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Kriegsserie „The Pacific“ Wie zeigt man diesen Krieg?

15.07.2010 ·  Was weiß der durchschnittliche Amerikaner über den Pazifikkrieg? Wenig. Tom Hanks' und Steven Spielbergs aufwendig produzierter Zehnteiler über die pazifischen Schlachten zwischen den Vereinigten Staaten und Japan schafft Abhilfe - von Kritikern wird er geliebt, vom Publikum bisher missachtet.

Von Andreas Kilb
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Es ist nicht wahr, dass der Krieg im Pazifik im amerikanischen Bildgedächtnis eine mindere Rolle spielt. In Hollywood, einem Vorort an der pazifischen Küste des Kontinents, begann die Erinnerungsarbeit schon 1943, als der Kampf gegen das japanische Kaiserreich noch nicht entschieden war. Mit Lewis Seilers „Tagebuch aus Guadalcanal“ (der junge Anthony Quinn spielte darin eine Nebenrolle) und John Fords „Schnellboote vor Bataan“ gab die Filmindustrie einen Standard vor, an dem sich alle späteren Kriegsdramen vor Palmenkulisse messen mussten. In den sechziger Jahren brachte Sam Fuller mit „Durchbruch auf Befehl“ den Burmakrieg ins Kino, in den Siebzigern rekonstruierte Jack Smights „Schlacht um Midway“ akribisch und mit Starbesetzung (Robert Mitchum, Henry Fonda, Charlton Heston, Glenn Ford) das Flugzeugträgergefecht vom Juni 1942, und kurz vor der Jahrtausendwende drehte Terrence Malick mit „The Thin Red Line“ den ultimativen Guadalcanal-Film und einen der besten Kriegsfilme überhaupt.

Und dennoch haben Tom Hanks und Steven Spielberg recht, wenn sie in Interviews zu der von ihnen produzierten Serie „The Pacific“ auf die geringen Kenntnisse des Durchschnittsamerikaners über das Geschehen auf dem pazifischen Kriegsschauplatz verweisen. Der 15. August, der Tag des Sieges über Japan, spielt in der Öffentlichkeit so gut wie keine Rolle, und von den zahlreichen Seeschlachten zwischen der Korallensee und den Aleuten wissen die meisten nur, dass John F. Kennedy in einer von ihnen verwundet wurde (in Europa sieht es mit dem Wissen naturgemäß noch schlechter aus). Auch die klassische und bis zum Erbrechen wiederholte Kriegs-Comedy „Hogan's Heroes“ spielt in einem deutschen, keinem fernöstlichen Gefangenenlager. Ihre Schöpfer wussten immerhin, dass es bei den Japanern in dieser Hinsicht nichts zu lachen gab. Ein heutiges Publikum muss es erst lernen.

Im Dienst der historischen Wahrheit

Deshalb, nicht nur aus Gründen west-östlicher Parität, haben Hanks und Spielberg die Produktion eines Zehnteilers über den Pazifikkrieg durchgesetzt, der die Erzählmuster ihrer vom Feldzug in Europa erzählenden Erfolgsserie „Band of Brothers“ fortschreibt, deren gewaltige Kosten aber noch einmal steigerte - von 120 auf 150 Millionen Dollar, ein Budget, wie es selbst im amerikanischen Fernsehen selten ist. An dieser Summe gemessen war der Erfolg von „The Pacific“ mäßig: Nur drei Millionen Zuschauer, ein Drittel der Quote von „Band of Brothers“, sahen die erste Folge auf HBO, bei der zehnten Folge waren es weniger als zwei Millionen. Der Sender wird sein Geld durch Auslandsverkäufe wieder hereinholen, und auch die Kritiken waren fast einhellig positiv. Dennoch hängt der Misserfolg wie ein Schatten über „The Pacific“. Die Frage ist, ob er sich nur dem Desinteresse des Fernsehpublikums verdankt oder einem Konstruktionsfehler in der Serie selbst.

„The Pacific“ beginnt, anders als „Band of Brothers“, mit einem Blick in die Familien der künftigen Soldaten. Robert Leckie (James Badge Dale) flirtet vor der Kirche mit einer Nachbarin, John Basilone (Jon Seda) hat seine Freunde zum Weihnachtsessen eingeladen, Eugene Sledge (Joseph Mazzello) wird von seinem Vater, einem Arzt, wegen eines Herztonfehlers vorläufig zurückgestellt. Alle drei werden zu den Marines gehen und an den blutigsten Schlachten des Krieges teilnehmen - Guadalcanal, Peleliu, Iwo Jima, Okinawa; und alle drei sind historische Personen. Während Basilone bei der Landung auf Iwo Jima fiel, blieben Leckie und Sledge am Leben und schrieben ihre Kriegserlebnisse auf. Auf diese Erinnerungen, ergänzt um Berichte anderer Veteranen, stützt sich „The Pacific“, eine Serie, die es mit der Wahrheit sehr genau nehmen will.

