13.01.2008 · Der Streik der Drehbuchautoren in Hollywood wird weithin beachtet. Die Traumfabrik taumelt bedenklich. Hierzulande gibt es keine Gewerkschaft und wenig Anerkennung. Einen Autorenstreik wird es nicht geben.
Von Peer SchaderEnde November hat es auch die europäischen Autoren nicht mehr hinter ihren Schreibtischen gehalten. In London, Paris, Amsterdam und Berlin sind sie auf die Straße gegangen, um Solidarität mit den streikenden Kollegen in Hollywood zu demonstrieren. Und um der Öffentlichkeit in Erinnerung zu rufen: Hallo, wir sind auch noch da. Das ist, ehrlich gesagt, nicht weiter aufgefallen. Achtzig Demonstranten standen in Berlin vor dem Brandenburger Tor, und das auch nur, weil sich einige Regisseure angeschlossen hatten, um sich solidarisch zu erklären mit denen, die sich solidarisch erklärten. Danach sind alle wieder an die Schreibtische zurückgekehrt.
Während in den Vereinigten Staaten die Golden Globes abgesagt wurden, um die Oscar-Verleihung gezittert wird und viele Seriendrehs auf Eis liegen (siehe auch: Autorenstreik: Fallen jetzt auch die Oscars aus?), weil es keine Bücher mehr gibt, wird in Deutschland weitergeschrieben und -gedreht. „Nirgendwo in Europa wird es Autorenstreiks geben“, sagt Katharina Uppenbrink, Geschäftsführerin beim Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD), der zu dem Novemberprotest aufgerufen hatte. Denn anders als die Hollywood-Autoren mit ihrer Writers Guild of America (WGA) sind die deutschen Schreiber nicht gewerkschaftlich organisiert. Die Mitgliedschaft in Berufsverbänden ist freiwillig. Es gibt keine festgelegten Mindestsätze für Honorare. Und auch keine prall gefüllten Streikkassen.
Deutsche Autoren sind Einzelkämpfer
„Deutsche Autoren sind es gewohnt, Einzelkämpfer zu sein“, sagt Torsten Dewi, der die Pro-Sieben-Telenovela „Lotta in Love“ geschrieben hat. Es gibt hierzulande kein über die Jahrzehnte gewachsenes Studiosystem. Stattdessen geben die Fernsehsender den Ton an. Und die meist freischaffenden Autoren spielen eine gänzlich andere Rolle als in den Vereinigten Staaten. „Wir werden nicht als Kreatoren begriffen. Uns kann jeder reinreden“, erklärt Johannes W. Betz, von dem unter anderem das Buch zum Sat.1-Filmerfolg „Der Tunnel“ stammt. Bücher werden in der Regel von Produktionsfirmen und Sendern angestoßen, und die haben sehr genaue Vorstellungen von dem, was geschrieben werden soll. Vor allem die Sender weichen oft keinen Millimeter von ihren Zielgruppenvorgaben ab, deren Vorlieben in aufwendigen Marktforschungen ermittelt wurden.
Die einen wollen Aufträge, die anderen Quote. Autoren, die versuchen, sich in diesem Prozess mit eigenen Ideen durchzusetzen, haben es schwer. „Oft werden acht Drehbuchfassungen geschrieben, von denen die Mehrzahl den Ängsten in den Sendern geschuldet ist: Kann man das so machen? Akzeptieren das die Zuschauer? Ist das zu kompliziert? Das Vertrauen in die Autoren fehlt“, sagt Betz.
Eigentlich ist die Situation in Deutschland noch verzwickter als in den Vereinigten Staaten. Es gibt zwar übliche Honorare: Ein Buch für einen Fernsehfilm bringt 40 000 bis 60 000 Euro, eine Serienepisode knapp unter 30 000 Euro. Allerdings gilt das nur für Etablierte. „Wer einmal bewiesen hat, dass er einen Erfolg schreiben kann, wird immer seinen Markt finden“, sagt „Edel & Starck“-Autor Tim Krause. „Aber es wird extrem schwierig für Nachwuchsautoren, sich zu etablieren.“ Denn der Markt für deutsche Produktionen schrumpft. Die Sender setzen auf US-Serien, die erfolgreicher und günstiger einzukaufen sind als Eigenproduktionen. Dennoch drängen junge Autoren aus den Drehbuchschulen und Filmakademien nach.
