http://www.faz.net/-gqz-wf3f

Kino : Schauspieler Erwin Geschonneck ist tot

  • Aktualisiert am

Erwin Geschonneck, 1906 - 2008 Bild: dpa

Der Schauspieler Erwin Geschonneck ist tot. Er starb am Morgen im Alter von 101 Jahren. Geschonneck hat in über hundert Filmen mitgespielt, darunter in Klassikern wie „Karbid und Sauerampfer“, „Nackt unter Wölfen“ und „Jakob, der Lügner“.

          Erwin Geschonneck, einer der populärsten ostdeutschen Schauspieler, ist tot. Er starb im Alter von 101 Jahren am Mittwoch in seiner Berliner Wohnung, wie die Akademie der Künste mitteilte. Geschonneck war schon zu Lebzeiten eine deutsche Film- und Theaterlegende. In der DDR sahen viele in dem populären Schauspieler, der am Mittwoch im Alter von stolzen 101 Jahren gestorben ist, so etwas wie einen „Hans Albers des Ostens“.

          Das Oberlippenbärtchen, an dem ihn Fans selbst im Alter sofort erkannten, trug er seit seinem ersten Defa-Film. Der ostdeutsche Volksschauspieler wurde in seinem Bekanntheitsgrad höchstens noch von Manfred Krug erreicht. In einem frühen Defa-Film von 1950 ist Geschonneck noch heute als dämonischer Holländer-Michel in dem Märchen „Das kalte Herz“ vielen Zuschauern in Erinnerung. In jenen Jahren hatte Geschonneck bereits über Berlin hinaus große Beachtung als Theaterschauspieler gefunden, als ihn Bertolt Brecht an sein Berliner Ensemble holte, wo er unter anderem in Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ reüssierte.

          Für seinen letzten Auftritt vor der Kamera („Matulla und Busch“ 1995) wünschte sich Geschonneck unbedingt eine komische Rolle, obwohl ihn sein Millionenpublikum schon wegen seiner Biografie oft auch mit Filmen über die Nazi-Vergangenheit verband oder ihn auch gerne als handfesten Proletarier sah. Geschonneck wollte lieber als „Komödiant in Erinnerung“ bleiben. So war der große alte Mann des Defa-Films nun mal und so sah er sich wohl am liebsten. Im Dezember 2006 wurde Geschonneck an seinem 100. Geburtstag, zu dieser Zeit schon im Rollstuhl sitzend, von zahlreichen Freunden und Weggefährten mit einer großen Hommage in der Berliner Akademie der Künste geehrt.

          Erwin Geschonneck als Kowalski in dem Film „Jakob, der Lügner”
          Erwin Geschonneck als Kowalski in dem Film „Jakob, der Lügner” : Bild: defd/PWE-Verlag

          Aufgewachsen in der Nähe vom Alexanderplatz

          Den 101. Geburtstag beging der inzwischen bettlägerige Geschonneck Ende 2007 von der Öffentlichkeit zurückgezogen an der Seite seiner Frau. Die Jahre mit der 40 Jahre jüngeren Heike, seiner fünften Frau, nannte er das „wahre Glück“ seines Lebens. In weit über 100 Rollen in Film und Fernsehen sowie auf der Theaterbühne hat er gespielt. Für den streitbaren Kommunisten war im sozialistischen Osten zwar nicht alles gut und richtig, aber ein Weggang kam für ihn nicht in Frage. Deshalb konnte er trotz seiner vielseitigen Talente auch kein Weltstar werden, obwohl es einer seiner bekanntesten Filme, „Jakob der Lügner“ von Frank Beyer (1974), sogar als einziger Defa-Film zu einer Oscar-Nominierung schaffte. Lästige Fragesteller speiste er diesbezüglich gern mit dem Satz ab: „Mir genügte es auch, ein guter Schauspieler zu sein.“

