersten.

          „Böhmer“ heißt jetzt „Kroy“, auch sonst ist manches neu, zum Beispiel Geschlecht, Alter und Leitthematik. In Maren Kroymanns jüngster Comedy-Attacke dreht sich beinahe alles um die himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass die Gesellschaft ältere Frauen ganz selbstverständlich in die Schublade „Oma“ einsortiert, während bejahrte Männer als reif, sexy oder präsidial gelten. Dass viele Männer dafür in jungen Jahren lange in der Schublade „pickliger Volltrottel“ schmorten, während die Altersgenossinnen längst mit den Jungs der höheren Jahrgangsstufen ausgingen, soll gar kein Gegenargument sein: Da hat der Feminismus noch ein wirkliches Ziel und muss sich nicht in Grammatikschlachten verkämpfen.

          Den Angriff auf das Rollenklischee mit weiblichem Charme, Selbstironie und bösem Witz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu führen ist an sich keine schlechte Idee. Nur gibt es dafür seit langem Gerburg Jahnkes prächtige „Ladies Night“ im WDR. Maßstäbe in Sachen Humor hat natürlich auch Anke Engelke mit „Ladykracher“ gesetzt. Dem fügen die Autoren von „Kroymann“, zu denen der für Böhmermann tätige Formate-Entwickler Sebastian Colley und der unermüdliche Kolumnist Hans Zippert gehören, nur wenig hinzu. Aber das wenige ist souverän gespielt.

          Selbstreflexives Witzgeplänkel

          Als Rahmenhandlung dient ein Besuch Maren Kroymanns bei der Psychologin Helene Deutsch (Annette Frier), die die Sorgen ihrer Patientin mit jedem Satz vergrößert. Dabei fällt viel selbstreflexives Witzgeplänkel ab, das leider müder wirkt als Aschermittwochsreden der CSU. Über alte Schachteln lache die Gesellschaft doch am liebsten, versichert die Frau vom Fach, man sehe sich nur Miss Sophie an. „Die ist neunzig!“ „Ja eben, das ist ja die Zielgruppe vom ZDF.“ „Ich mache das für die ARD.“ „Noch besser, die lachen sogar über Guido Cantz.“ Au weia.

          Maren and the Gang: Die Femen-Aktivistinnen sind nicht ganz so begeistert über die neue Möchtegern-Frontfrau.

          Die Einzelsketche sind dann eine Spur härter. So halten es zwei Bankchefs (Burghart Klaußner, Arved Birnbaum) für „Gleichstand“, dass sich eine Frau und ein Rollstuhlfahrer um einen Vorstandsposten bewerben: „Haben wir zwei Kandidaten mit je einer Behinderung“. Nun beginnt ein Handicap-Wettbieten: „Lesbisch“, „Moslem (soeben online beigetreten)“, „Afroamerikanerin (mit Pigmentstörung)“, „jüdischer Großvater“. Der männliche Mitbewerber kann hier allerdings nur „Theresienstadt“, nicht „Auschwitz“ vorweisen: „Na ja, das ist ja nicht die volle Punktzahl.“ Hat es den Gag wirklich gebraucht? Kroymann zaubert immerhin noch eine unerwartete Behinderung aus der Handtasche.

          Altgediente Feministin bei Femen

          Drollig ist der Sketch, der erzählt, wie die altgediente Feministin bei einer Femen-Aktion mitzumachen versucht, denn die Aktivistinnen finden die Vorstellung, Oma könnte sich ausziehen, genauso erschreckend wie die vom Besuch der halbnackten Protestküken angetanen Politiker. Die Aussagekraft – Femen als Teil des Problems, nicht der Lösung – bleibt aber überschaubar, nicht anders bei der Karikierung von Erika Steinbach als homophobes Rechtsaußen-Biest oder bei der Verkörperung einer Starschauspielerin, die im Gespräch mit einer Schauspielschuldozentin (Cordula Stratmann) dem weiblichen Nachwuchs einzig das Wuchern mit körperlichen Vorzügen empfiehlt.

          So köchelt alles auf recht kleiner Flamme vor sich hin. Erst die kükenschreddernde Pop-Revuenummer „Wir sind die Alten“ weist tatsächlich Böhmermann-Qualitäten auf, weil sie in alle Richtungen austeilt. Auf der Textebene erscheinen die jungen Naiven, die mit Online-Petitionen die Welt verändern wollen, als Loser: „Ihr denkt zwar, ihr seid die Geilsten, aber wir sind die meisten.“ Aber dahinter steht die bitterböse These von der Krise der Demokratie aufgrund von Demographie, eine gesungene Abrechnung mit der Renitenz egozentrischer Rentner: „Wir scheißen auf Klimawandel, nach uns die Sintflut!“ Trump, Brexit, AfD, ja, da ist schon was dran: „Die Welt gehört den Rentnern.“ Und die sind nicht nur in der Überzahl im Wahllokal, jetzt übernehmen sie auch noch die Fernsehcomedy. Aber das lässt sich aushalten, denn diese erste Ausgabe von „Kroymann“ macht neugierig auf mehr.

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