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Veröffentlicht: 20.03.2017, 17:55 Uhr

Sylt-Krimi „Nord Nord Mord“ Werter Herr, zeigen Sie mir Ihr Überdruckventil?

Der Sylt-Krimi des ZDF schickt Kommissar Clüver durch die Tiefen und Höhen und wieder Tiefen des Amourösen. Wer Spannung sucht, ist hier nicht unbedingt richtig – dafür gibt es Sand, Wind und Salzwasser.

von Oliver Jungen
© dpa Geballte Ermittlerkraft: Die Kommissare Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk), Ina Behrendsen (Julia Brendler) und Theo Clüver (Robert Atzorn) beobachten scharf.

Auf Sylt kann man sich leicht verlieben, muss es fast schon, um dem übermächtig andrängenden Meer etwas entgegenzusetzen. Selbst Thomas Mann ist das passiert, er hat hier 1927 den jungen Klaus Heuser kennengelernt. Aber Verlieben reicht noch nicht, um Sylt in seiner kargen, windigen, so gar nicht amönen Schönheit zu charakterisieren. Es muss eine unmögliche Liebe sein, ein Augenblick, der sich nicht halten lässt, nicht einmal durch Seelenopfer. „An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt“, hinterließ der Schriftsteller im Gästebuch seiner Sylter Herberge; da ahnte er längst, dass in diese Liebe seines Lebens die Ruine schon eingebaut war, die „letzte Leidenschaft“ ewig Sehnsucht bleiben würde. Das Angewehtwerden von der Liebe in ihrer Gewalt und Flüchtigkeit, der Orientierungsverlust, wenn diese Welle einen herumwirbelt – Aphrodite entstammt ja nicht zufällig dem Meer –, das ist auch das Grundthema der neuen, nach Ausflügen ins Flapsige diesmal leicht melancholischen Episode der Inselkrimireihe „Nord Nord Mord“, in der das entspannteste Ermittlerteam Deutschlands Dienst tut, ohne sich dabei allzu wichtig zu nehmen.

Das Buch von Thomas Oliver Walendy entwickelt seine Überzeugungskraft nicht aus dem eher kontrastarmen Kriminalfall, sondern konzentriert sich auf die Figuren und ihre Beziehungen. Dass zu Beginn ein Toter gemeldet wird, der längst als tot gilt und dessen Leiche nicht aufzufinden ist, das weist ebenfalls auf eine nach innen gerichtete Erzählhaltung. Hat die vermeintliche Entdeckerin bloß halluziniert? Oder gelogen? Inselkommissar Theo Clüver (Robert Atzorn) hat keine rechte Lust zu Ermittlungen. Er versinkt in Traurigkeit, weil seine aus Indien zurückerwartete Ehefrau ihm lediglich Scheidungsunterlagen zukommen ließ. Im Gegenschnitt werden wir Zeugen eines Glücks, das wiederum ganz eigene Tücken hat: Die Entdeckerin des Toten, eine rumänische Angestellte einer kleinen Reinigungsfirma (Cosmina Stratan), liegt in den Armen ihres Chefs, der ihr ein Bündel Geldscheine zusteckt. Für die gemeinsame Zukunft. Paul Potter (Martin Lindow) will nämlich seine Familie verlassen, um neu anzufangen. Die Liebe schämt sich keiner Gründe, Kitsch hin oder her: „Wenn ich bei Alida war, dann war der Winter nicht mehr kalt.“

© ZDF Fernsehtrailer: „Nord Nord Mord“

Ohne dass es aufgesetzt wirkte, erlebt auch Clüver bald den Heizwert der Verliebtheit, obschon er die am Strand aufgelesene, verloren wirkende Frau (Annette Frier), die sich – augenklimpernd – nach Kaminfeuer und einer Schulter sehnt, mit den Vorzügen seiner Gasheizung in die eigene Hütte komplimentiert hat. Dass es sich ausgerechnet um die Witwe des geheimnisvollen Toten handelt, der Monate zuvor bei einem Jachtunfall ums Leben gekommen sein soll und nun womöglich postum Karriere als häusliches Mordopfer macht, ist eine bittere Erkenntnis. Selbst dem verschossenen Kommissar drängt es sich auf, benutzt worden zu sein. Oder doch nicht? Verlieren alle Erschütterungen ihren Schrecken, wenn man begonnen hat, tief zu leben?

Der mit Märchenverfilmungen hervorgetretene Regisseur Christian Theede lässt seinen Figuren Raum, um sich Stimmungen hinzugeben. Indem er leitmotivisch die ins Meer sich fortsetzende Weite der Insel ins Bild setzt, hebt er auf die Kleinheit des Menschen ab: ein Wattwurm, der von einem anderen Wattwurm nicht lassen will, wenn er ihn einmal gefunden hat. Das kann in Tragödien münden. Die Liebesthematik führt viel tiefer in den Fall hinein, als es allen schwant.

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Auf einer Dienstreise zur dänischen Nachbarinsel Röm kommen sich auch der tapsige, für die Komik der Serie zuständige Hilfssheriff Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk) und die mehr aus Spaß mit ihm flirtende Kollegin Ina Behrendsen (Julia Brendler) näher, was natürlich im Debakel endet, allerdings anders als erwartet. Die mit schöner Leichtigkeit gespielte Nebenhandlung der beiden sonst wie Monde das Zentralgestirn Clüver umkreisenden Ermittler, die für einen Moment von ihren Bahnen abweichen und sich dieser seltsam ungreifbaren Anziehungskraft überlassen, bevor sie zurückschrecken, ist tatsächlich anrührend. Das unterscheidet sie von den üblichen Schmunzel-Nebensträngen.

Da sieht man auch gern über einige recht dusselige Szenen hinweg, einen entscheidende Hinweise liefernden dänischen Eremiten etwa. Der Rest ist Sand, Wind und Salzwasser. Wer Spannung sucht, ist hier nicht unbedingt richtig. Dafür zeigt Theedes ruhiger Film, in dem uns auch Peter Lohmeyer in einer Nebenrolle begegnet, wie Begehren, Trauer und Eifersucht im Verborgenen wirken. Noch einmal Thomas Mann zu Sylt: „Nicht Glück oder Unglück – der Tiefgang des Lebens ist es, worauf es ankommt.“

Glosse

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Das durch den Klimawandel verursachte Gletscherschmelzen ist in vollem Gange. Zuweilen befördert das einst ewige Eis Erstaunliches ans Tageslicht: Zum Beispiel 75 Jahre verschollene Eltern einer alten Dame. Mehr 2

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