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Kinderfernsehen Raus aus dem goldenen Käfig

05.07.2007 ·  Fernsehen für Kinder sieht man mehr denn je, es gibt sogar einen eigenen Kanal dafür. Mitten im Programm finden sich die Jungen aber nicht: Ihr goldener Käfig steht am Rande. Gert K. Müntefering, der die „Sendung mit der Maus“ erfand, über das Kinderfernsehen.

Von Gert K. Müntefering
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Wie selten zuvor war dieser Tage von Kindern und Fernsehen die Rede. Fernsehen, Radio und Internet waren aufgeboten. ARD und ZDF wollten die gesellschaftspolitische Debatte zum Wohle der Kinder intensivieren. Schirmherr war der Bundespräsident. Mit Programmfernsehen für Kinder hatte diese Initiative allerdings wenig zu tun. „Kinder sind Zukunft“ war das Motto. Dieser Satz stand auch, naiv und unwiderlegbar, über der Gründungsurkunde des Kinderkanals 1995.

Aber sind Kinder nicht zunächst einmal Gegenwart und, mehr noch, jeweils persönliche Vergangenheit? Der Verdacht liegt nahe, dass in der liebevollen Zuwendung zum Kind als Zukunft der Gesellschaft ein utilitaristischer Gedanke steckt. Er sieht eben in der Zukunftsfähigkeit des Kindes den bedeutenden Wert - sonst stünde er nicht bereits im Titel. Und schließlich, hier sind wir ja sowieso.

Begriffliche Unschärfen

Wie und mit welcher Substanz besetzt nun Kinderfernsehen heute Zeit und Sendeflächen und öffentlichen Raum? Diese Öffentlichkeit ist hier zu verstehen als Wahrnehmung in Kritik, Forderung und Nachsicht als Bestandteil der Berichterstattung und wissenschaftlichen Erörterung. Das zehnjährige Bestehen des Kinderkanals von ARD und ZDF als Zeitmarke lässt einen unromantischen Blick auf diese spezielle Kinderszene zu. Dabei geht es um den scheinbaren Widerspruch zwischen umfangreichem Angebot und der Behauptung vom allmählichen Verschwinden des Kinderfernsehens.

Kinderfernsehen an sich enthält gewisse begriffliche Unschärfen, worin eine deutliche anthropologische Komponente steckt. Der Erwachsene klassifiziert über richtige und falsche Vorurteile eine Sache, die ihn scheinbar nichts mehr angeht und auf die er dennoch mit den Folgen seiner kindlichen Sozialisation reagiert oder eben als Programmplaner. Aber es gibt viele gemeinsame Grenzen und Gebietsüberschneidungen. Genau diese phantastischen und realistischen Gegenden, kommerziell längst genutzt, können Kinder und Erwachsene emotional zusammen bewohnen. In vielen Geschichten und Epochen des Fernsehens ist Kohabitation gelungen. Die Gründung des Kinderkanals setzt auf die Autonomie spezifischer, besonders kindnaher Programme. Er nimmt die Scheidung vom Erwachsenen bewusst hin, ja bezieht daraus seine Legitimation. Das ist sein Gründungscredo, die Folgen sind Gegenstand struktureller Kritik. Darüber wäre zu reden - in bewusst ungerechter Sprache. Denn ohne Zweifel ist der KiKa eine Erfolgsgeschichte - und die erzählt sich einfacher.

Sinkendes Vertrauen

Medienpolitisch haben ARD und ZDF ihren gesellschaftlichen Auftrag mit dem Titel Kinderkanal mandatiert. Aber sie bleiben die Adressaten, wenn es um die Frage nach öffentlich-rechtlichem Kinderfernsehen geht. Das Vertrauen in den Chefetagen in die Zugkraft des Kinderfernsehens ist jedoch gesunken. Warum soll, der demographische Faktor sei am Rande erwähnt, ausgerechnet Kinderfernsehen aufregende Zahlen bescheren? Es tut ja es auch nicht mehr so häufig. Und nicht nur das nicht! Auch im Feuilleton gibt es selten ästhetische oder inhaltliche Kritik, die sich mit dem Fernsehen für Kinder beschäftigt und somit öffentlich Bedeutung signalisiert. Ein offenes Auge und Ohr für Kinderbücher hat man immer.

Die Suche nach Inhalt, Form, kurzum Substanz im Kinderfernsehen ist aufgegeben - ja sie beantwortet sich mit dem Hinweis auf die Sparte in Erfurt als intelligentes Design. Ein großer Teil des Kinderfernsehens ist insofern nicht vom Verschwinden bedroht, er ist schon verschwunden, gedanklich, planerisch und in öffentlicher Nachfrage.

