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Keine Volksmusik mehr auf UKW : Wo bleibt die Heimat?

  • -Aktualisiert am

Der Radiosender Bayern 1 will zukünftig ohne traditionelle Volksmusik auskommen. Bild: dpa

Der Bayerische Rundfunk will im Radiosender Bayern 1 künftig keine Volksmusik mehr spielen. Die bisherigen Formate sollen im digitalen Sender BR Heimat laufen. Die Hörer sind empört.

          Für die Münchner „tz“ sind das goldene Zeiten, wenn der Bayerische Rundfunk seine lange Zeit reichweitenstärkste Radiowelle Bayern 1 reformiert. Als Mitte der neunziger Jahre der damalige Hörfunkdirektor und spätere Intendant Thomas Gruber das Programm vorsichtig von allzu viel deutschem Schlager befreien wollte und die Beatles ins Spiel brachte, gab es einen Aufstand der Hörer, zu deren Sprachrohr sich die Boulevardzeitung gern machte. Nun ist wieder Showtime!

          Denn der Bayerische Rundfunk will auf Bayern 1 fortan nicht mehr einen einzigen Titel der Volksmusik spielen. Vom 15. Mai an sollen die tägliche Volksmusiksendung (19 bis 20 Uhr) und die Sonntagsblasmusik (11 bis 12 Uhr) beim neuen digitalen Sender BR Heimat laufen, was viele Hörer zunächst einmal heimatlos macht. Denn Digitalradios besitzen nur die wenigsten. Der „Volksmusik-Bann“, mit dem die „tz“ titelt, erregt die Gemüter. Eine „durch und durch heimatbewusste Münchnerin“ schreibt in der Zeitung: „Ich schalte deshalb Bayern 1 ab und lege eine CD ein.“ Eine andere „versteht, dass der BR die zahlungskräftige junge Generation im Blick“ habe: „Aber erklären Sie mal meinem vierundachtzigjährigen Vater, was er jetzt umstellen muss! Öffentlich-rechtliche Sender sollten doch für alle da sein.“

          Auf solche Vorhaltungen reagiert BR-Hörfunkdirektor Martin Wagner leicht genervt: Dann könne doch beispielsweise die Dame ihrem Vater für dreißig Euro ein Digitalradio schenken. Da müsse er „nur einen Knopf drücken“, könne dann rund um die Uhr auf BR Heimat seine Musik hören und brauche „auch dafür kein Internet“. Dass die Hersteller von Digitalradios von dem Kanalwechsel des BR profitieren, sei ein erwünschter Nebeneffekt, sagt Wagner im Gespräch mit der F.A.Z.: „Wir setzen auf Digitalradio als Zukunftstechnik und bieten über unsere Digitalwellen deutlich mehr Programm. Wer kein Digitalradio besitzt, kann BR Heimat zudem über Kabel, Satellit, Internet und die App ,radioplayer‘ hören.“

          Die „Wildecker Herzbuben“ in der ARD-Sendung „Musikantenstadl“ – Mitte Januar wurde die Nachfolgesendung „Stadlshow“ abgesetzt, es sind schwierige Zeiten für die Volksmusik.
          Die „Wildecker Herzbuben“ in der ARD-Sendung „Musikantenstadl“ – Mitte Januar wurde die Nachfolgesendung „Stadlshow“ abgesetzt, es sind schwierige Zeiten für die Volksmusik. : Bild: dpa

          Zu seinem Leidwesen fristet im Digitalradio derweil die mit viel Ehrgeiz gestartete Jugendwelle „Puls“ ein Dasein als Randerscheinung. Ursprünglich war geplant, dass „Puls“ in diesem Jahr die UKW-Frequenz von BR Klassik übernimmt und die beiden Wellen die Plätze tauschen. Das scheiterte jedoch am Widerstand der Klassik-Lobby, deren Kampagnenfähigkeit der Intendant Ulrich Wilhelm unterschätzt hatte. Nun sollen die beiden Programme erst 2018 hin- und herwandern.

          Nun hat der BR eine vermeintliche Unwucht in seinen Radioprogrammen und ein Luxusproblem: Bayern 1, das seit 1989 ausnahmslos besteingeschaltete BR-Programm, ist 2015 erstmals hinter Bayern 3 zurückgefallen. „Bayern 1 ist erstmals im Sinkflug“, sagt der Hörfunkdirektor Wagner. Die Hörer von Bayern 3 seien im Schnitt aber auch schon 43 Jahre alt, die von Bayern 1 gehörten zur Generation fünfzig plus. „Natürlich müssen wir Bayern 3 auch für jüngere Hörer attraktiv machen und Bayern 1 entsprechend auch, und dazu brauchen wir ein homogenes Programmbild und ein musikalisches Umfeld, das für die Hörer erwartbar ist“, sagt Wagner.

          Ein Stück bayerische Identität

          Dieser Verjüngung war der wöchentliche Block von acht Stunden Blas- und Volksmusik in Bayern 1 im Weg. Was dort von Pfingsten an laufen soll, weiß man beim BR angeblich noch nicht. Dafür verspricht BR-Heimat-Chef Stefan Frühbeis „allen Freunden der Volksmusik ein einzigartiges Angebot, das gern auch von heimwehgeplagten Bayern in der Ferne eingeschaltet wird“. Im Augenblick schalten täglich 110.000 Hörer das seit Jahresfrist angebotene Programm mit Blas- und Zithermusik ein. Da gebe es „echte Volksmusik, wie sie von Alt und Jung gerne gehört wird“, sagt Frühbeis. Vor allem bei Jugendlichen werde die Volksmusik „immer beliebter“.

          Bayern 1 hat unter der Woche um 19 Uhr 210.000 Zuhörer, über den Tag gerechnet sind es 2,54 Millionen. Die zählen zunehmend zur Generation der Babyboomer aus den sechziger Jahren. Ihnen will man beim BR die „vorhandenen Formatbrüche“ nicht mehr zumuten. Vorfahrt für die Generation fifty something, die alle anderen an die Seite schiebt? Dafür bekommt BR-Direktor Wagner von einem „tz“-Leser ein „Armutszeugnis“ ausgestellt – weil keine Schlager und keine Volksmusik mehr auf UKW gesendet würden, „und das im sonst so zünftigen Bayern“. Wagner appelliert an den guten Willen. Die Umstellung, meint er, lasse sich gut meistern, und auch Autofahrer ohne Digitalradio müssten sich nur einen Adapter zulegen. Dem Radiochef des BR ergeht es wie beim Rennen von Hase und Igel: Wo auch immer Wagner sein UKW-Programm verändern will, die Hörer sind schon da und protestieren. Da hat die „tz“ ein Thema, und Heimatminister Markus Söder hat auch eins: Der Sender, sagte der einstige BR-Redakteur Söder, müsse auf seine bayerische Identität achten.

          Quelle: F.A.Z.

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