http://www.faz.net/-gqz-70exu

Kino.to-Prozess : „Manchmal sogar sehr viel Geld“

  • -Aktualisiert am

Kein Freiheitskämpfer, ein Geschäftsmann: Dirk B. witterte im Internet das große Geld, Urheberrechte begannen ihn erst spät zu interessieren Bild: dapd

Kino.to-Gründer Dirk B. legt am Landgericht Leipzig ein umfassendes Geständnis ab. Für Urheberrechtsverletzungen in Millionen Fällen muss er mit viereinhalb Jahren Haft rechnen. Der Prozess ist der bisher spektakulärste Schlag gegen die Filmpiraterie.

          Der Gründer und Inhaber des illegalen Internet-Filmportals kino.to, Dirk B., hat vor dem Landgericht Leipzig am Mittwoch alle Anklagevorwürfe gegen ihn bestätigt. In einer Erklärung, die sein Verteidiger verlas, „bedauert er die von ihm begangenen gravierenden Urheberrechtsverletzungen außerordentlich.“ Die Anklage wirft ihm vor, Raubkopien von 135.000 Filmen im Internet verfügbar gemacht und dabei mehr als eine Million Urheberrechtsverletzungen begangen zu haben. Der Angeklagte äußerte sich umfassend, nachdem es zu einer Verständigung zwischen dem Gericht, der Anklagebehörde und dem Angeklagten gekommen war. Nach einer glaubwürdigen geständigen Einlassung, so sieht es die Verständigung vor, erwartet ihn eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten bis vier Jahre und zehn Monaten.

          Nach fast einem Jahr Untersuchungshaft wird er die Strafhaft bald im offenen Vollzug verbüßen dürfen. Seine Vermögen, das noch nicht genau erfasst ist, aber in die Millionen gehen dürfte, wird bis auf 50.000 Euro eingezogen. Außerdem erhält er etliche Rechner, Laptops, Speichermedien und Mobiltelefone nicht zurück. Das Urteil wird am kommenden Donnerstag gesprochen. Es wird die höchste Strafe sein, die je wegen Urheberrechtsverletzungen verhängt wurde – und es wurde noch niemand wegen Verletzung des Urheberrechts in derart vielen Fällen angeklagt.

          Ein Autodidakt auf Beutezug

          Das Internet hat sich Dirk B., sagt er in seiner Erklärung, als eine „faszinierende Welt“ dargestellt, deren Möglichkeiten „fast grenzenlos“ und „nur annähernd erschlossen“ seien. Bald habe er gemerkt, dass dort viel Geld, „manchmal sogar sehr viel Geld zu verdienen“ sei, besonders durch die Vermarktung von Werken Dritter. Die Anklage wirft ihm vor, zwischen 2008 und 2011 etwa 6,6 Millionen Euro durch Werbeeinnahmen und Provisionen verdient zu haben.

          Dirk B., der heute 39 Jahre alt ist, wirkt vor Gericht in Hemd und Jeans mit grauen Haaren und randloser Brille ganz und gar nicht wie ein Großverdiener. Seine Sprache ist  wenig artikuliert, er nuschelt mit sächsischem Akzent. B. stammt aus kleinen Verhältnissen. Nach der achten Klasse hat er die Schule verlassen, weil seine Mutter, eine überzeugte Zeugin Jehovas, ihn aus der Schule genommen habe. Nach einer Lehre als Spitzendreher wechselte er in eine Teppichfirma in Leipzig und machte sich später als Fußbodenleger selbständig. Das Geschäft lief nicht gut, die Schulden häuften sich an. Um den Forderungen zu entgehen, siedelte er nach Mallorca um. Die Nächte verbrachte er am Computer. Er arbeitete sich als Autodidakt in die Welt des Internet ein, baute Webseiten gegen kleines Honorar; bald entwickelte er sein erstes Filmportal, die „Saugstube“. Sie verschaffte Zugang zu Filmen, die auf Servern irgendwo auf der Welt abgelegt waren. Die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) hatte ihn bald als Betreiber der Website ermittelt. 2004 wurde er zu einer Geldstrafe von dreitausendneunhundert Euro verurteilt.

          Weitere Themen

          Gschänkli von den Eidgenossen

          Spenden aus der Schweiz : Gschänkli von den Eidgenossen

          Wegen illegaler Wahlkampfspenden aus der Schweiz steht die AfD-Politikerin Alice Weidel unter Druck – das hat auch mit Querelen im Bundestag zu tun.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.