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„Karajan - Das zweite Leben“ : Im Weinberg der Musik

Herbert von Karajan auf einer Studioaufnahme aus dem Jahr 1955. Bild: AP

Ohne hagiographisches Gesäusel, elegant und mit viel unbekanntem Material: Der Karajan-Film von Eric Schulz über den Maestro ist eine Sensation. Der Sender Servus TV strahlt ihn zu Weihnachten aus.

          Die Trompete gellt. Die Pauke paukt. So spricht Zarathustra! Die Signalwirkung dieses Sonnenaufgangsmotivs von Richard Strauss kann nicht missverstanden werden. Hier spricht die Stimme des Größenwahns. Diese Musik ist, vermutlich für alle Zeiten, vergiftet, für die einen okkupiert von Kubricks „Space Odyssee“, für die anderen konnotiert mit nationalsozialistischer Propaganda, und deswegen wird sie im Konzertsaal heutzutage kaum mehr aufgeführt.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Warum hat der mehrfach preisgekrönte Musikfilmemacher Eric Schulz just diese Musik (die in Kubricks Film von Herbert von Karajan dirigiert wird) für die Eröffnungssequenz seines neuen Karajanfilms verwendet? Er musste doch wissen, welche schlafenden Hunde er damit weckt! Statt durch die unendlichen Weiten des Weltraums schweift seine Kamera über das Orchesterpodium in der Berliner Philharmonie, es ist übersät mit Plattencovern und CDs, und schon raunen und rufen die Stimmen der noch lebenden Gefolgsleute Karajans in die Musik hinein: Karajans Kontrabassist Klaus Stoll, Karajans Aufnahmeleiter Hans Weber, Karajans Geigenwunderkind Anne-Sophie Mutter, Karajans Biograph Peter Uehling und viele mehr.

          Und alle besingen des toten Karajan Einzigartigkeit und Größe. „Karajan war ein Visionär. Der Einzige, dem ich begegnet bin“, sagt Stoll. Bis heute, sagt Mutter und kichert selig, verkaufe Karajan immer noch mehr Platten als alle anderen Musiker zusammen. Dann spricht Karajan selbst.

          Viel unbekanntes Material

          Er spricht aus dem Off, es sind Fetzen aus Telefongesprächen mit seinem Produzenten Hans Hirsch, mit Aufnahmeleiter Weber, Schnipsel aus Proben mit den Philharmonikern, Zufallsaufnahmen aus dem Tonstudio, aus Interviews. Zum größten Teil ist es bislang unbekanntes Material. Karajan diskutiert Details. Nicht der Magier spricht, sondern ein Interpret, ein Handwerker im Weinberg der Musik.

          Es geht um das Hörbarmachen von dem, was in den Noten steht. Zum Beispiel, um die Dominanz der Hörner in Takt X, um die versackte Phrase der Oboe in Takt Y, um die ideale Darstellung der Stimmführung in den zwölftönigen Orchestervariationen von Arnold Schönberg. Und es geht um Widersprüche und Streit, um Kompromisse und um das Versagen. Denn, wie Aufnahmeleiter Weber verschmitzt bemerkt: „Es war ja nicht immer das Bessere, was er wollte. Wenn er weg war, haben wir’s wieder rückgängig gemacht. Schwierig, es so zu machen, dass er es nicht merkte!“

          Ohne Gesäusel

          Dann zeigt Schulz Karajan beim Skifahren. Private Aufnahmen. Er wedelt nach rechts, nach links, er stürzt, fällt, der Schnee stiebt, er lacht sich schlapp. Spätestens an dieser Stelle wird klar: Dies ist kein apologetischer Jubelfilm, wie wir schon so viele kennen aus der Karajan-Gedenkfabrik, auch kein hagiographisches „Karajan Forever“-Gesäusel. Hier geht es, sehr ernsthaft und sophisticated, um die zentralen Fragen des Musikmachens und Musikhörens: wie Musik manipuliert und verändert wird von den Musikern, wie sie sich darstellt im Ablauf der Zeit und was davon übrig bleibt, wenn sie technisch reproduziert und in Konserven gegossen wird.

          Dieser Film ist, in der Eleganz seiner Schnitte und in der Lakonie seines Drehbuchs, eine Sensation. Nicht nur, weil Schulz bislang nicht gezeigtes Material benutzt. Es gelingt ihm, was schon viele vergebens versucht haben: Er zeigt uns Karajan in neuem Licht.

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