03.01.2008 · Es gibt einen Krieg, der seit Jahren währt und wenig Aufmerksamkeit erfährt. Denn es mangelt an Fotos und an Medienbegleitung. Die wohl authentischsten Bilder aus diesem Krieg haben Kinder gezeichnet.
Von Karen KrügerFotos vom Krieg dokumentieren den Schrecken. Sie machen ihn kommunizierbar - auch wenn kein Foto dieser Welt das Ausmaß von Leid und Not transportieren kann. Menschen erinnern sich anhand von Fotos, und sie erinnern sich an Fotos - der Blick bleibt; auch wenn das Gesehene einen nicht unmittelbar betrifft. Jeder Krieg hat diese kollektiv erinnerte Fotografie: Der Zweite Weltkrieg in den Bildern von Robert Capa an Omaha Beach und in den Fotos aus befreiten Konzentrationslagern, der Vietnam-Krieg in dem Bild des von Napalm verbrannten Mädchens Kim Púc, das schreiend eine Straße entlangläuft.
Der Genozid in Ruanda bleibt mit Bildern niedergemetzelter Menschen im Gedächtnis, für den Golfkrieg stehen Fotos, die amerikanische Soldaten vor brennenden Ölfeldern zeigen. Politiker treffen keine Entscheidungen aufgrund von Bildern, doch bedienen sich ihrer, um ihr Handeln zu legitimieren - als die Vereinten Nationen im Jahr 1995 Untersuchungen in Srebrenica aufnahmen, weil man einen Genozid fürchtete, dienten amerikanische Luftaufnahmen von Massengräbern dazu, das Vorgehen zu begründen.
Krieg ohne Bilder
Doch was geschieht, wenn es zwar einen Krieg, doch, wie im Falle Darfurs, keine Bilder gibt? Seit vier Jahren wird in der sudanesischen Provinz gemordet und vergewaltigt; fast zweihunderttausend Menschen sollen getötet worden sein. Die meisten der Opfer starben im Jahr 2003, als der blutige Konflikt entbrannte und die Massaker ihren Höhepunkt erreichten. Das Morden fand und findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt - Bilder, die die Greuel zeigen, gibt es nicht und wird es wohl auch nicht mehr geben. Denn der Zenit des Konflikts ist überschritten; fast alle Darfuris haben ihre Dörfer verlassen und leben in Flüchtlingslagern. Die Internationale Gemeinschaft begnügt sich damit, die Scherben zusammenzukehren: In diesem Monat soll eine UN-Friedenstruppe, bestehend aus Soldaten der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union, in Darfur stationiert werden. Alles, was die westliche Welt über das Leiden der Menschen in Darfur weiß und jemals wissen wird, wissen wir aus den Erzählungen der Flüchtlinge.
„Haben Sie je ein Foto einer Leiche in Darfur gesehen? Hat es je das Bild eines Leichenberges gegeben? Das finden Sie in den Medien nicht - es wird immer nur darüber geredet“, sagte der frühere sudanesische Kommunikationsminister Mahdi Ibrahim einmal in einer Dokumentation des Kultursenders Arte. Er sagte es grinsend und voller Hohn. Die sudanesische Regierung hat die ohnehin schwer zugängliche Provinz Darfur seit Jahren abgeriegelt, es gibt also keine Bilder, weil sie niemand machen konnte.
Verhaftete Journalisten
Mitarbeiter von Hilfsorganisationen erhalten nur in Ausnahmefällen einen Passierschein; Vertreter der Vereinten Nationen, die Flüchtlingslager besuchen wollen, zwingt man oft noch am Flughafen zur Rückkehr. Journalisten wird das Einreisevisum meist verweigert - schließlich befindet sich Sudan im Krieg. Das Land betreten dürfen Medienvertreter nur im Tross von Politikern, denen die sudanesische Regierung eine geschönte Wirklichkeit vorführt. Versucht ein Journalist doch auf eigene Faust zu recherchieren, wird er einkassiert. So wie der amerikanische Journalist und Pulitzerpreisträger Paul Sapotek, der im vergangenen Jahr in Sudan verhaftet und wegen Spionage angeklagt wurde, weil er illegal über den Tschad eingereist war. Gelingt es doch jemandem, nach Darfur zu gelangen, ist es ein Zufall, zur richtigen Zeit dort zu sein - die Region ist anderthalbmal so groß wie Deutschland und wird von fünf Millionen Menschen bewohnt. Asphaltierte Straßen gibt es kaum.
Ohne Medien haben die Massaker in Darfur kein Gesicht. Kriege, von denen keine Bilder existieren, werden vergessen, hat Susan Sontag in ihrem Essay „Das Leiden anderer betrachten“ geschrieben. In Deutschland scheint die Politik der sudanesischen Regierung, den schleichenden Völkermord an der afrikanischen Bevölkerung unter den Teppich zu kehren, aufzugehen. Denn anders als in Amerika, ist es in Deutschland bei Intellektuellen und Menschenrechtsorganisationen erschreckend still geblieben. Niemals wieder, hatte es nach dem ruandischen Genozid angesichts des tatenlosen Zusehens der internationalen Gemeinschaft geheißen. Doch wenn die UN nun über das Leid in Darfur informieren, sitzen meist mehr Leute auf dem Podium als im Publikum; am letzten größeren Protestmarsch in Berlin Anfang des Jahres 2007 nahm nur eine Handvoll Menschen teil.
