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Kieler „Tatort“ zum Fall Barschel Er gibt uns sein Ehrenwort

 ·  Der neue „Tatort“ aus Kiel ist ein Kunstwerk: Er spielt den Fall Uwe Barschel noch einmal durch und verknüpft ihn mit der Gegenwart. Am Ende wird ein Rätsel gelöst.

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© NDR/Marion von der Mehden Vergrößern Fotofund aus mysteriöser Vergangenheit: Die Kommissare Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli)

In seinem gerade erschienenen Buch „Nach 1945“, einer essayistischen Epochenerkundung der Jahre und Jahrzehnte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, geht es dem Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht immer wieder um die „Unwahrhaftigkeit“ gesellschaftlicher Verhältnisse, mehr noch: um das Unwahrhafte als „ein unausweichliches und daher allgemeines Merkmal des menschlichen Daseins“.

Aber es gibt eben auch „die Sehnsucht nach Transparenz“, es geht darum, die Dinge und Ereignisse „durchsichtig“ zu machen, sie dem Licht der Aufklärung auszusetzen. Dafür haben die Kultur, die Wissenschaft, insbesondere auch die Kriminalistik in den vergangenen Jahrzehnten immer feinere Methoden und Techniken entwickelt.

Was haben sie bewirkt? Gumbrecht konstatiert ein Paradox: Je umfassender die Möglichkeiten zur Transparenz, desto verworrener die Verhältnisse. Gerade im Hinblick auf Skandale und Verbrechen heißt dies, „dass alle undurchsichtig wirkenden politischen, juristischen und kriminellen Fälle seitdem durch die anschließenden polizeilichen Untersuchungen nur noch widersprüchlicher, komplexer und rätselhafter wurden.“

Ikonen der Verrätselung sind für Amerika, wo Gumbrecht lehrt, etwa der mysteriöse Tod von Marilyn Monroe und die Hintergründe des Attentats auf John F. Kennedy. Als Phänomen kommt ihnen in hiesigen Breiten der Fall Barschel nahe. Vor fünfundzwanzig Jahren, in der Nacht zum 11. Oktober 1987, starb der neun Tage zuvor als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein zurückgetretene Politiker im Genfer Hotel Beau Rivage - bis heute sind die offiziell längst abgeschlossenen Ermittlungen der Schweizer Behörden wie der Lübecker Staatsanwaltschaft Zweifeln ausgesetzt.

Uwe Barschels Ende - Suizid durch einen letalen Medikamentenmix oder Mord, in Auftrag gegeben und exekutiert wahlweise von der Camorra, dem Geheimdienst eines Staates, von kriminellen Waffenhändlern? „Der Tod von Dr. Barschel bleibt rätselhaft“, lautet im Oktober 2007 der letzte Satz des Abschlussberichts von Erhard Rex, dem damaligen Generalstaatsanwalt des Landes Schleswig-Holstein.

Vor wenigen Wochen führte die Entdeckung fremder DNA-Spuren an Barschels Kleidern zu Spekulationen, ob der Fall neu aufgerollt werde. Ein ideales Exempel für Verschwörungstheorien ist und bleibt er allemal.

Fiktives Geschehen trifft realen Fall

Mit seiner jungen Kollegin Sarah Brandt setzt sich Kommissar Klaus Borowski ganz am Ende des neuen „Tatorts“ aus Kiel ans Ufer der Förde. „Vielleicht werden wir den Fall Barschel eines Tages lösen“, sagt er. „Versprochen?“, will sie wissen. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“, antwortet er. Mit der Anspielung auf den Schlüsselsatz aus Barschels berühmt-berüchtigter Pressekonferenz vom 18. September 1987 - „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind“ - bringt der Autor und Regisseur Eoin Moore Atmosphäre und Aura seines ganzen Films auf den formidablen Pointen-Punkt.

Einer Idee des Thriller- und Drehbuchautors Fred Breinersdorfer folgend, hat sich Moore etwas Singuläres vorgenommen. Zum wohl ersten Mal in der Geschichte des „Tatorts“ wird ein fiktives Verbrechen aus der unmittelbaren Gegenwart mit einem hochpolitischen und hochbrisanten Realgeschehen der Vergangenheit aufs engste verknüpft - ohne jede Camouflage. Uwe Barschel also bleibt auch im fiktiven Rahmen der, der er war.

Noch einmal sehen wir die Fernsehbilder aus jenen turbulenten Tagen nach der schleswig-holsteinischen Landtagswahl vom September 1987, an deren Vorabend der „Spiegel“ die klandestine Kampagne des amtierenden CDU-Ministerpräsidenten und seines Medienreferenten Reiner Pfeiffer gegen den SPD-Herausforderer Björn Engholm enthüllte. Noch einmal sehen wir die Aufnahmen des „Stern“-Fotografen Hans-Jörg Anders aus dem Zimmer 317 des Beau Rivage, die damals um die Welt gingen. Und noch einmal rekonstruiert dieser „Tatort“, was man über den Fall Barschel weiß, vermutet, spekuliert.

Dramaturgisch wie ästhetisch ist das fabelhaft gemacht. Beim aktuellen Kieler Mordopfer, einem schriftstellernden Yachtbesitzer, finden sich Barschel-Fotos und eine ganze Artikelsammlung aus jenen Tagen, was vor allem Borowskis Assistentin Sarah Brandt, die weiland noch ein Kind war, elektrisiert. Etwas später wird sie das Fotomaterial, das sie auf ihr iPad geladen hat, als Wegweiser durch das heutige Beau Rivage nutzen: Sibel Kekilli spielt das großartig, also zugleich naiv und abenteuernd, aber auch mit dem seriösen Eifer einer aufstrebenden Polizistin.

Derweil trifft sich ihr Chef - Axel Milberg einmal mehr als Buddha auf Verbrecherjagd - mit einem ominösen Genfer Professor, der gewillt scheint, sein Geheimnis scheibchenweise preiszugeben: eine prachtvolle Nebenrolle für Armando Dotto, der wie die Repräsentativ-Verkörperung aller Spekulationsritter und Pseudoenthüller im Fall Barschel wirkt.

Im Bad vom Zimmer 317 stellen Borowski und Brandt schließlich den möglichen Mord an Barschel nach - in der Mischung aus saloppem Slapstick und potentieller Tragödie gewiss riskant, aber gewiss auch der Höhepunkt des Films.

Ach ja, es gibt da noch die Kieler Gegenwart. Dabei geht es um eine Fernseh- und Radiomoderatorin (Marie-Lou Sellem, streng und strahlend wie Anne Will), um einen heutigen Landesminister (Thomas Heinze, fast ein Wiedergänger Barschels), um einen Gastauftritt des „Tagesthemen“-Moderators Tom Buhrow (brav) und eben um den Mord am Yachtbesitzer, dem dann noch ein zweiter an einem zwielichtigen Fotografen folgt. Das ist für sich nicht schlecht, aber auch nicht mehr als normales „Tatort“-Niveau. Richtig gut, ja brillant wird es erst durch die so kluge wie kunstvolle Verknüpfung mit der mysteriösen Vergangenheit.

Borowskis finales Ehrenwort wirkt übrigens wie die ironische Bestätigung für Gumbrechts Befund: Die Menschennatur ist undurchsichtig und unwahrhaft. Transparenz, so scheint es, bleibt nur ein Traum.

Tatort: Borowski und der freie Fall“ läuft am Sonntag, 14. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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