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Krimiserie aus Dänemark Besessenheit, die nie fanatisch wirkt

24.10.2010 ·  Sarah Lund ist zurück: In Søren Sveistrups meisterlichem neuen Mehrteiler klärt die Kommissarin eine Mordserie an ehemaligen Mitgliedern einer Eliteeinheit im Afghanistankreig auf.

Von Jochen Hieber
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Zweierlei unterscheidet die mehrteiligen Fernsehthriller des 1968 in der Nähe von Kopenhagen geborenen Søren Sveistrup von allen anderen kriminalistischen Serien, ganz gleich, ob sie wie seine "Kommissarin Lund" ebenfalls in Skandinavien spielen oder irgendwo sonst im globalen Verbrechenskosmos zwischen Los Angeles, London und Schanghai.

Zum einen ist Sveistrup nie der Regisseur seiner Filme, als Drehbuchautor gleichwohl immer der Herr des Verfahrens und als das Hirn der Handlung der Chef aller Szenen und Bilder. Weltweit singulär ist seine Arbeit überdies durch das permanente Engführen einer Verbrechensfolge und deren Aufklärung mit dem realistischen Alltag des politischen Betriebs - von der Interaktion zwischen Agenten und Regierungsapparat etwa bei Kiefer Sutherlands "24" unterscheidet sich "Kommissarin Lund" durch institutionelle Hierarchiefreiheit: Dänemarks zivile Polizei arbeitet unabhängig von der in gleicher Sache ermittelnden Sondereinheit des Justizministeriums.

Das dänische Fernsehen, seine norwegischen, schwedischen und mit dem ZDF auch deutschen Produktionspartner bieten Sveistrup nun aufs Neue ein Maximum an Unabhängigkeit. Wie vor zwei Jahren in der ersten, damals zehn hundertminütige Folgen umfassenden Staffel von "Kommissarin Lund" (F.A.Z. vom 31. Oktober und 21. November 2008) können sich sein Regieteam, seine Kameraleute, die beiden Co-Autoren und er selbst auch jetzt wieder opulent entfalten - fünf Folgen und 550 Minuten lang haben Sofie Gråbøl als titelgebende Kommissarin und ihr neuer, gleichrangiger Partner Ulrik Strange (Mikael Birkjaer) Zeit, um die mysteriöse Mordserie an ehemaligen Mitgliedern einer dänischen Eliteeinheit im Afghanistan-Krieg allmählich zu verstehen und eventuell auch aufzuklären.

Klare Abgrenzung zu Henning Mankell

Handwerklich geht Sveistrup dabei bewusst einen anderen Weg als seine zumindest hierzulande (noch) bekannteren Kollegen Henning Mankell, Jussi Adler-Olsen oder der 2004 gestorbene Stieg Larsson. Schreiben und schrieben jene ihre Krimis und Thriller zunächst als Romane, die für die Verfilmung dann auf neunzig Minuten oder zwei Stunden konzentriert, also reduziert werden, so will Sveistrup bis heute von gedruckten Fassungen seiner Stoffe und Geschichten nichts wissen. Er kann es sich leisten, seine Romane ohne Umweg über den Buchhandel direkt für den Bildschirm zu erzählen.

Der unleugbare Vorteil: Die Figuren lassen sich höchst differenziert zeichnen, die Handlung kann sich wahrhaft episch entwickeln. Aber auch das Risiko liegt auf der Hand. Leser sind allemal geduldiger als Fernsehzuschauer. Über etwas langatmige Buchpassagen geht man mehr oder weniger bereitwillig hinweg, Redundanzen auf dem Bildschirm verleiten hingegen rasch zum Abschalten oder zum Sprung auf den nächsten Kanal.

"Kommissarin Lund - Das Verbrechen II" muss sich um derart Abtrünnige allerdings kaum Sorgen machen. Einmal gebannt in den Kosmos dieses Fünfteilers, wird man ihn bis zum Ende nicht mehr verlassen wollen. Zu Beginn wird Anne Dragsholm, eine Rechtsanwältin, ermordet aufgefunden - was zunächst wie das düstere Finale eines Beziehungsdramas wirkt, erweist sich bald als Hinrichtung aus offenbar politischen Motiven. Rasch festgenommen wird der Islamist Kodmani (Ramadan Huseini), auf dessen Internetportal sich ein gruselig erpresstes Bekennervideo der kurz danach Ermordeten findet - sie klagt Dänemark der Verbrechen in Afghanistan an.