          Geschonneck wurde am 27. Dezember 1906 im ostpreußischen Bartenstein geboren. Aufgewachsen ist er im Berliner Proletarierviertel in der Ackerstraße in der Nähe vom Alexanderplatz. Seinem Kiez blieb er treu. Obwohl mehrfach mit dem DDR-Nationalpreis geehrt, schätzte er seine Wohnung in einem Plattenbau. Als Geschonneck mit seiner Karriere begann, war er fast 40 Jahre alt. Ob Bösewicht, proletarischer Typ oder komischer Kauz - festlegen ließ er sich nicht. Natürlich habe ihn die „antifaschistische Thematik“ besonders interessiert, schrieb er in seinen Memoiren „Meine unruhigen Jahre“. Seine Biografie prädestinierte ihn geradezu für Streifen wie „Fünf Patronenhülsen“ (1961) über den Kampf der Interbrigadisten im Spanischen Bürgerkrieg oder „Nackt unter Wölfen“ (1963), in dem KZ-Häftlinge in Buchenwald der SS mutig die Stirn bieten. Mit der Oscar-Nominierung für den Film „Jakob der Lügner“, der einzigen in der DDR-Filmgeschichte, erreichte er wohl den Zenit seiner Karriere.

          Gefilmt hat er nach dem Mauerfall nur noch ein einziges Mal

          Der Schauspieler wusste genau, was er auf keinen Fall auf der Leinwand darstellen wollte: „Einen Kommunisten oder Antifaschisten, sauber und heroisch, wie es ihn im Leben gar nicht gab.“ Als unbändiger Jupp König, der mit seiner Flamme in „Sonnensucher“ auf den Tischen tanzt, war er in seinem Element. Der Film von Konrad Wolf über den Uranbergbau in der deutsch-russischen Wismut AG missfiel den Sowjets. Er wurde für 15 Jahre verboten. Ein „positiver Held“ ist sein schlitzohriger „Karbid-Kalle“ in einer der schönsten Defa- Komödien „Karbid und Sauerampfer“ (1963) auch nicht gerade. 1993 erhielt der mehrfache DDR-Nationalpreisträger Geschonneck das Filmband in Gold der Bundesrepublik.

          Gefilmt hat er nach dem Mauerfall nur noch ein einziges Mal. Zusammen mit seinem Sohn Matti als Regisseur entstand 1995 die zu seinem Leinwand-Abschied gewünschte Komödie „Matulla & Busch“. Zuvor hatte ihn Heiner Müller dazu überredet, für das Projekt „Duell Traktor Fatzer“ noch einmal ans Berliner Ensemble zurückzukehren, wo einst Bertolt Brecht Geschonnecks Lehrmeister war. Nach dem Krieg hatte der Spätstarter bei Ida Ehre in den Hamburger Kammerspielen debütiert. Der Jung-Kommunist Geschonneck flüchtete bei Machtantritt der Nazis 1933 in die Sowjetunion. Nachdem ihn sein Zufluchtsland auswies, geriet er 1939 in Prag in die Fänge der Gestapo. Durch drei Konzentrationslager getrieben überlebte er wie durch ein Wunder den Untergang der „Cap Arcona“ mit mehreren tausend KZ-Häftlingen an Bord in der Lübecker Bucht wenige Tage vor Kriegsende. Seine letzte Ruhe findet Geschonneck auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, dem traditionsreichen Künstlerfriedhof. Dort hatte er sich noch zu Lebzeiten eine Grabstelle reservieren lassen, neben dem Grab von Bertolt Brecht und Helene Weigel.

          Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa

          Weitere Themen

          Oscar-Akademie schließt Harvey Weinstein aus Video-Seite öffnen

          Sexuelle Belästigung : Oscar-Akademie schließt Harvey Weinstein aus

          Filmproduzent Harvey Weinstein wird wegen Vergewaltigungsvorwürfen mehr und mehr zum Geächteten in Hollywood. Die Oscar-Akademie schließt den 65-Jährigen aus ihren Reihen aus - „sexuell aggressives Verhalten“ werde in der Filmbranche nicht mehr geduldet, heißt es zur Begründung.

          Topmeldungen

          Interview mit FDP-Chef : „Alles, bloß kein CDU-Finanzminister“

          FDP-Chef Christian Lindner will verhindern, dass Kanzlerin Merkel im Finanzressort weiter durchregiert. Und er warnt sie im Gespräch mit der F.A.Z., während der Koalitionsgespräche in Brüssel neue Tatsachen zu schaffen.

          TV-Kritik „Hart aber fair“ : Der Wunderknabe aus Österreich

          Sebastian Kurz ist der neue Hoffnungsträger der europäischen Konservativen. Bei „Hart aber fair“ zeigt sich, dass Kurz vor allem von Politikern profitiert, die sich für die Probleme der Menschen als unzuständig erklären.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.