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Veröffentlicht: 23.10.2013, 11:04 Uhr

Kinofilm „Inside Wikileaks“ „Es klebt Blut an den Händen von Assange!“

Der Film „Inside Wikileaks“ schildert den Gründer der Plattform als abgründige Figur. Und Julian Assange reagiert, wie man ihn kennt: Er schmäht den Hauptdarsteller und startet seine eigene Propaganda.

von Detlef Borchers
© AP „Am Ende bist du ein jobbender Schauspieler, der bezahlt wird, dem Skript zu folgen, egal, wie verzerrt es ist“, schrieb Julian Assange dem ihn darstellenden Benedict Cumberbatch. Doch der hat schräge Belehrungen nicht nötig. Er trägt den Film „Inside Wikileaks“

Ende Oktober kommt „Inside Wikileaks - Die Fünfte Gewalt“ in die Kinos, ein Film über die Menschen hinter der Whistleblower-Plattform, welche die Presse als vierte Gewalt ablösen wollen. Erzählt wird die Geschichte vom ersten veröffentlichten Leak 2007 bis zur Abschaltung der zentralen Software im Jahre 2010, dank deren die anonymen Whistleblower anonym bleiben konnten. Zur Premiere des Films hatte die Produktionsfirma Constantin in die Berliner Kulturbrauerei geladen. Inmitten des Blitzlichtgewitters der Stars und Sternchen tauchte auch der noch amtierende Minister für Wirtschaft und Technologie auf. Philipp Rösler wollte wohl sehen, wie das mit „Cablegate“ war, als Wikileaks geheime Kommentare amerikanischer Diplomaten über die schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen 2009 veröffentlichte. In ihnen kamen seine FDP und besonders Entwicklungsminister Dirk Niebel ziemlich schlecht weg. Der Informant der Amerikaner war Helmut Metzner, ehemaliger Büroleiter von Guido Westerwelle. Er musste den Hut nehmen und gilt bis heute als das prominenteste Opfer der Veröffentlichungen von Wikileaks.

Die Hybris des Julian Assange

„Inside Wikileaks“ basiert zu drei Vierteln auf dem gleichnamigen Buch von Daniel Domscheit-Berg, ein Viertel ist aus dem Buch der „Guardian“-Journalisten David Leigh und Luke Harding übernommen, das dieser Tage auf Deutsch erschienen ist: „Wikileaks: Julian Assanges Krieg gegen Geheimhaltung“. Dazu gibt es ein paar hollywoodtypische Einsprengsel, etwa eine erfundene Liebesgeschichte. Damit ist klar, dass dieser Film unmöglich den Segen von Julian Assange haben kann: Der Gründer von Wikileaks hält die Journalisten des „Guardian“ für wortbrüchige Dummschwätzer und Daniel Domscheit-Berg für einen Verräter. Vor wenigen Tagen berichtete das Magazin „Wired“, dass Assange im Jahr 2011 einen Wikileaks-Aktivisten zu Domscheit-Berg schickte. Dieser sollte versuchen, das Manuskript von „Inside Wikileaks“ heimlich zu kopieren. Das Vorhaben misslang, der Besucher bekam ein Abendessen und flog nach Amerika zurück:Eine lustige Geschichte, bis man bedenkt, dass die Spionage-Tour von Spendengeldern finanziert wurde, die Wikileaks erhalten sollte.

Benedict Cumberbatch © dpa Vergrößern Machten einst gemeinsame Sache: Julian Assange (Benedict Cumberbatch, links) und Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl, rechts)

Gegen den nun vorliegenden Spielfilm hat der Kontrollfreak Assange eine eigene Desinformationskampagne gestartet. Unter anderem veröffentlichte Assange die E-Mails, die er dem Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch schickte, als dieser ihn um ein Gespräch bat. Sie sind in ihrer Mischung aus Verachtung und Anbiederung ziemlich bizarr. Der Gedanke, dass ein Schauspieler in der öffentlichen Vorstellung mit seiner einzigartigen „Assange-Aura“ verschmelze, treibt Assange zu einem harschen Urteil: Cumberbatch sei eine „hired gun“ Hollywoods, das wiederum im Auftrag der amerikanischen Regierung eine symbolische Exekution an ihm durchführe: „Am Ende bist du ein jobbender Schauspieler, der bezahlt wird, dem Skript zu folgen, egal, wie verzerrt es ist.“

Cumberbatch ist der Fixpunkt

Cumberbatch aber macht seine Sache gut und befolgt nicht nur ein Skript. Seine Darstellung des schwierigen Charakters von Assange gibt dem an Personen und Orten überreichen Film die nötige Tiefenschärfe. Wer die Geschichte von Wikileaks nicht kennt, wird Mühe haben, im Trubel der Leaks die Übersicht zu behalten, und sich an den herausragenden Benedict Cumberbatch halten müssen. Gleich der erste Auftritt im Film zeigt Cumberbatch als einen Assange, der die wenigen Zuhörer auf dem Chaos Computer Congress 2007 hypnotisiert: „Wenn zwei Menschen ein Geheimnis haben, ist dies der Anfang jeder Korruption. Doch es braucht nur einen einzigen moralischen Menschen, den Schleier zu zerreißen.“ Dabei ist Assange selbst kein sonderlich moralischer Mensch, wie Daniel Berg, gespielt von Daniel Brühl, schnell herausfindet. Assange hat ihn belogen, was die Größe von Wikileaks anbelangt. All die Jims und Johns, mit denen er elektronischen Kontakt hatte, waren Impersonationen von Assange.

Später wird „Daniel Schmitt“ es genauso halten und Journalisten vorgaukeln, das Wikileaks eine große Truppe sei. Noch später gibt es ein Zwischenspiel als Roadmovie: Julian und Daniel brettern durch Europa, um in verschiedenen Rechenzentren, unterstützt von Systemadministratoren, heimlich Wikileaks-Server zu installieren. Die Chuzpe, mit der zwei Hacker-Typen da ihr Projekt durchziehen und Wikileaks tatsächlich unzerstörbar machen, wird für den Zuschauer in Ansätzen erfahrbar.

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