Home
http://www.faz.net/-gsb-16iey
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Köhlers Rücktritt - eine Medienanalyse Der präsidiale Rohrkrepierer

01.06.2010 ·  Bundespräsident Horst Köhler ist zurückgetreten. Das Interview, das ihn zu Fall bringt, stieß zuerst kaum jemandem auf. Erst mit der zweiten Zündung ging die Bombe hoch - ein Gefechtsbericht.

Von Michael Hanfeld
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (51)

Horst Köhler war wohl etwas müde. Geschafft von seinem Truppenbesuch in Mazar-I-Sharif. Und seinen Pressesprecher hatte er auch nicht dabei, beim Rückflug, der ihn über das usbekische Termes nach Berlin brachte. Ende April hatte ihn sein erfahrener Sprecher Martin Kothé, der zuvor für die FDP-Fraktion wirkte, verlassen, nach einem Zerwürfnis mit dem neuen Chef des Bundespräsidialamtes, Hans-Jürgen Wolff. Die neue Sprecherin Petra Diroll sollte am 1. Juni für Köhler antreten. Sie hätte vielleicht verhindern können, dass Köhler dem Deutschlandradio ein Interview gab, das allerdings erst fünf Tage darauf seine ganze Sprengkraft entfaltete, als „Spiegel Online“ die Geschichte hochfuhr, die an diesem Montag ihren Kulminationspunkt erreichte - mit dem Rücktritt des Bundespräsidenten.

Köhler hatte im Flugzeug über den Einsatz in Afghanistan gesprochen, über das fehlende Verständnis für diesen und die Kritik daran. „Wir kämpfen dort auch für unsere Sicherheit in Deutschland“, hatte er gesagt. „Wir kämpfen dort im Bündnis mit Alliierten, mit anderen Nationen auf der Basis eines Mandats der Vereinten Nationen, einer Resolution der Vereinten Nationen. Alles das heißt, wir haben Verantwortung. Und ich finde es in Ordnung, wenn in Deutschland darüber immer wieder auch skeptisch mit Fragezeichen diskutiert wird.“

Zwei Interviewfassungen

Im nächsten Satz jedoch ging Köhler nahtlos zu einer weiteren Einschätzung über, welche die Kritik an ihm heraufbeschwor: „Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern.“ Hätte Köhler das in direkter Anspielung auf den Einsatz der Bundesmarine vor der Küste Ostafrikas gesagt, wäre es wohl noch angegangen. So aber war der Kurzschluss perfekt: Bundeswehr - Afghanistan - Wirtschaftsinteressen.

Der Korrespondent des Deutschlandradios, dem Köhler das alles - wie anderen in ähnlicher Form auch - ins Mikrofon sagte, lieferte sein Stück ab. Am Samstagmorgen, dem 22. Mai, ging es über den Äther, allerdings in zwei Versionen. Die Kollegen des Deutschlandradios (Berlin) und des Deutschlandfunks (Köln) hatten es nämlich unterschiedlich zusammengeschnitten. Was später für die Kritik sorgte, war bei den Berlinern zu hören, nicht aber bei den Kölnern. Und da die Kölner Fassung dann auch in den gemeinsamen Internetauftritt wanderte, war dort etwas anderes zu lesen denn im Deutschlandradio zu hören. Was Verschwörungstheoretiker umgehend auf die Idee brachte, das Deutschlandradio habe auf höheren Druck hin zensiert. In einer nachrichtlichen Fassung wiederum, die aus Berlin stammte, war Köhlers umstrittene Äußerung enthalten. So erläutert es ein Sprecher des Deutschlandradios auf Anfrage. Inzwischen ist das Interview im vollen Wortlaut beim Deutschlandradio verfügbar.

Fahnenflucht nach vorn

Wie dem auch sei: Am Wochenende nach Köhlers Einlassung herrschte bestenfalls Ratlosigkeit. Die wandelte sich, als „Spiegel Online“ die Sache am Mittwoch darauf aufgriff, ergänzt um die Stimmen politischer Kritiker, von der SPD und der Linkspartei. „Wir wollen keine Wirtschaftskriege“, sagte etwa der SPD-Parlamentsgeschäftsführer Thomas Oppermann; Deutschland führe in Afghanistan „keinen Krieg um Wirtschaftsinteressen, sondern es geht um unsere Sicherheit“. Köhler habe offen gesagt, was nicht zu leugnen sei, sagte der Linke-Chef Klaus Ernst: „In Afghanistan riskieren Bundeswehrsoldaten Gesundheit und Leben für die Exportinteressen riesiger Konzerne.“ Das Bundeskanzleramt wollte Köhler nicht beispringen, in einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag hieß es, man pflege Einlassungen des Bundespräsidenten nicht zu kommentieren.

