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„Wer aufgibt ist tot“ : Man lebt nur zweimal

Heute wird Paul Lohmann (Bjarne Mädel) den ganz großen Auftrag an Land ziehen! Auf der Toilette einer Tankstelle spornt er sich selbst dazu an. Bild: SWR/Volker Roloff

Der Fernsehfilm „Wer aufgibt ist tot“ zeigt das Scheitern des Spiegelverkäufers Lohmann. Das erinnert frappierend an Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“.

          Es heißt oft, Tragik und Komik lägen eng beieinander. Doch die Momente, in denen bei einem Menschen die Grenze zwischen Lachen und Weinen verschwimmt, sind rar. Sie sind eine der letzten Stufen des menschlichen Ausdrucks, wenn er nicht mehr weiterweiß. Lange nachdem die Worte versiegt, die Kräfte für Zynismus, Aufbegehren und Wut aufgezehrt sind. Gleichzeitig sind es Momente, in denen viele endlich loslassen, die Rüstung abstreifen, die Waffen strecken.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Sich dem erzählerisch zu nähern, ist schwierig. So dass ein Fernsehfilm über einen rasenden Badezimmerspiegel-Vertreter, der die Gratwanderung zwischen humoriger Überzeichnung und tiefer Tragik versucht, eigentlich nur scheitern kann. Aber er scheitert nicht. Er hebt zwar nicht ab, hält sich aber wacker. Das lässt sich über Paul Lohmann (Bjarne Mädel) zunächst nicht sagen. „Ich verkaufe Spiegel seit 23 Jahren“ - Rekordumsatz, 1999 bis 2004, „toujours durch“. Dem fünfmaligen „Verkäufer des Jahres“ ist sein einstiger Erfolg zu Kopf gestiegen. Das zeigt sich in heimlichen Seitensprüngen genauso wie in seiner amerikanischen Spritschleuder: „196 PS, Spezialfelgen, Spezialtuning - macht Eindruck.“

          Längst auf der Ausfahrt Richtung Sackgasse

          Das war es schon. Das Jetzt lastet schwer auf ihm: Seine Frau Edith (Katharina Marie Schubert) will die Scheidung, seine Tochter Sonja (Amber Bongard) nichts von der Familie wissen, und sein Chef ist ein Ekel. Die Verkaufsabschlüsse, für die Lohmann früher gefeiert wurde, gelingen nicht mehr. Der Zuschauer sieht einen Mann, der glaubt, sich immer noch auf der Überholspur zu befinden, während er längst die Ausfahrt Richtung Sackgasse genommen hat.

          So gerät Lohmann in einen lebensbedrohlichen Autounfall. Von da an steht der Vertreter erst einmal neben sich. Ganz bildlich: Er tritt aus sich heraus, betrachtet seinen bewusstlosen Körper. Der Anhalterin, die er kurz zuvor an der Tankstelle eingesammelt hat, ist nicht eines ihrer langen blonden Haare gekrümmt worden. Doch Angie (Friederike Kempter) ist natürlich nicht die Tramperin, für die sie sich nebst Pappschild mit der Aufschrift „weit weg“ ausgibt. Sie soll Lohmann als himmlische Begleiterin aus der Welt zwischen Leben und Tod abholen. Doch der stellt sich stur: „Lohmann sagt, wenn es mit Lohmann vorbei ist.“

          Was? Er soll so gut wie tot sein? Paul Lohmann (Bjarne Mädel) will nicht glauben, was Engel Angie (Friederike Kempter) ihm erzählt.

          Und weil er schnell herausfindet, dass seine kesse Reisebegleitung wenig Macht über ihn hat, er sich in der Zeit zurückbewegen und also wieder lebendig werden kann, versucht der Spiegelverkäufer seinem Schicksalstag noch eine versöhnliche Wendung zu geben. Immer wieder reist er in die Stunden vor seinem Unfall zurück und durchlebt den 9. Oktober, an dem ihn um 11.42 Uhr sein Schicksal im Tunnel ereilen wird. Doch was er auch tut, meistens kommen er, oder andere zu Schaden, so dass alles wieder von vorne beginnt. Dem Zuschauer wird dadurch Einblick in das Leben von Paul Lohmann gewährt: Die Frau übt sich im Garten in Tai Chi, die Tochter raucht am Frühstückstisch. Das Einzige, was Lohmann erdet, ist sein Taubenschlag im Garten.

          Von William „Willy“ Loman zu Paul Lohmann

          Das zersplitterte Spiegelbild eines Mittelschichtidylls, das der Film zu kreieren und das Paul Lohmann zu kitten versucht, wirkt von einem bestimmten Punkt an fast zu düster. Nicht nur seine Ehe, die Beziehung zu seiner Tochter und seine Karriere, sind im Eimer, er muss auch noch den Tod seiner kleinen Tochter verarbeiten.

          Der Film über den fahrenden Vertreter Paul Lohmann orientiert sich nicht nur dem Namen seines Protagonisten nach an dem berühmten Stück von Arthur Miller, „Tod eines Handlungsreisenden“, in dem Willy Loman innerlich gebrochen zwischen Vergangenheit und Gegenwart gefangen ist.

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          „Wer aufgibt ist tot“ läuft am Freitag, den 18.11.16, im Ersten. © ARD

          So nimmt sich die vermeintlich leichte Geschichte (Regie Stephan Wagner, Buch Christian Jeltsch, Kamera Thomas Benesch) gleich der schweren Themen an, die das Leben bietet. Ein Leben, in dem jeder stumm um Hilfe schreit: Lohmanns Frau, weil er ihrem Kummer nicht begegnen kann. Tochter Sonja, weil sie sich nach dem Tod ihrer Schwester nicht mehr wahrgenommen fühlt, Paul Lohmann, weil er den Verlust nie verwunden hat.

          Zu viel, zu dick aufgetragen, denkt man zeitweise und folgt Lohmanns Kampf gegen den Tod auf allen Ebenen doch irgendwie gespannt in jeden neuen 9. Oktober. Dabei ist es befreiend, zu beobachten, wie Bjarne Mädel, der zunächst lediglich in die Chefrolle von „Stromberg“, der Serie, in der er einen tragenden Nebenpart hatte, geschlüpft zu sein scheint, sich zunehmend davon löst. Amber Bongard ist eine Entdeckung. Und selbst wer von der Rolle des Engels mit der großen Klappe genervt ist, muss zugeben, dass Friederike Kempter das ganz gut hinbekommt.

          Während der Klamauk schnell in den Hintergrund gerät, rührt der Film dort, wo er nicht so dick aufträgt. Vermutlich kann man gar nicht oft genug versuchen, eine Geschichte über die berühmte zweite Chance zu erzählen. Bevor es zu spät ist. Denn häufig ist es so, wie es der Engel sagt: „Im Leben eine große Klappe, aber wenn es ans Sterben geht, ein feiger Philosoph.“

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