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Veröffentlicht: 12.03.2008, 12:54 Uhr

Kino Schauspieler Erwin Geschonneck ist tot

Der Schauspieler Erwin Geschonneck ist tot. Er starb am Morgen im Alter von 101 Jahren. Geschonneck hat in über hundert Filmen mitgespielt, darunter in Klassikern wie „Karbid und Sauerampfer“, „Nackt unter Wölfen“ und „Jakob, der Lügner“.

© dpa Erwin Geschonneck, 1906 - 2008

Erwin Geschonneck, einer der populärsten ostdeutschen Schauspieler, ist tot. Er starb im Alter von 101 Jahren am Mittwoch in seiner Berliner Wohnung, wie die Akademie der Künste mitteilte. Geschonneck war schon zu Lebzeiten eine deutsche Film- und Theaterlegende. In der DDR sahen viele in dem populären Schauspieler, der am Mittwoch im Alter von stolzen 101 Jahren gestorben ist, so etwas wie einen „Hans Albers des Ostens“.

Das Oberlippenbärtchen, an dem ihn Fans selbst im Alter sofort erkannten, trug er seit seinem ersten Defa-Film. Der ostdeutsche Volksschauspieler wurde in seinem Bekanntheitsgrad höchstens noch von Manfred Krug erreicht. In einem frühen Defa-Film von 1950 ist Geschonneck noch heute als dämonischer Holländer-Michel in dem Märchen „Das kalte Herz“ vielen Zuschauern in Erinnerung. In jenen Jahren hatte Geschonneck bereits über Berlin hinaus große Beachtung als Theaterschauspieler gefunden, als ihn Bertolt Brecht an sein Berliner Ensemble holte, wo er unter anderem in Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ reüssierte.

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Für seinen letzten Auftritt vor der Kamera („Matulla und Busch“ 1995) wünschte sich Geschonneck unbedingt eine komische Rolle, obwohl ihn sein Millionenpublikum schon wegen seiner Biografie oft auch mit Filmen über die Nazi-Vergangenheit verband oder ihn auch gerne als handfesten Proletarier sah. Geschonneck wollte lieber als „Komödiant in Erinnerung“ bleiben. So war der große alte Mann des Defa-Films nun mal und so sah er sich wohl am liebsten. Im Dezember 2006 wurde Geschonneck an seinem 100. Geburtstag, zu dieser Zeit schon im Rollstuhl sitzend, von zahlreichen Freunden und Weggefährten mit einer großen Hommage in der Berliner Akademie der Künste geehrt.

Erwin Geschonneck Jakob der Lügner © defd/PWE-Verlag Vergrößern Erwin Geschonneck als Kowalski in dem Film „Jakob, der Lügner”

Aufgewachsen in der Nähe vom Alexanderplatz

Den 101. Geburtstag beging der inzwischen bettlägerige Geschonneck Ende 2007 von der Öffentlichkeit zurückgezogen an der Seite seiner Frau. Die Jahre mit der 40 Jahre jüngeren Heike, seiner fünften Frau, nannte er das „wahre Glück“ seines Lebens. In weit über 100 Rollen in Film und Fernsehen sowie auf der Theaterbühne hat er gespielt. Für den streitbaren Kommunisten war im sozialistischen Osten zwar nicht alles gut und richtig, aber ein Weggang kam für ihn nicht in Frage. Deshalb konnte er trotz seiner vielseitigen Talente auch kein Weltstar werden, obwohl es einer seiner bekanntesten Filme, „Jakob der Lügner“ von Frank Beyer (1974), sogar als einziger Defa-Film zu einer Oscar-Nominierung schaffte. Lästige Fragesteller speiste er diesbezüglich gern mit dem Satz ab: „Mir genügte es auch, ein guter Schauspieler zu sein.“

Geschonneck wurde am 27. Dezember 1906 im ostpreußischen Bartenstein geboren. Aufgewachsen ist er im Berliner Proletarierviertel in der Ackerstraße in der Nähe vom Alexanderplatz. Seinem Kiez blieb er treu. Obwohl mehrfach mit dem DDR-Nationalpreis geehrt, schätzte er seine Wohnung in einem Plattenbau. Als Geschonneck mit seiner Karriere begann, war er fast 40 Jahre alt. Ob Bösewicht, proletarischer Typ oder komischer Kauz - festlegen ließ er sich nicht. Natürlich habe ihn die „antifaschistische Thematik“ besonders interessiert, schrieb er in seinen Memoiren „Meine unruhigen Jahre“. Seine Biografie prädestinierte ihn geradezu für Streifen wie „Fünf Patronenhülsen“ (1961) über den Kampf der Interbrigadisten im Spanischen Bürgerkrieg oder „Nackt unter Wölfen“ (1963), in dem KZ-Häftlinge in Buchenwald der SS mutig die Stirn bieten. Mit der Oscar-Nominierung für den Film „Jakob der Lügner“, der einzigen in der DDR-Filmgeschichte, erreichte er wohl den Zenit seiner Karriere.

Gefilmt hat er nach dem Mauerfall nur noch ein einziges Mal

Der Schauspieler wusste genau, was er auf keinen Fall auf der Leinwand darstellen wollte: „Einen Kommunisten oder Antifaschisten, sauber und heroisch, wie es ihn im Leben gar nicht gab.“ Als unbändiger Jupp König, der mit seiner Flamme in „Sonnensucher“ auf den Tischen tanzt, war er in seinem Element. Der Film von Konrad Wolf über den Uranbergbau in der deutsch-russischen Wismut AG missfiel den Sowjets. Er wurde für 15 Jahre verboten. Ein „positiver Held“ ist sein schlitzohriger „Karbid-Kalle“ in einer der schönsten Defa- Komödien „Karbid und Sauerampfer“ (1963) auch nicht gerade. 1993 erhielt der mehrfache DDR-Nationalpreisträger Geschonneck das Filmband in Gold der Bundesrepublik.

Gefilmt hat er nach dem Mauerfall nur noch ein einziges Mal. Zusammen mit seinem Sohn Matti als Regisseur entstand 1995 die zu seinem Leinwand-Abschied gewünschte Komödie „Matulla & Busch“. Zuvor hatte ihn Heiner Müller dazu überredet, für das Projekt „Duell Traktor Fatzer“ noch einmal ans Berliner Ensemble zurückzukehren, wo einst Bertolt Brecht Geschonnecks Lehrmeister war. Nach dem Krieg hatte der Spätstarter bei Ida Ehre in den Hamburger Kammerspielen debütiert. Der Jung-Kommunist Geschonneck flüchtete bei Machtantritt der Nazis 1933 in die Sowjetunion. Nachdem ihn sein Zufluchtsland auswies, geriet er 1939 in Prag in die Fänge der Gestapo. Durch drei Konzentrationslager getrieben überlebte er wie durch ein Wunder den Untergang der „Cap Arcona“ mit mehreren tausend KZ-Häftlingen an Bord in der Lübecker Bucht wenige Tage vor Kriegsende. Seine letzte Ruhe findet Geschonneck auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, dem traditionsreichen Künstlerfriedhof. Dort hatte er sich noch zu Lebzeiten eine Grabstelle reservieren lassen, neben dem Grab von Bertolt Brecht und Helene Weigel.

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