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Krimiserie „Person of Interest“ Willkommen in der gläsernen Stadt

Die RTL-Serie „Person of Interest“ ist auf der Höhe der Zeit. Sie spielt ein Szenario der totalen Überwachung durch. Die leistet nicht der Mensch, sondern die Maschine.

© RTL Vergrößern Augen zur Seite, Augen geradeaus: Die Herren Reese (Jim Caviezel, links) und Finch (Michael Emerson) wissen mehr als andere

Wenn eine Krimiserie damit beginnt, dass ein verwahrloster ehemaliger CIA-Agent in New York U-Bahn fährt, weil er nirgendwo sonst besser aufgehoben wäre, und wenn dieser Veteran die Reste seiner Kraft verbraucht, um eine Flasche Bier gegen aufmüpfige Jugendliche zu verteidigen, dann sieht es so aus, als sei den Autoren in Diensten des amerikanischen Senders CBS nach „CSI“ überhaupt nichts mehr eingefallen. Oder es liegt eine Verwechslung vor. Denn die Geschichte, die mit dem gefallenen Helden John Reese (Jim Caviezel) in der U-Bahn beginnt, ist vielleicht weder Krimi noch Thriller, obwohl beides auf dem Etikett steht. Vor einem Jahr, als die Serie in Amerika startete, wurde sie noch als Science-Fiction mit einer Prise Mystery angeboten - doch die Realität war schneller.

Denn das, worum es eigentlich geht, gibt es inzwischen wirklich, und anders als in der Fiktion hat es sogar einen Namen: „TrapWire“. So heißt das Überwachungssystem, das in einigen amerikanischen Städten erprobt wird, um einen zweiten 11. September 2001 zu verhindern. Das wissen wir, weil Wikileaks vor wenigen Monaten Auszüge aus der Bauanleitung veröffentlichte. Im fiktionalen New York ist die Maschine namenlos, aber einsatzbereit. Gebaut hat sie der paranoide Softwaremilliardär Harold Finch (Michael Emerson), der sich am liebsten aus allem heraushalten würde, der jedoch dem Wissen, das ihm die Maschine liefert, nicht widerstehen kann.

Niemand überwacht die Überwacher

Unregelmäßig, aber stetig gibt sie ihm Sozialversicherungsnummern von Personen preis, deren Biographie demnächst, als Opfer oder Täter, in der Umsetzung eines tödlichen Plans gipfelt. Weil Finch als Einziger diese Zahlen bekommt, weil er sich in der Pflicht sieht, die vorhergesagten Morde zu verhindern, weil ihn seine Gebrechlichkeit aber daran hindert, selbst für Gerechtigkeit zu sorgen, braucht er Reese. Er macht Reese ein Angebot, das dieser nicht ablehnen kann. Dessen Leben gibt Finch einen neuen Sinn.

Jonathan Nolan, der als Drehbuchschreiber für „Person of Interest“ verantwortlich ist, schrieb einen Krimi. Ihm war offenbar daran gelegen, das dystopische Narrativ hinter den Mord-Geschichten in der Schwebe zu halten. Die großen Fragen, was es mit der Totalüberwachung und „Pre-Crime“ auf sich habe, ob Post-Privacy ein unausweichliches Schicksal sei und Rasterfahndung nun zum Maßnahmenkatalog von Streifenpolizisten gehöre, diese Fragen werden gestellt, aber nicht behandelt. Nur eins wird deutlich: Niemand überwacht die Überwacher. Weil niemand die Maschine versteht.

Nolan wurde 2002 für die geniale Verworrenheit des Drehbuchs zu „Memento“, einem Film, bei dem sein Bruder Christopher Nolan Regie führte, für den Oscar nominiert. In gleicher Konstellation entstanden jüngst die beiden „The Dark Knight (Rises)“-Filme. Auch J. J. Abrams, der in mehreren Fernsehserien (“Lost“, „Fringe“) gezeigt hat, dass ihm ein Weltentwurf pro Geschichte nicht reicht, schrieb an „Person of Interest“ mit. Und obendrein erinnert das Gesicht von Harold Finch sofort an die Mystik des Benjamin Linus aus „Lost“. Michael Emerson spielte auf der Insel dieselbe Rolle, nur unter anderen Bedingungen.

Den Zeitgeist massiert

In das New York von Reese und Finch taucht nicht nur der geübte Serienfan sofort ein, weil es keine fremde Welt ist. Nur die Perspektive ist einmal mehr spektakulär neu. Dazu gehört, dass die Dramatik des 11. September 2001 nicht noch einmal als bedrückendes Einzelerlebnis ausgebreitet wird. Der Tag, von dem es sofort hieß, er werde alles verändern, tat dies im Stillen. Mehr als ein Jahrzehnt später zeigen die Autoren von „Person of Interest“, was sich verändert hat: Staaten schufen gigantische Datenbanken, und private Unternehmen halfen dabei, ihnen intelligentes Leben einzuhauchen.

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Es ist interessant, dass die als Kurzserie geplante Idee der „Person of Interest“, von anfangs dreizehn zügig auf 23 Folgen verlängert und im Frühjahr entschieden wurde, der ersten auch eine zweite Staffel folgen zu lassen. Zur gleichen Zeit nämlich entschieden die Verantwortlichen von CBS, „CSI: Miami“ nicht fortzuführen. Die Tatortermittler, die fürs Erste nur in Miami außer Dienst gehen, in Las Vegas und New York aber noch weiterarbeiten dürfen, zeigten dem Fernsehpublikum eine Dekade lang, wie nützlich es ist, wenn alle Menschen, als potentielle Täter in Einzelteile zerlegt, in Datenbanken aufbewahrt sind. Der gläserne Mensch zählte schnell zum Standardinventar vieler Krimiserien. Nun folgt die gläserne Stadt. Und auch mit einem anderen Kniff massieren die Fernsehmacher den Zeitgeist: Es sind längst nicht mehr die professionellen Polizisten, die für Recht und Ordnung sorgen. Es sind anonyme Männer in Anzügen.

Person of Interest beginnt am Donnerstag, 13. September, um 21.15 Uhr bei RTL.

Quelle: F.A.Z.

 
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