Symbole der Verwüstung
In Amerika hingegen hat sich eine Pro-Darfur-Koalition gebildet, der rund 135 Millionen Menschen angehören. In Washington und New York hängen in vielen U-Bahn-Stationen Plakate, die „Stoppt den Völkermord in Darfur“ fordern. In Zusammenarbeit mit dem Washingtoner Holocaust Memorial Museum hat Google Earth seine Software um spezielle Darstellungsfunktionen erweitert, um der fehlenden Visualisierung des Konflikts zu begegnen. Da die Satellitenbilder aus Darfur zu schwach sind, um die Ruinen der niedergebrannten Dörfer erkennen zu können, markieren Symbole die Verwüstung: Eine kleine Flamme dort, wo einmal ein Dorf stand; ein blaues Zelt, um Flüchtlingslager anzuzeigen.
Selbst in amerikanischen Fernsehserien wurde Darfur thematisiert: Bei der Serie „Emergency Room“ reisten mehrere Ärzte nach Sudan, um in einem Flüchtlingslager zu arbeiten. Die Szenen, die das Ärzte-Team in Darfur zeigten, waren zwar fiktional, hielten den Konflikt aber im Bewusstsein der Zuschauer präsent. Der amerikanische Schauspieler George Clooney flog mit seinem Vater Nick auf eigene Kosten nach Darfur. „Ruanda in Zeitlupe“ nannte Nick Clooney das Morden. Sein Sohn berichtete vor dem UN-Sicherheitsrat von dem Leid der Menschen. Auch seine Schauspielerkollegin Mia Farrow engagiert sich für Darfur; sie brachte das Wort von der „Genozid-Olympiade“ in Umlauf, da die chinesische Regierung trotz des UN-Waffenembargos die sudanesische Armee aufrüstet und im Sicherheitsrat jedes Mal mit einem Veto drohte, sobald es um eine militärische Intervention ging. Dass China inzwischen einen „Darfur-Beauftragten“ ernannt hat, führen Beobachter auch auf die Interventionen aus Hollywood zurück.
Schwierige Mobilisierung
Für die meisten deutschen Organisationen ist eine Intervention immer militärischer Natur, und die lehnen sie ab - selbst wenn es um den Schutz von Flüchtlingen und humanitären Missionen geht. Fragt man nach dem Grund, verweisen sie auf ihre pazifistische Tradition. Friedensbildende Maßnahmen sollen helfen - doch wie, wenn das Regime in Karthum nicht friedenswillig ist? Debatten darüber, wie man durch politischen Druck das Regime in Khartum zum Einlenken bewegen könnte, finden aber so gut wie nicht statt. Man konzentriert sich auf Afghanistan und den Nahen Osten. Einzig die Gesellschaft für bedrohte Völker, Human Rights Watch, Amnesty International und Genocide Alert bemühen sich noch darum, Menschen zu Aktionen zu bewegen, die den Druck auf die Bundesregierung erhöhen sollen, Sanktionsforderungen zu erheben. Doch ohne Bilder ist die Mobilisierung der Menschen schwer.
„Nur Bilder sind in der Lage, den mit Worten nicht zu beschreibenden Schrecken des Kriegs in Darfur verständlich zu machen. Nur Bilder komprimieren den Horror auf eine Weise, vor der der Zuschauer nicht einfach die Augen schließen kann. Das Bild brennt sich sozusagen in das Gedächtnis des Betrachters ein“, sagt Robert Schütte von der Organisation Genocide Alert. Die wenigen Bilder, die Fotografen aus Darfur mitbringen konnten, zeigen Menschen auf der Flucht. Mord und Massaker, die sie dazu zwangen, bleiben ein blinder Fleck. Die Menschen und die Orte des Geschehens werden beliebig und austauschbar - ohne es zu wollen, spielen die Fotos damit all jenen in die Hände, die glauben machen wollen, dass Darfur nur eine weitere Episode der endlosen afrikanischen Tragödie ist. Darfur erscheint wie eine Naturkatastrophe, der kein Einhalt zu gebieten ist.
Niemand konnte uns schützen
Vor einem Jahr stellte Human Rights Watch im Rahmen einer Darfur-Aktionswoche im Jüdischen Museum in Berlin Zeichnungen sudanesischer Kinder aus, die in einem Flüchtlingslager an der Grenze zum Tschad leben - Mitarbeiter der Hilfsorganisation hatten ihnen Buntstifte in die Hand gedrückt, damit sie ihre Erlebnisse festhalten. Ströme von Blut und Feuer sind auf den Bildern zu sehen, mit Maschinengewehren bewaffnete Männer auf riesigen Kamelen und Pferden. Die Menschen, die sie jagen, erscheinen zerbrechlich und winzig klein. Der zwölf Jahre alte Jamil zeichnete einen Mann mit einem Funkgerät, das größer ist als er selbst: „Wir brauchten Hilfe. Es war niemand da, der uns schützen konnte“, sagte er zu seinem Bild.
„Diese Kinderzeichnungen sind unserer Meinung nach die authentischsten Bilder, die wir von der Gewalt aus Darfur haben“, sagt Marianne Heuwagen, die Leiterin der deutschen Sektion von Human Rights Watch. Die Massaker laufen immer nach dem gleichen Muster ab: Wenn die Kampfhubschrauber der sudanesischen Regierung Richtung Darfur starten, unterbricht die Regierung das sudanesische Mobilfunknetz, damit Angehörige ihre Familien nicht warnen können. Erst werden Siedlungen bombardiert, dann überfallen sudanesische Soldaten und die Reitermilizen die Menschen. „Dschandschawid“ werden die Kämpfer hoch zu Ross oder Kamel genannt, was so viel bedeutet wie „bewaffneter Dämon zu Pferd“ - auch von ihnen gibt es bisher kaum Fotos. Filmaufnahmen zeigen schemenhaft Reiter, eingehüllt in Staubwolken, die wirken wie aus einer Fabelwelt. Genauso soll nach dem Willen der sudanesische Regierung die Öffentlichkeit den Konflikt sehen. Als sei die blutige Realität nichts als ein Märchen.