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Kinoklassiker als Serien : Wiedersehen ohne Ende

  • -Aktualisiert am

Der Junge hat noch was vor: Freddie Highmore als Norman Bates in „Bates Motel“, der Serie zu Hitchcocks Film-Klassiker „Psycho“. Bild: action press

In Amerika kommen immer mehr Kultfilme aus dem Kino ins Fernsehen - als Neuauflagen im Serienformat. Aber was sagt das über das kreative Potential der Branche?

          Das Ende ist nah, prophezeite vor einigen Monaten die „Neue Zürcher Zeitung“: Angesichts zahlloser Kultfilm-Adaptionen, die ins Fernsehen drängten, gehe das vielzitierte goldene TV-Zeitalter in Amerika wohl zur Neige. „Das Fernsehen rutscht gerade in jene kreative Krise“, schrieb die Zeitung, „in der sich Hollywood seit einigen Jahren befindet.“

          Der amerikanische Fernsehmarkt ist zwar eine ziemlich heterogene Veranstaltung: Kreative Entscheidungen fällen mal die Zuschauer in Direktabstimmungen (bei digitalen Konzernen wie Amazon, etwa), mal orientieren sie sich an prestige- und preisträchtigen Projekten (bei Bezahlsendern wie HBO, die mit Emmys und Golden Globes Abonnenten ziehen), mal an den Bedürfnissen der Werbekunden (bei den Networks, die von Einschaltquoten leben). Aber das Argument leuchtete ein: Wenn statt originärer Ideen plötzlich lauter Neuauflagen von schon vor Jahren erfolgreich verfilmten Stoffen anstehen, wirkt das wie eine kreative Bankrotterklärung.

          Mehr als ein fader Aufguss

          Tatsächlich ist die Liste der Adaptionen lang, und ihre Titel klingen imposant: Polanskis Horror-Klassiker „Rosemary’s Baby“ lief im Mai als vierstündiges Remake bei NBC, die Serien-Version der Coen-Brüder-Farce „Fargo“ war im Frühjahr in zehn Folgen bei FX zu sehen, und die Verfilmung von Nick Hornbys Roman „About a Boy“, die einst mit Hugh Grant in der Hauptrolle im Kino lief, startete im Februar als NBC-Sitcom.

          Doch das ist noch nicht alles: Quentin Tarantinos und Robert Rodriguez’ Splatter-Fantasy „From Dusk Till Dawn“ wurde von Rodriguez zu einer Serie für seinen Sender El Rey ausgebaut, wo sie im März anlief. Und schon seit 2013 sind Prequels, die die Vorgeschichten von Hitchcocks „Psycho“ und „Das Schweigen der Lämmer“ ausbreiten, im Programm: „Bates Motel“ bei A&E und „Hannibal“ auf NBC. Dass man sich an diese Stücke überhaupt herantraut, zeugt erst einmal von robustem Selbstbewusstsein.

          Die Serie „Hannibal“ basiert lose auf den Romanen von Thomas Harris und den erfolgreichen Kinoadaptionen, überzeugt jedoch durch eine eigene Ästhetik.
          Die Serie „Hannibal“ basiert lose auf den Romanen von Thomas Harris und den erfolgreichen Kinoadaptionen, überzeugt jedoch durch eine eigene Ästhetik. : Bild: NBC

          Aber entsteht hier nicht nur ein fader Aufguss starker Kinostoffe? Keineswegs. „Bates Motel“ spielt unterhaltsam mit der Frage, wie Norman (Freddie Highmore bei einem atemberaubenden Balanceakt zwischen Liebenswürdigkeit und Bedrängtheit) zum Psychopathen wurde: Ist die enge Beziehung, die seine Mutter (Vera Farmiga als nervöse Überlebenskünstlerin) zu ihm pflegt, nicht bloß der angemessene Beschützerinstinkt in einer Kleinstadt, deren Bewohner allerlei dunkle Geheimnisse verbergen? Und „Hannibal“ etablierte sich mit einem elegant dargebotenen psychologischen Duell zwischen dem noch praktizierenden Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) und dem Profiler Will Graham (Hugh Dancy) als Kultstück eigenen Rechts. Wie „Bates Motel“ ist auch diese Produktion schon in die dritte Staffel gegangen.