Bücher ohne Dreh
Wer als Anfänger Aufträge annimmt, muss sich damit abfinden, unterbezahlt zu sein. „Als Nachwuchsautor wird man schnell mal abgezockt. Aber wenn man Qualität abliefert, kann man es den Produzenten bei späteren Verträgen auch heimzahlen“, sagt Bora Dagtekin, der fürs Erste die mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Serie „Türkisch für Anfänger“ geschrieben hat und nun für die Bücher der RTL-Serie „Doctor's Diary“ verantwortlich zeichnet, die im Frühjahr startet.
Qualität abzuliefern - das muss man sich erst einmal leisten können. Denn selbst wenn Bücher in Auftrag gegeben werden, ist die Honorierung verzwickt. „Für die meiste Arbeit, also die Entwicklung eines neuen Serienkonzepts, wird prinzipiell am wenigsten gezahlt“, sagt Dagtekin. Ein kreatives Buch nach dem nächsten zu verfassen, das nachher vom Sender abgelehnt wird, bringt Autoren schnell in Nöte. Dass ein Buch bei Redakteuren und Produzenten ankommt, bedeutet aber noch lange nicht, dass prompt der dicke Scheck folgt. In vielen Fällen sind fünfzig Prozent des Autorenhonorars erst am ersten Drehtag fällig. „Und bis es so weit ist, gibt es meist tausend Gründe, das Projekt wieder abzuschießen“, erklärt Dewi.
Öffentlich-rechtliche Sender zahlen in der Regel Wiederholungshonorare, wenn Programme noch einmal ausgestrahlt werden. Aber bei Privatsendern ist der „Buyout“ zur Gewohnheit geworden: Es gibt einmal Geld für das fertige Buch, an dem jedoch sämtliche Rechte abgegeben werden müssen. Eine stärkere Beteiligung an DVD-Erlösen, wie sie in den Vereinigten Staaten gefordert wird, ist hierzulande nicht einmal im Entferntesten in Aussicht, und das seit Jahren. „Tunnel“-Autor Betz erinnert sich: „Zwei Tage nachdem ich damals den Buyout unterschrieben hatte, kam der Film auf Video heraus und war sechs Wochen auf Platz eins in den Charts. Ich habe keinen Cent dafür gesehen.“
Beteiligung würde sich kaum rentieren
Für die meisten Autoren würde sich eine Beteiligung, wenn sie sich denn überhaupt durchsetzen ließe, aber sowieso nicht rentieren. Es gibt zwar deutsche Serien, die sich annehmbar auf DVD verkaufen. Große Gewinne sind damit aber nicht zu erwarten, weil es anders als bei den US-Vorbildern, die sich in zahlreichen Ländern verkaufen, keinen internationalen Markt gibt.
Die Situation derjenigen, die für Comedy und Shows schreiben, ist ähnlich schwierig. „Von dem, was die Autoren in Amerika gerade verlangen, wagen deutsche Kollegen nur zu träumen“, sagt Thomas Rogel vom Kölner Autorenbüro N2O. 105 Euro gibt es für einen Late-Night-Gag, der von Schmidt und Pocher oder Raab genommen wird. Früher wurden regelmäßig fünfzehn bis zwanzig externe Autoren angefragt. Inzwischen sind die Verteiler so groß, dass die Chancen, tatsächlich einen Witz unterzubringen, massiv gesunken sind.
Dazu versuchen die Sender zu sparen, wo es geht. Die Produktionsfirmen geben den Druck weiter: 400 Euro für eine Sendeminute Sketche sind für Rogel Minimum, um existieren zu können. Immer öfter gibt es Angebote, für 300 Euro zu arbeiten. Das hört sich zwar auch noch ganz gut an, aber bezahlt wird nur das, was abgenommen wird. Und bis dahin sind oft viele Minuten geschrieben worden, die man niemals abgekauft bekommt.