Riskante Ausreißer

Der Kinderkanal als Garant des bewährten Angebots profitiert. Er produziert und arbeitet an seinen Defiziten. Er wäre aber schlecht beraten, wenn er seine fabelhafte Einzelstellung - ob mit oder ohne Angstblüte - als Weg in die Selbständigkeit missverstünde. Er sollte vielmehr, reziprok zur bisherigen Praxis, lebhaft bemüht sein, ein eigenständiges Kinderfernsehen nach den Maßstäben des Vollprogramms in ARD und ZDF zu fördern - bis hin zur scheinbar völlig uneigennützigen Kooperation. Die geschichtsreichen öffentlich-rechtlichen Kanäle ihrerseits sollten ihre Ressourcen im Erzählen, Berichten und Dokumentieren auf ihre kostbare Sendezeit im Hauptprogramm für Kinder anwenden und die spätere Ausstrahlung im Kinderkanal eher billigend in Kauf nehmen, als darin den wahren Daseinsgrund von Kinderfernsehen zu erblicken.

Ein gemeinschaftlich als Kinderkanal verabredetes Fernsehen verlangt auch riskante Ausreißer, die auf neue Art stilbildend wirken und Erwachsene sowie Kinder als Publikum gewinnen. Der Formenvorrat in der Tat ist zentral besser verwaltet und verlangt wohl kaum aufwendige Koordination für Gemeinschaftsplätze. Die klassischen Kinderzeiten an den Wochenenden werden an Bindungskraft verlieren und demnächst dem Archiv vergangener Wichtigkeiten angehören, so wie es den nachmittäglichen Sendeblöcken für Kinder und Familie in früheren Jahren widerfuhr.

Unbequem, unsicher, stimulierend

Panik ist verständlich. Kinderredaktionen werden sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, liebgewordene Plätze zu verlassen. Ihre Heimat ist aber dann nicht etwa der Kinderkanal, sondern Planungsfläche im sogenannten Erwachsenenfernsehen. Es ist vorauszusehen, dass - beinahe wie in den Gründerjahren - vagabundierendes Kinder- und Familienfernsehen Form und Platz über ein neues ganzheitliches Denken definieren muss. Sehr unbequem, unsicher auch, aber stimulierend - und zeitgemäß. Freilich verlangt das auch die Phantasie der Macher.

Kinder setzen ihre Welt heute auf neue Weise zusammen. Die Nutzung von Werbung, Handy, Internet und Traditionsfernsehen ist nahe dem Planetenbild, das Ben Bachmair an der Universität Kassel 2000 entwarf. Darin sind Kinderkulturen und Kindheit als dynamischer, kurztaktiger Prozess aufgefasst und einem bislang nicht vorgesehenen Selektions- und Sortiervermögen der Kinder ausgeliefert.

Kinder mit ins Privatleben

Bis zur Jahrtausendwende durchlief das Kinderfernsehen an vielen Standorten der ARD und des ZDF eine Kernzeit der Entfaltung von grundlegenden Erzählmodellen, auch in Form von Magazinen. Aber Kinderfernsehen kann nicht erwachsen und somit Medienpolitik werden. Der Erwachsene musste den kopernikanischen Schock verarbeiten, dass Kinder nicht auf einer flachen Erdscheibe rustikalen Spielen nachgehen. Er muss Kinder mit hineinnehmen in sein Privatleben, auch wenn es Fernsehen heißt.

Unlängst sinnierte das Führungspersonal der Sender über Zukunftsplanung und antwortete auf Fragen auch dazu, was Kindern so zu empfehlen sei. In der Planung für das eine Programm, das man auch mit zwei Augen sehen kann, kamen Kinder nicht vor. Bei den Ratschlägen für Kinder aus der ARD war zu lesen, dass Bücherlesen und Bäumeklettern prima seien. Radio und Fernsehen wurden nicht erwähnt. Das bestätigte den Rang der ursprünglichen Welt. Es blendete Fernsehen und Radio aus, was nach über fünfzig Jahren öffentlichen Wirkens schon auffällt.

Der Autor war Leiter des Kinderprogramms des WDR. Er hat schon in den sechziger Jahren Kinderfernsehen produziert, ist Erfinder der „Sendung mit der Maus“ und hat internationale Koproduktionen gemanagt wie etwa die Verfilmungen von „Pan Tau“.

Quelle: F.A.Z., 05.07.2007, Nr. 153 / Seite 40
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