          Nicht nur Adaptionen mit Mehrwert

          Dann kam „Fargo“, und das - so dachte man - kann ja wohl nicht gutgehen. Denn wie sollte dem vielgeliebten, schrägen Krimi der Coens um eine hochschwangere Polizistin und eine Handvoll Kleinganoven im winterlichen Minnesota noch etwas hinzuzufügen sein? Doch Noah Hawley, der Autor der Fernsehadaption, fügte gar nichts hinzu. Stattdessen erdachte er eine eigene düstere Geschichte, die sich wie selbstverständlich ins Universum des Coen-Films fügt, in die eiskalte Landschaft des amerikanischen Herzlands, wo man stets freundlich zueinander ist und die nette Oberfläche Dunkles verbirgt.

          Es war ein irres Unterfangen, das sich Hawley da vorgenommen hatte, aber es gelang, nicht zuletzt dank der Besetzung von Billy Bob Thornton, Martin Freeman, Allison Tolman und Bob Odenkirk. Einmal mehr mussten Amerikas verwöhnte Serienfans nach Luft schnappen: Eine so gekonnte Verneigung vor einem Wunderwerk der Popkultur hatten sie noch nicht gesehen.

          Martin Freeman ist einer der Gründe dafür, warum „Fargo“ sich perfekt in das Coen-Universum einfügt ohne als Serie an Eigenständigkeit zu verlieren.
          Martin Freeman ist einer der Gründe dafür, warum „Fargo“ sich perfekt in das Coen-Universum einfügt ohne als Serie an Eigenständigkeit zu verlieren. : Bild: AP

          Solch geistreiche Variationen bekannter Hollywoodfilme künden eher davon, was die amerikanische Fernsehindustrie gegenwärtig zu leisten imstande ist, als von ihrem Niedergang. Doch auch gescheiterte Versuche der Neubelebung sind zu verzeichnen. NBCs Adaption von „Rosemary’s Baby“ enttäuschte: Man wusste mit dem Stoff offenbar nichts anderes anzufangen, als ihn in stilvoll fotografierten Bildern an einem neuen Schauplatz nachzuerzählen. So entstand ein vierstündiger Langweiler, der den skurrilen Horror des Originals verwirft.

          An guten Autoren mangelt es nicht

          Auch NBCs Idee, Nick Hornbys komplizierte und bittersüße Jungsfreundschaft aus „About A Boy“ in eine Sitcom zu verwandeln, erwies sich als Fehlschlag. Und die Neuauflage von „From Dusk Till Dawn“ beim erst kürzlich auf Sendung gegangenen Fernsehsender des Filmregisseurs Robert Rodriguez bleibt etwas für Fans - Rodriguez reichert die blutrünstig-trashige Geschichte zweier Ganovenbrüder auf der Flucht lediglich mit einer Fülle von Details an, die offenbar nicht in den Film passten.

          Und so steht die Einordnung der Fernsehserialisierung von Kinoklassikern vielleicht noch aus. Weitere Kultfilm-Neuauflagen zeichnen sich unterdessen ab: Im Herbst startet beim Adaptions-Enthusiasten NBC mit „Constantine“ eine Serienversion des Thrillers von 2005, in dem Keanu Reeves Dämonen jagte.

          HBO plant ein Remake von Michael Crichtons Roboterthriller „Westworld“ von 1973 - für die Hauptrolle wurde Anthony Hopkins verpflichtet, das Drehbuch schreibt Jonathan Nolan, der Bruder der Filmkoryphäe Christopher Nolan. Der Regisseur Sam Raimi schließlich arbeitet an einer Fernseh-Adaption seines Horror-Klassikers „The Evil Dead“ von 1981, in der Bruce Campbell abermals die Hauptrolle spielen soll.

          Ob Gutes oder Grauenhaftes dabei entsteht, bleibt abzuwarten. Doch wenn „Fargo“ bei den kommenden Golden Globes und Emmys eine Vielzahl von Auszeichnungen auf sich vereinen sollte - was nicht unwahrscheinlich ist -, dann ist das Zeichen eines Gewerbes, das dank der Dominanz hervorragender Autoren immer wieder Großes hervorbringt - ganz gleich, in welcher Form.

          Quelle: F.A.Z.

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