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„Tatort“ aus Bremen : Es ist eine einzige Raserei

Abermals Teil des Ermittlerteams und immer noch zugleich unaus- und unwiderstehlich: Linda Selb vom BKA (Luise Wolfram). Bild: Radio Bremen

Zwischen Hetze und bedingungsloser Liebe: Der „Tatort. Nachtsicht“ aus Bremen zeigt, wie das trügerische Idyll einer Familie sich Stück für Stück zerlegt.

          Das Auto ist eine potentielle Waffe. Das Gaspedal kann zum Abzug werden. In Berlin hat das Landgericht jüngst zwei Autofahrer wegen Mordes schuldig gesprochen und zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Die beiden Männer hatten bei einem illegalen Autorennen auf dem Kurfürstendamm in der Innenstadt einen schweren Unfall verursacht, bei dem ein Mann ums Leben kam. Die Staatsanwaltschaft argumentierte, die Angeklagten hätten zwar niemanden vorsätzlich töten wollen, tödliche Folgen aber billigend in Kauf genommen.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der „Tatort. Nachtsicht“ schaltet in seiner Geschichte noch einen Gang höher. Die Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) bekommen es in einem ihrer letzten Fälle mit einem maskierten Autofahrer zu tun. Ausgerüstet mit einem Nachtsichtgerät, steigt er mit der Absicht ins Auto, Menschen zu jagen. Das Vehikel, das er auf den Landstraßen rund um Bremen dafür gebraucht, ist denn auch wirklich eine scharfe Waffe. Lackiert mit mattschwarzer Spezialfarbe, ausgestattet mit austauschbaren Stoßstangen, dunklen Felgen mit hohem Durchmesser und einem potenten Elektromotor Marke Eigenbau, damit er ohne verräterisches Motorengeräusch auf Schleichfahrt gehen kann. Diese Maschine wirkt nicht nur etwas konstruiert, sie ist es auch. Dabei soll es auch im echten Leben Menschen geben, die mit einem Nachtsichtgerät aus alten Ost-Armeebeständen in schweren, schwarz lackierten Siebziger-Jahre-Karossen ohne Licht über die Autobahn brettern.

          Ein derartiger Fetisch kann harmlos sein - hier ist er es nicht

          Bereits der Vorspann widmet sich ausgiebig – es wirkt fast etwas zu feierlich und damit verstörend bis zynisch – der Reinigung der Tatwaffe. Hände in grauen Gummihandschuhen tauchen einen Schwamm in ein Meer aus weißem Schaum, der kurz darauf in Zeitlupe auf der Motorhaube verteilt wird. Als der Schwamm wieder eingetaucht wird, färbt sich das Wasser rot. Detailverliebt folgt die Kamera von Hendrik A. Kley den Strömen des Wassers zu Felgen, Stoßstange, Scheinwerfer und Kühlergrill. Hier geht es um einen Fetisch.

          Hier war ein Profi am Werk: Die Bremer Kommissare (von links) Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) Inga Lürsen (Sabine Postel) und Linda Selb vom BKA (Luise Wolfram) untersuchen das Tatfahrzeug.

          Ein derartiger Fetisch kann harmlos sein. Hier ist er es nicht. Ebenso wenig wie dieser ganze „Tatort“. Es wird viel Tragik verhandelt in dem Drehbuch von Matthias Tuchmann und Stefanie Veith. Tragisch ist er auch deshalb, weil Matthias Tuchmann die Ausstrahlung seines Films nicht mehr miterleben konnte. Er starb mit 42 Jahren im Herbst 2016, während der Film geschnitten wurde. „Nachtsicht“, heißt es von Radio Bremen, ist ihm gewidmet.

          Im Film schrumpft der Kreis der Verdächtigen schnell. Von der dritten Minute an kreist der „Tatort“ um die Familie Friedland. Das Handy ihres Sohnes und Sorgenkindes Kristian (Moritz Führmann) – „geboren 10.03.79, Maler und Lackierer“ – ist an einem Tatort gefunden worden. Das Opfer wurde mehrfach und „gezielt“ überfahren. Dank der gescheiten, aber etwas autistisch veranlagten Kollegin Linda Selb vom BKA (Luise Wolfram) – die es Kommissar Stedefreund angetan hat – ist man dem Täter ohnehin schnell auf der Spur.

          „Je länger ich auf dieser Welt lebe, desto weniger kenne ich mich darin aus“, sagt Kristian, als ihn die Kommissare Lürsen und Stedefreund verhören. Doch Kristians Vater Jost (Rainer Bock) platzt herein und beendet die Sache. „Du weißt, was du tust. Ich vertrau dir“, sagt er später zu seinem Sohn und steckt ihm Geld zu. Ob er seiner Freundin Tajana (Natalia Belitski) etwas gesagt habe? „Nein.“ „Dann sage ich Mama auch nichts davon.“ Die Mutter, Leonie Friedland (Angela Roy), ist gestraft genug. Sie verlor bei einem Unfall ihren Unterschenkel und leidet unter starken Schmerzen.

          Damit ist die Bühne bereitet für das Porträt einer Familie, in der die Eltern mit aller Kraft versuchen, an einer heilen Welt festzuhalten, die es nicht mehr gibt. Die Kommissare Lürsen und Stedefreund werden dabei zu Nebenfiguren.

          Momente einer Zweisamkeit, deren Zeit längst abgelaufen ist

          Das Katz-und-Maus-Spiel über eineinhalb Stunden durchzuhalten ist ambitioniert. Je länger das Vor und Zurück dauert, je deutlicher die Risse im Idyll zu erkennen sind, desto stärker wird der Fluss der Handlung unterbrochen, scheint der „Tatort“ unter der Regie von Florian Baxmeyer zwischenzeitlich in Episoden zu zerfallen. Zusammengehalten wird die Geschichte durch Rainer Bock und Angela Roy, die die Eltern Friedland spielen. Sie schaffen intime und beklemmende Momente einer Zweisamkeit, deren Zeit längst abgelaufen ist. So wuchtig knirschend die Härte des Filmes manchmal hervorbricht, sein Ausklang ist so sanft wie schmerzend.

          Dieser „Tatort“ verlangt dem Zuschauer einiges ab. Er ist das Gegenteil des experimentellen Laienspiels, mit dem zuletzt der „Tatort“ aus Ludwigshafen hervorgetreten ist und das der Schauspielerin Sabine Postel zu Recht so gar nicht gefallen hat („furchtbar“). Dass sie und ihr Kollege Oliver Mommsen beim Bremer „Tatort“ nach zusammengerechnet vierzig „Dienstjahren“ auf eigenen Wunsch den Dienst quittieren, zeigt, dass sie auch über die einzelnen Episoden der Krimireihe hinaus das richtige Einfühlungsvermögen für das richtige Timing haben. Sie hören auf, bevor man auf die Idee kommen könnte, ihre Zeit sei abgelaufen. Fünf „Tatorte“ mit ihnen sehen wir noch, bevor sie 2019 von der Fernsehbühne abtreten.

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