Die Bilder, die Carl Just in jener Nacht vor ein paar Jahren vor Augen hatte, waren selbst für den Schweizer Kriegsberichterstatter von einer ungewöhnlichen Drastik: „Amerikanische Panzer kreuzen am Seebecken mit Sprengstoff voran, vollbeladene Schnellboote greifen die tristen und grauen Bunker der großen Versicherungsgesellschaften am Seeufer an. Ungehindert und ungebremst donnern die Boeing und Airbusse ins Berner Bundeshaus, in den Genfer Völkerbundpalast und schließlich in die protzigen Paläste der Schweizer Banken. Über den schmucken Schweizer Städten stehen schwarze Rauchsäulen, das penetrante Geheul der Sirenen von Polizei, Feuerwehr und Ambulanzen erfüllt die putzige Alpenrepublik.“
Es ist das Protokoll eines Albtraums. Die Sprache soll noch einmal helfen, den Horror zu bannen, den der Journalist erlebt hat, aber es ist zu spät: Über zwanzig Jahre lang hatte Carl Just von Krisen aus aller Welt berichtet, hatte in seinen Fotos die unvorstellbarsten Grausamkeiten festgehalten. Vor ein paar Jahren brach der Krieg in seinem Kopf aus.
Angefangen hatte alles mit einem Papagei, zu Hause, in der Idylle, in der fast schon klischeehaften Gegenwelt zu jenen Regionen, die Just bereiste. Maienfeld, wo Just wohnt, ist das „Heididorf“, hier spielen die Romane Johanna Spyris. Auf einer Fahrradtour hatte er in einem Restaurant Pause gemacht, hinter der Theke saß der Vogel, und als Just weiterfuhr, begannen die Flashbacks. Erst in der Arbeit mit seiner Therapeutin erinnert er sich: an Beirut, Mitte der achtziger Jahre, an die fünfundachtzig verstümmelten Palästinenser, und wie sie da lagen, aufgereiht auf einer Wiese, an das Hotel „Commodore“ in Beirut und eben an Coco, den Papagei an der Rezeption. Immer wieder erleidet Just Zusammenbrüche, lässt sich psychiatrisch behandeln, irgendwann lautet die Diagnose: PTSD – Posttraumatische Belastungsstörung.
Der eigene Ort in der Katastrophe
Man braucht kein psychiatrisches Studium, um nachzuvollziehen, dass ein Leben als Kriegsreporter seelische Probleme nach sich ziehen kann. Man muss sich nur selbst die Bilder vergegenwärtigen, die sich im öffentlichen Bewusstsein durch Journalisten wie Carl Just eingeprägt haben, Bilder vom Tod aus dem Libanon, aus dem Irak, vom Balkan. Und dennoch tut man sich ein wenig schwer, auch Journalisten zu den Opfern jener Ereignisse zu zählen, über die sie berichten; am schwersten aber tun sich damit die Journalisten selbst.
Jede andere Gruppe, die beruflich mit extremen Formen von Leid und Gewalt konfrontiert ist, Rettungshelfer und Soldaten, Polizisten und Ärzte, setzt sich längst mit dem Problem auseinander, das Psychologen als „sekundäre“ (oder „stellvertretende“) Traumatisierung kennen. Journalisten sind oft die Ersten, die am Ort einer Katastrophe eintreffen; aber sie sind die Letzten, die sich damit beschäftigen, welche Rolle sie selbst in einer solchen Situation einnehmen.
Horror auf Distanz
Seit 1999 arbeitet das amerikanische Dart Center for Journalism and Trauma (dartcenter.org) daran, Journalisten besser auf ihren Einsatz bei traumatischen Ereignissen vorzubereiten – und versucht ihnen zu helfen, wenn sie oft Jahre später von ihren Erinnerungen heimgesucht werden. Das Angebot des Netzwerks, das auch in Deutschland tätig ist, reicht dabei von Seminaren bis zu konkreten Verhaltenstipps, deren mitunter überraschende Banalität die Ignoranz ganz gut veranschaulicht, welche die Branche dem Wohlbefinden der Berichterstatter entgegenbringt: „Ernähren Sie sich sie gesund“, rät etwa das Handbuch „Trauma & Journalism“, „Schlafen sie genügend“ und „Versuchen Sie, tief durchzuatmen“.
Wenn Journalisten in Krisenfällen schon daran erinnert werden müssen, ihre elementaren Bedürfnisse zu beachten, wundert es kaum, dass die emotionale Grundversorgung auf der Strecke bleibt. Wobei es natürlich auch die engagierten Journalisten und Therapeuten bei Dart nicht als ihre vorrangige Aufgabe verstehen, den Reportern ein paar prägnante Merksprüche in den Koffer zu legen. Sie bemühen sich vor allem, dass sich deren Selbstverständnis so langsam vom Bild des unverwüstlichen Desperados verabschiedet, der schon alleine deshalb keine seelischen Schrammen abbekommen kann, weil er sich als neutraler Beobachter versteht.
Mythos des coolen Berichterstatters
Es ist sicher kein Zufall, dass ausgerechnet Journalisten glauben, mit der Bewältigung drastischer Erfahrungen schon irgendwie alleine fertig zu werden. Für viele Kriegs- und Krisenberichterstatter gehört die Illusion, den Schrecken auf Distanz halten zu können, gewissermaßen zum professionellen Handwerkszeug. „Journalisten lassen ihre eigene Betroffenheit gerne außen vor, weil sie sich als Beobachtungsinstrument ungern in Frage stellen“, meint die Psychotherapeutin Fee Rojas, die sich als Coach und Organisatorin mit dem Zusammenhang von Trauma und Journalismus beschäftigt und eng mit dem Dart Center zusammenarbeitet.