Aus dieser Kommunikationsfalle hätte sich Horst Köhler trotzdem noch spielend leicht herauswinden können, mit oder ohne hauptamtlichen Pressesprecher. Stattdessen trat er die Fahnenflucht nach vorn an. Am frühen Montagnachmittag überraschte er die Öffentlichkeit mit seinem Rücktritt, von dem er auch die Bundesregierung erst ad hoc informiert hatte.

Eilnachrichten in den Medien

ARD und ZDF hatten Glück, dass sie die Meldung gerade noch kurz vor der Wetteransage in ihre 14-Uhr-Nachrichten bekamen. Und für die Privatsendergruppen RTL und Pro Sieben Sat.1 zahlte sich aus, dass sie eigene Nachrichtensender haben: N24 und n-tv schalteten schnell um auf das Chaos in Berlin und blieben dran, so wie für die Öffentlich-Rechtlichen der Parlamentskanal Phoenix. Er machte wett, dass im Ersten nach der Eilnachricht von Köhlers Flucht in die Staatskrise die Seifenoper „Rote Rosen“ lief und im ZDF abermals fleißig gekocht wurde, der Sender bat zur „Küchenschlacht“.

Doch flugs meldete sich fürs Zweite die Hauptstadtstudiochefin Bettina Schausten, wenig später ergänzte im Ersten ihr Kollege Ulrich Deppendorf in einer „Extra“-Ausgabe der „Tagesschau“ seine erste Einschätzung. Doch warum er Köhlers Abgang „geradlinig“ fand, muss einem erst einmal einleuchten. Die Kommentatoren bei N24 und n-tv waren deutlicher. Der einstige „Bild“-Chefredakteur Hans Hermann Tiedje fand Köhlers Abtritt schlicht „unverschämt“, der Altmeister Heiner Bremer echauffierte sich bei n-tv über die unfassliche Dünnhäutigkeit des gerade Zurückgetretenen und attestierte ihm ein „etwas fragwürdiges Demokratieverständnis“.

Begehbares journalistisches Minenfeld

Für Nachrichtenjournalisten war das eine Übung im business as usual, das da bedeutet, auf das Unvorhergesehene umgehend zu reagieren. Dabei mitzuhalten könnte für Pro Sieben Sat.1 - immerhin eine der beiden großen Privatsendergruppen des Landes - künftig aber ungleich schwerer werden, wenn man sich von N24 trennt (wogegen der Betriebsrat am Wochenende gerade aufbegehrte) beziehungsweise mit einem verkauften Sender nicht mehr so eng zusammenwirkt wie im Augenblick. Dann würde nämlich noch deutlicher auffallen, was die Landesmedienanstalten, welche die privaten Sender kontrollieren, dem Senderverbund kürzlich ins Stammbuch geschrieben haben: Während RTL pro Tag mit rund einer Stunde Nachrichtenprogramm aufwarte, heißt es in einem Bericht, sei es bei den Hauptsendern von Pro Sieben Sat.1 nur noch eine halbe. Von der Medienpolitik, also den Bundesländern, erwarten die Medienaufseher, dass sie die Verpflichtung zu Nachrichten gesetzlich festschreiben - womit sich diese jedoch schwertun.

Wie wertvoll ihre Arbeit ist, das haben die Mitarbeiter von N24 an diesem Montag abermals bewiesen. „Spiegel Online“ hat gezeigt, was journalistische Zuspitzung bedeutet, während das Deutschlandradio die Schwächen eines auch binnen-föderal verfassten öffentlich-rechtlichen Rundfunks demonstrierte. Ein journalistisches Minenfeld, das zu passieren einem unmöglich erschiene, ist das aber beileibe nicht. Wer das nicht übersteht, dem ist nicht zu helfen.

Auch wenn man den Kommentatoren folgt, die orakeln, dass sei nur der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte, bleibt die Frage, was der gewesene Bundespräsident eigentlich erwartete. Er habe dem Land gedient, sagte Horst Köhler und kämpfte mit den Tränen. Ob man nicht eher sagen kann, er habe es verraten? Bei Twitter hat sich jemand mit der vielleicht passendsten Einschätzung zu Wort gemeldet: „Köhler tritt nicht zurück! Er ist da missverstanden worden.“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 7 13