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Köhlers Rücktritt Ist er von einem Blogger gestürzt worden?

Wer oder was hat den Bundespräsidenten zu Fall gebracht? Das „heute journal“ vertritt die steile These, ein Blogger habe Köhlers Sturz erzwungen. Es lässt dabei alle anderen Faktoren außer Acht.

© ddp Vergrößern Wer brachte ihn zu Fall? Bundespräsident Horst Köhler

Dass Nachrichtenjournale im Fernsehen die Dinge vereinfachen, ist nichts Neues. Das „heute journal“ macht sich die Sache jedoch zu einfach, und zwar eine nicht ganz unwichtige: Wer oder was hat den Bundespräsidenten zu Fall gebracht, fragte die Sendung am Mittwochabend und hatte schnell eine Antwort parat: Weniger das Interview im Deutschlandradio, nicht „Spiegel Online“, das dieses Interview fünf Tage später zum Thema machte, sondern vor allem – ein böser Blogger war’s.

Ein junger Student der Politik- und Medienwissenschaft namens Jonas Schaible, der im Internet das Blog „beim-wort-genommen.de“ führt, soll den Ausschlag gegeben haben. Dem nämlich war die umstrittene Passage in Horst Köhlers Interview aufgefallen, in welcher der damalige Bundespräsident darüber räsoniert, dass „ein Land unserer Größe, mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit, auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren . . .“ Da Köhler dies auf dem Rückflug von seinem Afghanistan-Besuch von sich gab, wurde seine Äußerung auch in Bezug zu diesem gesetzt.

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Zunächst ging die Geschichte unter, auch deswegen, weil die Passage zwar im Radio zu hören, zunächst aber nicht im Internet nachzulesen war – die Kollegen des Deutschlandfunks, die den Auftritt der beiden bundesweiten Sender betreuen, hatten die Passage eingekürzt. Das geschah von Freitag auf Samstag, den 22. Mai. Am Donnerstag darauf setzte „Spiegel Online“ nach, zielte auf die zitierte Passage aus Köhlers Interview und bot Kritiker auf, es meldeten sich Stimmen der Grünen, der SPD und der Linken.

Ein Lehrstück anderer Art

In der Zwischenzeit – damit liegt das „heute journal“ in seiner Nachbetrachtung richtig – hatten viele Redaktionen elektronische Post zu Köhlers Interview bekommen, unter anderem von dem Macher von „beim-wort-genommen“. Der hakte auch bei Twitter nach, wenn er keine Antwort bekam. Aber daraus abzuleiten, dass ein Blogger den Bundespräsidenten gestürzt habe, wie es das „heute journal“ suggeriert, geht ein bisschen weit. Man sollte Blogs nicht unterschätzen, vor allem nicht ihre Kampagnenfähigkeit, die häufig einzig und allein ad personam geht und – etwa im Falle Ursula von der Leyens – Züge unerträglichen Mobbings trägt. Aber wer ihnen, und insbesondere einem einzigen, zuschreibt, sie stürzten Staatsoberhäupter, lässt alle anderen Faktoren außer Acht.

Um die Dinge so kurzgeschlossen zu sehen, muss man zum Beispiel an den Rand drängen, dass „Spiegel Online“, wie der Redakteur Sebastian Fischer sagt, eine Vielzahl von Leserbriefen bekam – darunter auch einen von Jonas Schaible. Was früher auf Papier in den Redaktionen ankam, gibt es heute im Handumdrehen per Mail. Besagte Briefe veranlassten die Redakteure, sich mit dem Interview genauer zu befassen, sie glichen die verschiedenen Versionen des Deutschlandradios miteinander ab und entschlossen sich die Geschichte zu machen. Auf diese Entscheidung und das darauf folgende Echo kam es an, wären sie anders ausgefallen, hätte das Thema nicht Fahrt aufgenommen.

„Nein, ich habe Horst Köhler nicht gestürzt“, schreibt der „beim-wort-genommen“-Blogger und – hat recht. Er hat vielmehr einen Beitrag zu einer Debatte geleistet, an deren Ende der Rücktritt des Bundespräsidenten stand. Der wiederum war ganz allein Horst Köhlers Entscheidung, die wohl alle überrascht hat, von der Kanzlerin über die Journalisten bis zu den Bloggern. „Ein Lehrstück über Politik im Zeitalter des Internet“, sei das gewesen, heißt es im „heute journal“, das werde in die Geschichte eingehen, sagte der Moderator Claus Kleber. Dem gilt es zu widersprechen: Das war ein Lehrstück über jemanden, der den Respekt, den seinem Amt entgegenzubringen er von anderen forderte, selbst nicht aufbrachte. Davon wird in Geschichtsbüchern zu lesen sein.

Quelle: F.A.Z.

 
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