Home
http://www.faz.net/-gqz-758m0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

„Karajan - Das zweite Leben“ Im Weinberg der Musik

Ohne hagiographisches Gesäusel, elegant und mit viel unbekanntem Material: Der Karajan-Film von Eric Schulz über den Maestro ist eine Sensation. Der Sender Servus TV strahlt ihn zu Weihnachten aus.

© AP Vergrößern Herbert von Karajan auf einer Studioaufnahme aus dem Jahr 1955.

Die Trompete gellt. Die Pauke paukt. So spricht Zarathustra! Die Signalwirkung dieses Sonnenaufgangsmotivs von Richard Strauss kann nicht missverstanden werden. Hier spricht die Stimme des Größenwahns. Diese Musik ist, vermutlich für alle Zeiten, vergiftet, für die einen okkupiert von Kubricks „Space Odyssee“, für die anderen konnotiert mit nationalsozialistischer Propaganda, und deswegen wird sie im Konzertsaal heutzutage kaum mehr aufgeführt.

Eleonore Büning Folgen:

Warum hat der mehrfach preisgekrönte Musikfilmemacher Eric Schulz just diese Musik (die in Kubricks Film von Herbert von Karajan dirigiert wird) für die Eröffnungssequenz seines neuen Karajanfilms verwendet? Er musste doch wissen, welche schlafenden Hunde er damit weckt! Statt durch die unendlichen Weiten des Weltraums schweift seine Kamera über das Orchesterpodium in der Berliner Philharmonie, es ist übersät mit Plattencovern und CDs, und schon raunen und rufen die Stimmen der noch lebenden Gefolgsleute Karajans in die Musik hinein: Karajans Kontrabassist Klaus Stoll, Karajans Aufnahmeleiter Hans Weber, Karajans Geigenwunderkind Anne-Sophie Mutter, Karajans Biograph Peter Uehling und viele mehr.

Und alle besingen des toten Karajan Einzigartigkeit und Größe. „Karajan war ein Visionär. Der Einzige, dem ich begegnet bin“, sagt Stoll. Bis heute, sagt Mutter und kichert selig, verkaufe Karajan immer noch mehr Platten als alle anderen Musiker zusammen. Dann spricht Karajan selbst.

Viel unbekanntes Material

Er spricht aus dem Off, es sind Fetzen aus Telefongesprächen mit seinem Produzenten Hans Hirsch, mit Aufnahmeleiter Weber, Schnipsel aus Proben mit den Philharmonikern, Zufallsaufnahmen aus dem Tonstudio, aus Interviews. Zum größten Teil ist es bislang unbekanntes Material. Karajan diskutiert Details. Nicht der Magier spricht, sondern ein Interpret, ein Handwerker im Weinberg der Musik.

Es geht um das Hörbarmachen von dem, was in den Noten steht. Zum Beispiel, um die Dominanz der Hörner in Takt X, um die versackte Phrase der Oboe in Takt Y, um die ideale Darstellung der Stimmführung in den zwölftönigen Orchestervariationen von Arnold Schönberg. Und es geht um Widersprüche und Streit, um Kompromisse und um das Versagen. Denn, wie Aufnahmeleiter Weber verschmitzt bemerkt: „Es war ja nicht immer das Bessere, was er wollte. Wenn er weg war, haben wir’s wieder rückgängig gemacht. Schwierig, es so zu machen, dass er es nicht merkte!“

Ohne Gesäusel

Dann zeigt Schulz Karajan beim Skifahren. Private Aufnahmen. Er wedelt nach rechts, nach links, er stürzt, fällt, der Schnee stiebt, er lacht sich schlapp. Spätestens an dieser Stelle wird klar: Dies ist kein apologetischer Jubelfilm, wie wir schon so viele kennen aus der Karajan-Gedenkfabrik, auch kein hagiographisches „Karajan Forever“-Gesäusel. Hier geht es, sehr ernsthaft und sophisticated, um die zentralen Fragen des Musikmachens und Musikhörens: wie Musik manipuliert und verändert wird von den Musikern, wie sie sich darstellt im Ablauf der Zeit und was davon übrig bleibt, wenn sie technisch reproduziert und in Konserven gegossen wird.

Mehr zum Thema

Dieser Film ist, in der Eleganz seiner Schnitte und in der Lakonie seines Drehbuchs, eine Sensation. Nicht nur, weil Schulz bislang nicht gezeigtes Material benutzt. Es gelingt ihm, was schon viele vergebens versucht haben: Er zeigt uns Karajan in neuem Licht.

Karajan. Das Zweite Leben läuft am 1. Weihnachtstag um 20.15 Uhr bei Servus TV.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
ARD & Eurovision Song Contest Was sind schon null Punkte?

Der letzte Platz beim Eurovision Song Contest ist nicht nur für die Sängerin Ann Sophie eine Riesenenttäuschung. Er ist auch eine Pleite für die ARD, der die Zuschauer weglaufen. Wie geht es dort jetzt mit dem ESC weiter? Mehr Von Michael Hanfeld

24.05.2015, 15:22 Uhr | Feuilleton
Album der Woche Olli Schulz Feelings aus der Asche

Hörprobe: Als Musik noch richtig groß war Mehr

05.01.2015, 12:51 Uhr | Feuilleton
ESC-Sängerin Ann Sophie Der Traum von der ersten Reihe

Sie hat lange für eine Karriere auf der Bühne gearbeitet und dabei so manche Widrigkeit in Kauf genommen. Jetzt fährt Ann Sophie zum Finale des Grand Prix nach Wien. Einen Plan B hat sie trotzdem. Mehr Von Peter-Philipp Schmitt, Köln

15.05.2015, 12:24 Uhr | Gesellschaft
Phenobot Robo im Weinberg

Der neue Freilandroboter heißt Phenobot. Er besteht aus einem Raupenfahrzeug, das auf Basis von GPS-Daten selbständig durch den Weinberg fährt. Ein Automat hilft bei der Zucht neuer Sorten. Mehr

12.03.2015, 10:14 Uhr | Technik-Motor
Popmusikerin Balbina Schön, dass ihr mir zuhört

Die junge Berliner Sängerin Balbina war lange eine Außenseiterin, nicht nur musikalisch. Jetzt geht sie mit Herbert Grönemeyer auf große Deutschlandtournee. Mehr Von Julia Schaaf, Berlin

11.05.2015, 22:25 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.12.2012, 17:19 Uhr

Ü14-Party

Von Michael Hanfeld

Der gemeinsame Jugendkanal von ARD und ZDF ist auf dem Weg - mit einem Budget, das Start-ups die Tränen in die Augen treibt. Beim ZDF glaubt man damit keine großen Sprünge machen zu können. Mehr 4 5