Witze ohne Wert
„Wenn wir einen Auftrag ablehnen, weil er zu wenig Geld bringt, können wir uns deswegen nicht ins Fäustchen lachen“, erklärt Rogel. „Irgendein Autor findet sich immer, der seine Miete bezahlen muss.“ Und Qualität ist bei manchen Engagements längst nicht mehr das wichtigste Argument, wie sich täglich im Fernsehen beobachten lässt, wenn alte Gags in immer denselben Sketchshows rauf und runter laufen.
Gegen diesen Verdrängungswettbewerb lässt sich so leicht nicht ankommen. Die Autoren haben keine Handhabe gegen die Sender. Am ehesten kommen eben doch die Produzenten als Verbündete in Frage, denn auch denen stinkt es gewaltig, dass sie weiterhin alle ihre Rechte abgeben sollen. Bisher wird erst zaghaft gefordert, die Möglichkeiten zu Weiterverwertungen auf DVD oder in den neuen Medien selbst nutzen zu können. Womöglich ändert sich das bald. Es gibt Signale aus unabhängigen Produktionshäusern, gemeinsam neue Modalitäten aushandeln zu wollen. Davon könnten auch die Autoren profitieren.
Bei Brainpool in Köln hat man schon seit Jahren begriffen, dass es Sinn macht, sich nicht nur mit Moderatoren und Comedians gutzustellen, sondern auch mit denen, die die kreative Vorarbeit leisten. Im vergangenen Jahr hat Brainpool den „Stromberg“-Autor Ralf Husmann und Chris Geletneky („Ladykracher“, „Pastewka“) in die Geschäftsführung geholt und lässt sie das schreiben, von dem sie überzeugt sind - ohne als Allererstes darauf zu schielen, ob es in die gängigen Senderschablonen passt.
Geletneky ist dennoch skeptisch, ob sich die Situation der freien Autoren in Deutschland in absehbarer Zeit verbessern wird: „Natürlich braucht es auch hier neue Modelle. Ich glaube aber, die Deutschen sind da nicht so aufgeweckt wie die Amerikaner.“
Interessenvertretung nicht in Sicht
Tatsächlich ist ein engerer Zusammenschluss, der eine stärkere Interessenvertretung gewährleisten könnte, nicht in Sicht. Vor allem jüngere Autoren beklagen, dass etablierte Kollegen kein Interesse hätten, sich mit ihnen für bessere Bedingungen einzusetzen. Andere sagen, dass es so manchem Kollegen an Ehrgeiz und Leidenschaft fehle, sich durchzubeißen. Und an der Bereitschaft, auch einmal Jobs anzunehmen, bei denen sie sich nicht selbst verwirklichen könnten, sondern bloß die Vorgaben der Auftraggeber erfüllen müssten.
Um den Sendern doch noch zu signalisieren, dass es nicht nur nach ihrem Willen gehen kann, setzt die VDD-Vorsitzende Uppenbrink aufs Urheberrecht, in dessen Neuauflage ein Passus steht, der Autoren doch noch zu einer Beteiligung verhelfen könnte, wenn Serien oder Filme sich als besonders erfolgreich herausstellen. „Wir überlegen gerade, Musterprozesse zu führen. Dafür braucht es aber Autoren, die sich leisten können, den Kampf mit den Sendern aufzunehmen.“ Und nachher erst einmal keine Aufträge mehr zu bekommen.
Einen Streik, so viel steht fest, hält keiner der Autoren für realistisch. „Wir haben ja im deutschen Fernsehen kaum etwas, bei dem die Zuschauer geschockt wären, wenn sie merken würden: Du meine Güte, da fehlen die Autoren“, sagt Rogel. Geletneky meint: „Es gibt hier überhaupt kein Bewusstsein dafür, dass da Autoren sind, die für Shows im Fernsehen schreiben. Die Zuschauer interessiert das meist auch nicht.“
Und im schlimmsten Falle würden die Sender die sowieso nur noch spärlich vorhandenen Sendeplätze für fiktionale Eigenproduktionen wohl durch günstigere Reality-Sendungen ersetzen, wie es gerade die US-Networks machen. So manche Reality läuft derzeit ähnlich erfolgreich oder sogar besser als die ausgesetzten, aber viel teureren Serien. Womöglich wird es für manche Autoren gar nicht mehr so viel zu tun geben, wenn der Streik vorbei ist.