17.03.2009 · Der Libanon-Krieg des Jahres 2006 war der erste aktive Militäreinsatz des 1978 in Tel Aviv geborenenen Filmemachers Yariv Mozer. Er nahm eine Kamera mit an die Front. Heute Abend ist sein Film darüber bei Arte zu sehen.
Der Libanon-Krieg des Jahres 2006 war der erste aktive Militäreinsatz des 1978 in Tel Aviv geborenenen Filmemachers Yariv Mozer. Er nahm eine Kamera mit an die Front. Heute Abend ist sein Film darüber bei Arte zu sehen.
Hat der jüngste Krieg in Gaza bei Ihnen Erinnerungen an den Libanonkrieg geweckt?
Selbstverständlich. Diese Tage waren sehr schwierig für mich. Glücklicherweise wurde ich in diesem Krieg nicht einberufen. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagiert hätte.
Sie erhielten während des letzten Libanonkriegs 2006 den Anruf, einen Munitionsoffizier in einem Reservebataillon zu ersetzen, der nach einem Bombardement der Hizbullah einen Schock bekommen hatte. Wie sind Sie in diesen Krieg gegangen?
Es war am Mittag des 28. Juli 2006, als ich den Anruf bekam. Ich werde dieses Datum und diese Zeit niemals vergessen. Es war eine Mischung aus Angst vor dem Ungewissen und davor, das erste Mal in meinem Leben in einen Krieg zu ziehen. Offen gesagt, dachte ich damals: Wenn es einen Krieg gibt, wird es dafür auch einen Grund geben. Ich habe an die israelische Armee und ihre Führung geglaubt. Ich bin sehr naiv in diesen Krieg gegangen und bin erst aufgewacht, als ich schon mittendrin war. Dieser Krieg hat mein Leben verändert. Heute stelle ich mir mehr Fragen über die Situation im Land, befrage die Dinge und bin insgesamt kritischer.
Wann haben Sie entschieden, einen Film über diesen Krieg zu drehen?
Als ich als Reservist in den Krieg einberufen wurde, hatte ich nicht daran gedacht, einen Film daraus zu machen. Ich nahm die Kamera instinktiv mit. Sie half mir, in schwierigen Situationen Abstand zu bewahren. Erst nach dem Krieg habe ich das Material gesichtet und festgestellt, dass mein persönlicher Film auch ein größeres Bild des Krieges wiedergibt. Daraufhin habe ich mich entschlossen, einen Film daraus zu machen. In diesem Moment habe ich mich auch entschieden, die Charaktere nach dem Krieg weiter zu begleiten, die gemeinsam mit mir gedient haben. Mich hat interessiert, wie die Erinnerung an diesen Krieg auch ihr tägliches Leben beeinflusst. Das Drehbuch zu diesem Film entstand erst im Schnittraum.
Nach welchen Kriterien haben Sie die Protagonisten ausgewählt?
Meine Protagonisten sind Menschen, denen ich zufällig in diesem Krieg begegnet bin.
Wie haben Sie es geschafft, dass die Soldaten so offen über ihre Gefühle sprechen?
Ich war einer von ihnen. Ich trug dieselbe Uniform wie sie, war Teil der Einheit, war mit ihnen in diesem Krieg. Ich war kein Reporter, Journalist oder Regisseur, sondern hatte nur eine kleine Kamera bei mir. Wir konnten auf gleicher Augenhöhe miteinander sprechen.
Sie waren gleichzeitig Offizier und Filmemacher. Was hatte Priorität?
In erster Linie musste ich meine Verpflichtung als Reservist erfüllen, das hatte Priorität. Ich hatte kaum Zeit, mich mit dem Filmen oder mit der Kameraführung zu beschäftigen. Ich habe intuitiv gefilmt und hatte auch nur einige Kassetten bei mir.
Worum geht es in Ihrem Film? Um eine Kritik der israelischen Armee?
Meine Intention war es, eine innere Sicht der Kriegsrealität zu zeigen. Mir ging es in erster Linie um die Menschen. Es war mir wichtig, zu zeigen, wie der Krieg die Soldaten verändert. Der Film zeigt eine geistige Veränderung, einen Prozess, den Soldaten zwischen dem Beginn und dem Ende des Krieges durchlaufen. Es ist ein Film über die posttraumatischen Folgen eines Krieges. Jeder von uns trägt unsichtbare Narben des Krieges.
Wie waren die Reaktionen auf Ihren Film in Israel?
Zwei Jahre nach dem Krieg lief mein Film auf einem Dokumentarfilmkanal und wurde von den Zeitungen besprochen. Auf die Mehrheit der israelischen Bevölkerung hatte der Film allerdings keinerlei Einfluss. Nach dem Krieg wollte niemand dessen Folgen sehen. Die israelische Armee hat den Film ignoriert. Einige Protagonisten, wie beispielsweise der Befehlshaber Ilan Levy, der sich weigerte, seine Truppe in den Libanon zu schicken, wurden von hochrangigen Offizieren kritisiert. Der Film wird zum dritten Jahrestag des Libanon-Krieges wieder ausgestrahlt, dieses Mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Ich hoffe, dass der Film das Bewusstsein für die Folgen des Krieges wieder weckt.
Sicherlich gab es Kritiker, die gesagt haben: „Wie können Sie unsere Soldaten in dieser schwachen Position zeigen?“ Wie haben Sie auf diese Kritik reagiert?
Ja, es gab diese Stimmen. Mich hat gewundert, dass diese Kritik häufiger von den Jüngeren als von den Älteren geäußert wurde. Ich habe immer gesagt, dass die Kritik an einem Land und die Auseinandersetzung mit seiner schmerzhaften Vergangenheit wirklich patriotisch sind. Ich mache mir nur mehr Gedanken über dieses Land als diejenigen, die still sind und auch die Kritiker am liebsten stumm hätten. Ich möchte Diskussionen anregen und den Dialog zwischen Israel und seinen Nachbarn fördern. Deswegen habe ich entschieden, den Film auf dem arabischen Satellitensender „Al Hurra TV“ zu zeigen. Dort wird er im April ausgestrahlt.
War die israelische Armee IDF mit Ihrem Film einverstanden?
Nach dem Krieg und der Fertigstellung des Films musste ich ihn der Armee vorlegen. Es war sehr schwierig, eine Freigabe zu bekommen. Ich habe monatelang verhandelt und harte Diskussionen geführt. Schließlich musste ich nur zwei Änderungen vornehmen, die dem Film aber nicht geschadet haben.
Haben Sie Rückmeldungen von arabischen Zuschauern bekommen?
Ich habe den Film palästinensischen Filmemachern bei einem EU-Workshop in Marokko gezeigt. Überraschenderweise bekam ich sehr harte Kritik. Sie sagten, zum ersten Mal hätten sie den israelischen Soldaten als einen Menschen wahrgenommen und nicht als Monster. Sie waren emotional von den Protagonisten berührt, aber sie haben es als Propaganda wahrgenommen.
Wird der Gaza-Krieg in Filmen verarbeitet werden?
Ich hoffe sehr, dass ein Film zum Gaza-Krieg gemacht wird. Leider wird nur ein fiktiver Film möglich sein, da in Gaza keine Kameras erlaubt waren.
Wie werden Sie reagieren, wenn Sie den nächsten Anruf bekommen, um als Reservist in einen Krieg einberufen zu werden?
Ich hoffe, dieser Anruf wird nie kommen.