Drei Helden sind zwei zu viel

Aber mit der filmischen Konstruktion dieser Wahrheit haben die Regisseure von Anfang an Probleme. Von Mobile, Alabama, und Raritan, New Jersey, springt „The Pacific“ nach einem Blick auf die Landkarte übergangslos auf die Salomonen-Insel Guadalcanal, ohne dass die Mühsal des Anmarschs und die Besonderheiten der Kriegführung in den Wasserwüsten zwischen Asien und Amerika ins Bild kämen. Die Kreuzerschlacht im Ironbottom Sound betrachten die Marines vom Ufer aus, so dass sie die vernichtende Niederlage der Amerikaner zunächst als Sieg missverstehen - genauso wie der Zuschauer, der den Pazifik in „The Pacific“ nur aus der Landrattenperspektive sieht und so eine entscheidende Dimension der damaligen Kämpfe verpasst.

Wie aber zeigt man diesen Krieg? Terrence Malick, John Woo („Windtalkers“) und Clint Eastwood („Flags of Our Fathers“, „Letters from Iwo Jima“) haben ihn in der Tradition des Hollywoodkinos aus der Sicht des Marineinfanteristen gezeigt, und daran hält sich auch „The Pacific“. In den Guadalcanal-Szenen huldigt die Serie etwas verschämt den Exotismen und lyrischen Abschweifungen von „The Thin Red Line“, in den auf Peleliu spielenden Folgen gibt es dagegen klassisches, naturalistisch angeschärftes Kriegskino zu sehen: zerfetzte Körper, schreiende Münder, Bunkerkampf, Flammenwerfereinsatz, Verrohung, Abstumpfung, Lethargie. Die emotionale Kurve der Geschichte wäre um einiges deutlicher geworden, wenn sie sich auf einen einzigen Helden konzentriert hätte. Aber „The Pacific“ versucht ständig ein Trio von Hauptfiguren im Blick zu behalten und verzettelt so seine Kräfte. Leckie wird auf Peleliu verwundet und reist nach Amerika zurück, Sledge übersteht das Gemetzel und kommt anschließend auf Okinawa zum Einsatz, während der hoch dekorierte Basilone, zermürbt von öffentlichen Ehrungen und Werbeauftritten für Kriegsanleihen, sich wieder zum Fronteinsatz zu melden beschließt.

Ohne Überblick durchs Kriegsgeschehen

Die achte Folge, die von seinen letzten Lebensmonaten erzählt, ist die gelungenste der ganzen Serie. Sie zeigt den Sinn und Irrsinn des Krieges in geraffter Form. Nach seiner Reaktivierung wird Basilone Ausbilder bei einer Reserveeinheit. Der Erfahrungsvorsprung, den er vor den Rekruten hat, lässt ihn beinahe an seiner Aufgabe verzweifeln. In der Begegnung mit der Marine-Reservistin Lena, die er heiratet, wird der Vorsprung zum Handicap. Am Strand von Iwo Jima, im Feuer der japanischen Geschütze, hat Basilone dann wieder sicheren Tritt. Die fünfzehnminütige Sequenz, in der er im Alleingang einen feindlichen Bunker ausschaltet und seine Kompanie aus der Todeszone am Landungskopf herausführt, ist den Bildern vom Omaha Beach in Spielbergs „Saving Private Ryan“ ebenbürtig. Aber dann trifft ein Querschläger Basilones Oberkörper, und er verblutet. Dass es nichts ist mit dem Heldentum, war das Fazit aller großen Kriegsfilme von Fuller bis Peckinpah und Malick. Spielberg und Tom Hanks wollen diese Erkenntnis in ihren Porträts der citizen soldiers, der Bürgersoldaten der Demokratie, jetzt rückgängig machen. Ganz ist es ihnen nicht geglückt.

„Band of Brothers“ endete, in spielerischer Vorwegnahme der Nachfolgeserie, mit Wochenschaubildern von der Eroberung Okinawas. „The Pacific“ versucht nun, die Geschichte der Heimkehrer zu erzählen. Doch was man im Epilog über den Sportreporter Leckie und den künftigen Ornithologen Sledge erfährt, ist für ein Kriegsepos zu viel und für ein Nachkriegsdrama zu wenig. Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat William Wyler, der selbst Kampfeinsätze über Europa flog, drei Veteranenschicksale in „Die besten Jahre unseres Lebens“ zusammengefasst. Bis heute ist die Filmgeschichte nicht über Wylers Meisterwerk hinausgelangt. Aber wo das Kino Einblicke gewährt, kann das Fernsehen Überblicke geben. Ein klareres Bild vom Krieg im Pazifik wäre das Mindeste gewesen, was man von „The Pacific“ erwartet hätte. Statt dessen bekommt man eine manchmal virtuose, manchmal ziellose Montage einzelner Gefechte. Den Zusammenhang stellt die gelegentlich eingeblendete Landkarte her. Für knapp zehn Fernsehstunden ist das ein allzu dünner roter Faden.

The Pacific läuft von heute an jeweils donnerstags um 22.15 Uhr auf Kabel Eins.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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