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Montag, 13. Februar 2012
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Kindersoldaten Von wegen Skandal

16.02.2007 ·  Das Medienmagazin „Zapp“ des NDR stellte die Sängerin Senait Mehari als Lügnerin dar. Sie sei niemals Kindersoldatin gewesen. Außerdem verwechselte sie Kojoten mit Hyänen. Doch Terre des Hommes glaubt weiterhin an sie.

Von Karen Krüger
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Kritisch, unbestechlich und knallhart beim Recherchieren - so inszeniert sich „Zapp“, das Medienmagazin des NDR, gern. „Was nicht passt, wird passend gemacht“, sagte die Moderatorin Inka Schneider zur Eröffnung der Sendung am Mittwoch. Dass der Satz im folgenden zu einer eigenen Geschichte passen konnte, demonstrierte „Zapp“ eindrucksvoll: Senait Mehari, einundreißig Jahre alte Bestsellerautorin und Sängerin, die sich seit Jahren mit dem Schicksal von Kindersoldaten auseinandersetzt, weil sie als kleines Mädchen mehrere Jahre in einem Militärcamp der „Eritrean Liberation Front“ (ELF) verbringen musste, stellte „Zapp“ als Lügnerin dar.

Anders als von Senait Mehari dargestellt, sei sie niemals Kindersoldatin gewesen. Und tatsächlich antwortet Senait Mehari in der Sendung auf die Frage, ob sie eine Kindersoldatin sei: „So würde ich mich nicht bezeichnen. Ich bin ein Kind des Krieges.“

„Erzählt, wie sie Menschen töten musste.“

Doch wie kam die Äußerung zustande? Frank Mischo von der Kindernothilfe war dabei, als die Aufnahme entstand: „Das war bei einer Pressekonferenz. Zuvor hatte die ehemalige ugandische Kindersoldatin China Keitetsi erzählt, wie sie Menschen töten musste.“ Senaits Antwort sei der Versuch gewesen, ihre eigenen Erfahrungen, die ihr neben denen China Keitesis als weniger grausam erschienen, einzuordnen und sich selbst zurückzunehmen.

Fünf Jahre nach seiner Gründung hat der Internationale Strafgerichtshof eine Anklage zugelassen und damit den Weg für das erste Verfahren geebnet. Angeklagt ist der kongolesische Milizenführer Thomas Lubanga. Ihm wird vorgeworfen, Kindersoldaten angeworben und deren Tod in Kauf genommen zu haben.

Als Zeugen für die Unglaubwürdigkeit der Eriträerin kam bei „Zapp“ eine Gruppe von Eriträern zu Wort, die während des Unabhängigkeitskrieges auch in dem Lager gewesen sein sollen. Ihre Funktion dort, und wie sie sich rund fünfundzwanzig Jahre später zusammengefunden haben, um gegen Senait Meharis Erinnerungen zu protestieren, ließ „Zapp“ im Dunkeln. Die Redaktion stellte sie schlicht als „Zeitzeugen“ vor.

„Auf beiden Seiten Guillerakrieger im Kindesalter“

Auf Anfrage in der „Zapp“-Redaktion hieß es, man habe von den Zweifeln an Senait Meharis Glaubwürdigkeit innerhalb der eriträischen Gemeinde in Deutschland gehört und in den entsprechenden Kreisen recherchiert. Hunger, Leiden, Tote und Kinder mit Waffen, an die sich Senait Mehari erinnert, habe es in dem Lager nicht gegeben, sagt einer der „Zeitzeugen“.

Überhaupt, so der Tenor, hätten beim Befreiungskrieg keine Kindersoldaten gekämpft. Berichte von Amnesty International oder Experten besagen allerdings das Gegenteil „Es hat auf beiden Seiten Guillerakrieger im Kindesalter gegeben, die an der Front gekämpft haben“, sagt Konrad Melchers, Chefredakteur der Zeitschrift „Eins Entwicklungspolitik“, der seit Jahren über das Land schreibt. Zynisch erschien der „Zapp“-Beitrag, mit dem Versuch, Senait Meharis Glaubwürdigkeit mit dem Hinweis zu erschüttern, dass sie nicht an der Front kämpfen musste und auch niemanden getötet habe.

„Auf ein Definitionsproblem reduziert“

Dabei sind als Kindersoldaten laut Definition der Vereinten Nationen und den „Cape-Town Principles“ von 1997 nicht nur solche Minderjährige zu verstehen, die mit der Waffe kämpfen. Als Kindersoldaten gelten vielmehr auch solche Kinder, die wie Senait Mehari als Boten und Späher eingesetzt wurden und die man auf den Umgang mit der Waffe vorbereitete. Erst in der vergangenen Woche hat das die Unicef-Konferenz gegen den Einsatz von Kindersoldaten bestätigt.

„Zapp“ war das offenbar gleichgültig: Senait Mehari habe dieses Schicksal nie erlebt, hieß es. Auf die Frage, warum man sich in der Sendung nicht an den UN-Definitionen orientiert habe, sagte Kuno Haberbusch, Chefredakteur von „Zapp“ gegenüber dieser Zeitung: „Ich verstehe nicht, dass das ganze auf ein Definitionsproblem reduziert wird, was man unter einem Kindersoldaten zu versehen hat. Vor allem die Entwicklungsorganisationen tun sich mit dieser Kritik keinen Gefallen.“

Hundeartige Geschöpf ihrer Kindheitserinnerungen

Jemand, den die Redaktion in der Sendung als „Eritrea-Experten“ vorstellte, meinte gar: „Es ist unfair gegenüber den Kindersoldaten in Sierra Leone oder in Uganda, sich da einzureihen und einen Status zu reklamieren, den sie nicht hatte.“ Als weiteren Beweis für die Unglaubwürdigkeit Senait Meharis nannte „Zapp“ „Ungereimtheiten“ in ihrem Buch „Feuerherz“, in dem die Eriträerin ihre Kindheitserinnerungen verarbeitet hat.

So schreibe sie von Kojoten, vor denen sie sich als sechsjähriges Mädchen fürchtete, obwohl es in Eritrea nur Hyänen gebe. Dass die Autorin sich einfach geirrt haben könnte, als sie das hundeartige Geschöpf ihrer Kindheitserinnerungen zu benennen versuchte, zog die Redaktion nicht in Betracht. „Ich habe den Eindruck, dass da eritreische Patrioten besorgt um das Ansehen ihres Landes sind und nun zum Gegenangriff ausholen“, sagt Klaus Fricke, der als Lektor des Droemer-Knaur-Verlags das Buch „Feuerherz“ betreut.

Kindersoldaten passen nicht ins Bild

Der Verlag zweifelt nicht an der Glaubwürdigkeit der Autorin, ihre Angaben zu Orten und Personen habe man bei der Entstehung des Buches überprüft. Mehrmals habe Senait Mehari Briefe von Eriträern bekommen, die sich besorgt um das Ansehen ihres Landes zeigten: Kindersoldaten passen nicht in das Bild des heroischen Unabhängigkeitskampfes.

Ob die Organisationen, mit denen Senait Mehari zusammenarbeitet, nach der „Enthüllung“ weiterhin an sie glauben, fragte „Zapp“. Wie es aussieht: Ja. Terre des Hommes und Aktion Weißes Friedensband hegen keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihrer Aktivistin. Sacha Decker von der Kindernothilfe sagt: „Wir stehen weiter hinter Senahit Mehari und freuen uns auf ihr Engagement in der Zukunft.“ Manchmal passen die Dinge eben doch.

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