Der Mythos vom coolen Berichterstatter, der notfalls abends an der Bar die gruseligen Bilder des Tages herunterspült, mag ein Klischee sein, aber auch Journalisten lieben Klischees. Und selbst jene, die für eine solche Schützengrabenromantik nicht viel übrighaben, halten eine gewisse Abgebrühtheit für die Voraussetzung ihrer journalistischen Integrität. Dass aber eine solche Distanz für die Journalisten selbst auch einen wirksamen Schutz gegen die eigene Traumatisierung leistet, ist offensichtlich ein hartnäckiges Missverständnis.
Die Scham des Zurückgekehrten
Wenn das mangelnde Verständnis für Traumaerfahrungen bei einzelnen Journalisten zu schweren psychischen Störungen führen kann, ist das nur die pathologische Ebene eines Problems, das vor allem deshalb interessant ist, weil es das persönliche Scheitern an den fragwürdigen Standards objektiver Berichterstattung dokumentiert. Nur wenige Reporter vermitteln, wie sehr sie immer auch Teil der Zusammenhänge sind, die sie schildern. Und wie wenig ihnen überhaupt möglich ist, ihrer eigenen Betroffenheit, Befindlichkeit oder Begrifflichkeit zu entkommen.
„Das Nachdenken über die eigene Rolle gilt für viele als eitle Selbstdarstellung“, sagt Carolin Emcke, eine der wenigen deutschen Krisenberichterstatterinnen, die die Bedingungen ihrer Erfahrungen in ihren Texten deutlich macht, zuletzt vor zwei Wochen in einem bemerkenswerten Artikel für das „Zeit Magazin“ über ihre Rückkehr in den Irak. „Wer beteiligt ist und distanzlos, gerät in den Verdacht bloßer Parteinahme und Propaganda“, schrieb Emcke. „Aus diesem Grund entfernen wir das Subjekt aus dem Text, machen uns selbst unsichtbar, als gäbe es keinen Beobachter, nur die Wirklichkeit, wie sie im Text aufscheint, (. . .) wir entfernen, wie krank wir sind zwischendurch oder verletzt, und vor allem entfernen wir die Scham, die einsetzt bei der Rückkehr, die Scham, jemandem nicht geholfen zu haben, wo wir es vielleicht gekonnt hätten, jemanden zurückgelassen zu haben, der niemanden hat, die Scham schließlich, abgereist zu sein, um zurückzukehren in das Leben hier, als sei nichts gewesen.“
Das ABC der Emotionen
Es mag ja durchaus ein Zeichen angemessener Bescheidenheit sein, wenn Journalisten angesichts des Leids, über das sie berichten, von ihrer persönlichen Verzweiflung schweigen. „Es muss immer deutlich bleiben, dass es um das Beschreiben des Kriegs oder des Leids anderer geht“, betont Emcke. Aber womöglich ist aber das eigene Erleben gerade der Schlüssel für die Vermittlung von Ereignissen, wie Emcke sagt, die „außerhalb jeder Erfahrung liegen“. Statt den Zuschauern und Lesern mit Betroffenheitsfloskeln die Unbeschreibbarkeit und Unfassbarkeit der Zustände zu versichern, könnte die eigene Verstörung ein viel aussagekräftigeres Bild der Situation liefern. Viel zu selten trauen sich die Kollegen, aus Angst, es könnte zynisch wirken, von den profanen Momenten zu sprechen, die auch die größte Tragödie überleben, wie gestern Peter Burghardt, der Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ in seinem Erfahrungsbericht aus Port-au-Prince: „Abends wird vielerorts viel gelacht, nachdem tagsüber über die Apokalypse recherchiert worden war.“
„Man kann die Welt nur subjektiv erfassen“, sagt der Psychotherapeut Mark Brayne, ein ehemaliger BBC-Reporter, der bis 2008 die europäische Zentrale des Dart Centers leitete. „Journalisten, die glauben, nur über eine objektive externe Wirklichkeit zu berichten, laufen Gefahr, die Geschichten völlig falsch zu verstehen.“ Für Brayne spricht der Mangel an psychologischem Grundwissen bei Journalisten, die mit traumatisierten Personen konfrontiert werden, für eine Inkompetenz, die in anderen Ressorts kaum geduldet werden würde. Angesichts des Gewichts, welches Katastrophen und Kriege, Unfälle und Verbrechen heute in den Medien einnehmen, ist dieses Defizit tatsächlich irritierend.
Eine, wie Brayne es nennt, „emotionale Alphabetisierung“ der betreffenden Reporter scheint dabei gar nicht in erster Linie moralisch geboten: Schon alleine im Interesse besserer Geschichten würde sich eine emotionale Grundausbildung lohnen. Damit sind gerade nicht die pseudotherapeutischen Einfühlungstaktiken gemeint, mit denen in manchen Talkshows die Gastgeber ihren Gästen die Beichte abnehmen wollen. Vor einer unausrottbaren Unsitte des Befindlichkeitsjournalismus nämlich raten die Experten des Dart Centers in all ihren Handbüchern dringend ab: „Fragen Sie nie: ‚Wie fühlen Sie sich?‘“
selbst schuld
Dirk Kampschäfer (dk26)
- 24.01.2010, 16:28 Uhr
Aufarbeiten
Maik Trommer (MaikTrommer)
- 24.01.2010, 19:54 Uhr