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Kieler „Tatort“ : Er kommt durch die Wand

  • -Aktualisiert am

Spuren hinterlässt der Täter so gut wie keine. Borowski (Axel Milberg) findet trotzdem etwas Bild: NDR/Marion von der Mehden

In „Borowski und der stille Gast“ erfahren wir mehr über den Täter, als uns lieb ist. Ein „Tatort“ mit unwiderstehlichem Sog. Und einer letzten, überflüssigen Minute.

          Drei Mal hatte Carmen Kessler vor ihrer Ermordung Anzeige erstattet. Ein Unbekannter gehe in ihrer Wohnung ein und aus: „Er kommt einfach durch die Wand.“ Der Hausarzt verschrieb hochkonzentrierte Neuroleptika gegen Verfolgungswahn. Die Anzeigen landeten im Archiv in der Abteilung „Bekloppte“. Der letzte Notruf bei der Polizei aber ist unmissverständlich. Aus panisch geflüsterten Worten werden Schreie.

          Dabei hatte das Opfer Vorsorge getroffen. Als Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) am Tatort eintreffen, ist Kesslers Wohnung gesichert wie eine Festung. Nicht einmal die Einsatzkräfte können die Tür öffnen. Alle Rollläden sind mit Schlössern gesichert. Durchs Fenster eingestiegen, im unheimlichen Halbdunkel, versieht die Spurensicherung ihre Arbeit und findet Handschuhspuren des Täters buchstäblich überall. Der brutal Erschlagenen hat der Täter in einem letzten Akt der Fürsorglichkeit das Gesicht abgedeckt. Auch Geschenke scheint er ihr zuhauf gemacht zu haben. In Kesslers Wohnung stapeln sich ungeöffnete Pakete. Auch ein Schneewittchenbuch ist unter den Liebesgaben. Die Zahnbürste hat der Täter mitgenommen.

          Facettenreiches Spiel

          Bei einem Mord wird es in dem furchtbar beklemmenden „Tatort. Borowski und der stille Gast“ nicht bleiben. Sascha Arangos viertes Drehbuch für den „Tatort“ aus Kiel bleibt bei dem offenen Erzählprinzip, das auch schon die früheren Fälle charakterisierte. Dem Zuschauer ist der Täter praktisch von Anfang an bekannt, und er erfährt quasi sofort, auf welche Weise sich der planvoll vorgehende Psychopath Zugang zu den Wohnungen der alleinstehenden Frauen verschafft, um die er glaubt sich kümmern zu müssen. Der Zuschauer, Augenzeuge wider Willen, erfährt dabei, und das hebt diesen Borowski-Fall aus den vorherigen stimmigen noch einmal heraus, wesentlich mehr über den Täter und dessen lange Vorgeschichte der einseitigen Bekanntschaft mit den Opfern als im Krimi üblich.

          Lars Eidinger spielt diesen Täter, den Postboten Kai Korthals, so facettenreich, dass sich ein verstörendes Schwanken zwischen unmittelbarer Abscheu und verständigem Mitgefühl für diese einsame Kreatur einstellt. Wenn der Eindringling sich mit den Zahnbürsten seiner Auserwählten die Zähne putzt, wenn er ihre Post liest, mit ihrem Kleinkind spielt, ihre Medikamente studiert, ihre Tampons zählt, ihr CDs ins Regal stellt, an ihren Schuhen riecht und an ihrem halbgegessenen Frühstück leckt, wirkt das gleichermaßen übergriffig und gruselig wie fürsorglich. Die Morde dagegen scheinen eher unglückseligen Zufällen zu entspringen. In der Logik des Mörders ist das Opfer schuld: Es hat das Angebot einer Beziehung brüsk zurückgewiesen, eine Bewegung gemacht, die im Plan nicht vorgesehen war. Im Fall der ermordeten Carmen Kessler hat der Täter, in seiner Vorstellung, durch die Tat ihre Glaubwürdigkeit wiederhergestellt. Sie war mitnichten verrückt. Die Bedrohung war real. Sie hatte recht, sich zu fürchten, auch wenn sie wegen dieses Rechthabens sterben musste.

          Gnadenschuss aus der Dienstpistole

          Will man das alles so genau sehen, so genau wissen? Was interessiert einen die krankhafte Logik, der perverse Schlüsse ziehende Verstand eines Soziopathen, abgesehen vom Erzeugen des beruhigenden Gedankens, dass nichts von uns darin steckt? Lars Eidinger macht hier Glauben, dass sein Kai Korthals sehr wohl einiges über den ganz gewöhnlichen, den beunruhigenden Abgrund in jedem weiß und durch seine Taten zu sagen hat. Die Figur ist einem sagenhaft fremd, aber eben nicht nur. Die Nähe, die Komplizenschaft wider Willen durchs bloße Zusehen, wirkt erschütternd.

          Christian Alvart (Regie) hat mit The Chau Ngo (Kamera) und Sebastian Bonde (Schnitt) sowie Birgit Kniep-Gentis (Szenenbild) einen „Tatort“ mit einem unwiderstehlichen Sog gemacht (manche mögen vor der letzten, überflüssigen Minute ausschalten). Die Beziehung zwischen Borowski und Sarah Brandt erhält neue Spannung(en), die Figur der Jungermittlerin wird vertieft und bringt den alten Hasen in ein Dilemma, das ihre berufliche Partnerschaft sprengen könnte. Beide teilen nun, wider Willen, ein unangenehmes Geheimnis. Die Sorgfalt, der Einfallsreichtum und die Überraschungskraft des Films zeigen sich auch in beinahe nebensächlichen Details: Als Borowskis alter, brauner VW Passat zum wiederholten Mal den Geist aufgibt, gibt ihm sein Besitzer den Gnadenschuss aus der Dienstpistole, nicht ohne ihm vorher in einer Abschiedsgeste zärtlich über das Armaturenbrett zu streichen.

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