Das Video ist Wasser auf die Mühlen der oppositionellen Volkspartei, die im Parlament das von der Regierung eingebrachte Anti-Terror-Gesetz nur mittragen will, wenn es um das Verbot mehrerer in und um Kopenhagen agierender Muslim-Organisationen erweitert und verschärft wird. Zuständig für die Verhandlungen mit den Fraktionen ist der gerade neu ins Amt gekommene Justizminister Thomas Buch, den der voluminöse Schauspieler Nicolas Bro mit beherrschter Langmut und ganz unautoritärem, dafür von viel Schokolade gestütztem Durchsetzungsvermögen spielt.

Unkonventionelle Gedankenwege

Neben Sarah Lund und Thomas Buch die dritte Hauptfigur ist Jens Peter Raben, einst Elitesoldat, jetzt wegen einer latenten posttraumatischen Störung in einem Militärkrankenhaus interniert. Was bei jenem Einsatz am Hindukusch geschah, den er befehligte, erinnert er nicht mehr. Dass man ihm gegenwärtig neben Wahrheit und Freiheit auch seine Familie vorenthält, ist ihm jedoch klar. Also flieht Raben, den Ken Vedsegaard nun als ein gehetztes Wild, aber eben auch als einen Profi in Szene setzt, der mit Waffen und Sprengstoff ebenso umzugehen weiß wie mit List, Verstellung und Tücke.

Politik, Militär, Polizei: In diesem Dreieck ist auch viel Platz für manch zwielichtigen Staatssekretär, manch einfach nur bedauernswerten Gefreiten, manch heroische Sekretärin oder Soldatenfrau, ja sogar für manch ironisch gebrochene Nebenfigur - im durchweg überzeugenden Ensemble für heroische Ironie zuständig ist Lennart Brix (Morten Suurballe), Lunds Vorgesetzter. Vor zwei Jahren, am Ende der ersten Staffel, hatte er sie wegen einiger Dienstvergehen im Übereifer in die grenzferne Provinz strafversetzt, jetzt holt er sie auf Bewährung zurück. Mal im leuchtend roten Sweater, mal im durchaus tristen Norwegerpulli geht sie wie gehabt auf unkonventionellen Gedankenwegen und in oft haarsträubend anmutenden Einsätzen zur Sache und dem neuen Fall auf den Grund.

Beruf schlägt Privatleben

Ihr Erfinder Søren Sveistrup liebt das nächtlich dunkle, regen- und nebelverhangene Kopenhagen über alles. Zugleich ist er ein Aufklärer im emphatischen Sinn - nichts hält ihn von der Überzeugung ab, dass das Licht der Vernunft noch das finsterste Komplott und den gemeinsten Mord zu durchdringen vermag. Sarah Lund ist sein Werkzeug. Aber natürlich weiß Sveistrup auch, wie unbarmherzig das hartnäckige Insistieren auf Aufklärung sein kann. Um die vielen Rätsel des neuen Falles zu lösen, löscht Sarah Lund, der schon in der ersten Staffel nur marginale Privatheit eingeräumt war, nun ihr eigenes Leben im Grunde ganz aus. Für beide, den Autor wie die Kommissarin, verbergen sich in den Rätseln auch dieses Falles aufs Neue die Rätsel der Gesellschaft, ja der Welt. Sie wollen entschlüsselt sein - um fast jeden Preis.

Sofie Gråbøl ist ein Glücksfall für Lunds Rolle. Sie zeigt den Ehrgeiz dieser Figur, sie zeigt die Besessenheit, mit der sie zu Werke geht, aber sie wirkt dabei nie streberhaft, gar fanatisch. Ständig überfordert sie sich und bleibt doch sensibel. Ihre Unbedingtheit schließt gelegentlichen Charme nicht aus. Vor allem aber ist Sofie Gråbøls Lund ein Inbild der Zähigkeit. Als der Islamist Kodmani im Verhör behauptet, seinerseits das Opfer eines angeblichen, also falschen "Glaubensbruders" zu sein, gilt er, zu offenkundig scheint die Lüge, im Kommissariat als überführt. Einzig Lunds Zähigkeit verdankt er eine weitere, zunächst nur ganz kleine Chance. Als Aufklärerin weiß sie jedenfalls, dass nicht jeder Glaubensbruder ein Muslim ist.

„Kommissarin Lund - Das Verbrechen II“ läuft vom 24. Oktober an jeweils sonntags um 22 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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