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Kai Diekmann Der Glückliche

28.11.2009 ·  Linke Selbstgefälligkeiten aufzuspießen ist ein Lebensthema von Kai Diekmann, dem Chefredakteur der Bildzeitung. Die „taz“ muss gerade lernen, wie witzig und gewandt er dabei vorzugehen weiß.

Von Michael Hanfeld
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Man darf sich Kai Diekmann dieser Tage als einen glücklichen Menschen vorstellen. An Elan, Energie und Ehrgeiz hat es ihm nie gemangelt, er lebt für seinen Job und treibt die Redaktion des größten Boulevardblattes des Landes an von früh bis spät; wo immer er sich befindet, er sitzt seinen Leuten im Nacken. Was Helmut Markwort vom „Focus“ in der Werbung sagt, muss Diekmann gar nicht verbalisieren, es ist ihm auf die Stirn geschrieben: immer an die Leser denken, immer an die Schlagzeile, die sich 3,8 Millionen Mal verkaufen und das Tagesthema bestimmen muss.

Doch so gut wie jetzt ging es Diekmann kaum je. Er treibt sein Lieblingshassmedium vor sich her, das ihn seit Jahren als Lieblingshassfigur verfolgt – die sich linksalternativ verstehende „tageszeitung“. Dazu muss er den Blattmachern, die in Berlin in Rufweite vom Springer-Verlag residieren, nur den Spiegel vorhalten, auf dass sie sich selbst erkennen. Er karikiert sie bis zur Kenntlichkeit und setzt auf eine Satire, die vom Boulevard nicht mehr zu unterscheiden ist.

Im Spiegel des Boulevard

Und den intelligenten, ironisch gebrochenen Boulevardjournalismus macht ihm keiner nach. So hart und unerbittlich „Bild“ sein kann, so spielerisch leicht nimmt Diekmann seine Gegner auseinander, indem er sie an den journalistischen Maßstäben misst, die „taz“ und andere für sich in Anspruch nehmen, gleich, was sie tun. Ihr alle seid „Bild“, zeigt er ihnen, zuletzt mit einer nachgemachten Satire-„taz“, die den unterleibsgrotesken Titel trägt „Wir sind Schwanz!“

Die Geschichte ist denkbar geschmacklos: Es begann vor sieben Jahren mit einer Satire des Schriftstellers Gerhard Henschel, der Diekmann in der „taz“ eine Penisverlängerung andichtete. Der „Bild“- Chefredakteur ging dagegen juristisch vor, die „taz“ wehrte sich öffentlichkeitswirksam im Namen der Pressefreiheit. Doch schließlich kam das Stück unter Verschluss, bis – Diekmann es nun selbst für seinen persönlichen Blog im Internet hervorholte.

[...] Aus dem Archiv gekramt hatte Diekmann die Geschichte, weil sie zu gut passte zu dem sechzehn Meter hohen Wandrelief des Bildhauers Peter Lenk, das seit kurzem die Hauswand des „taz“-Verlags schmückt. Da sieht man eine Figur mit dem Konterfei Diekmanns und einem überdimensionierten Penis, der fast bis zum Dach reicht. „Friede sei mit dir“ ist darüber geschrieben, eine größere Huldigung erscheint kaum denkbar.

Eine Sondernummer

Und eine intelligentere Reaktion als die des Porträtierten auch nicht. Der nämlich nahm den Tumult, der darob bei der „taz“ entstand, mit seiner vierseitigen Sondernummer trefflich aufs Korn. „Satire darf alles! Satire darf alles! Satire darf alles!“, buchstabiert er von der ersten bis zur letzten Zeile. Die Druckplatte hat er der „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl mit persönlicher Widmung ins Büro zustellen lassen. Die wiederum hatte „einen ihrer größten Leitartikel“, wie Diekmann im Interview mit der F.A.Z. meinte, dem Riesending an der „taz“-Wand gewidmet und ihr Missfallen unmissverständlich ausgedrückt. Der „taz“-Vorstand beschloss, das Relief abzunehmen, Diekmann wollte ein Treffen der Genossenschafter beantragen, auf einer außerordentlichen Betriebsversammlung wurde der „Penis-Streit“ schließlich vertagt.

Die Posse mag noch so peinlich scheinen, sie erschüttert die linke „taz“ in ihren Grundfesten. So humorlos, dumm und selbstgefällig erschien sie lange nicht. Den „taz“lern hätte Böses vielleicht schwanen sollen, als ihr Intimfeind Diekmann im Mai Anteile der Genossenschaft kaufte. Als Miteigentümer fühlt sich „Genosse Diekmann“ berufen, über den Kurs der „taz“ mitzureden, er braucht nicht mehr von außen vorzugehen, er ist mittendrin, bestimmt den Diskurs und fordert, dass die „taz“ sich ändern und ihre Sache mit dem gebotenen Anspruch verfolge. Der Boulevardmann als Gralshüter der sich aufgeklärt dünkenden Alternativen, diese Pointe lieferte die „taz“ Diekmann frei Haus, er musste den Elfmeter nur verwandeln.

Gegen linke Selbstgefälligkeit

Bei seinem letzten Generalangriff auf die Linke vor zwei Jahren war das noch anders. Da geriet Diekmann an den „Zeit“-Herausgeber Michael Naumann, den er eingeladen hatte, sein Buch „Der große Selbstbetrug“ vorzustellen. Passenderweise fand die Séance in dem Berliner Restaurant „Sale e Tabacchi“ statt, das im Erdgeschoss der „taz“ liegt. Naumann, der sich gerade als Spitzenkandidat der SPD in Hamburg versucht hatte und, wie er sagte, von „Bild“ monatelang totgeschwiegen worden war, nahm grausam Rache, indem er an Diekmanns Abrechnung mit der Linken kein gutes Haar ließ. Als „intellektuelle Zumutung“ wies Naumann das Buch aus und hatte die Lacher auf seiner Seite.

Der Selbstbetrug, der historische Irrtum, die Selbstgefälligkeit der Linken aber ist Diekmanns Lebensthema, das er wie ein Besessener und mit Lust verfolgt. Und man sollte seine Finesse, seinen Machtinstinkt und seinen Humor nicht unterschätzen. Wer sich auf sein Terrain begibt – was Naumann wohlweislich nicht tat –, hat viel zu verlieren. Diekmann ist rauflustig, hat Nehmerqualitäten und ein Elefantengedächtnis, er pflegt seine Feindschaften und wittert jede Gelegenheit für den finalen Schlag.

Auf dem Karriereweg mit Siebenmeilenstiefeln

Im Umgang aber ist er anarcho-witzig und jovial, er führt sein Blatt mit einem kleinen Kollegium kluger Köpfe, bestimmt den Kurs, ohne laut zu werden, und behauptet sich im Machtgefüge des Springer-Konzerns. Als er noch nicht Chefredakteur war, hat der Verehrer Helmut Kohls die Seite zwei der „Bild“ zu einem Kraftzentrum der Politik gemacht. Welche Rolle Diekmanns „Bild“ spielt, kann man im Fall des Berichts zu dem Bombardement zweier Tanklaster bei Kundus erkennen, den das Blatt vor allen anderen hatte. Das war der Anfang vom Ende des Ministers Jung.

Seinen Karriereweg hat Diekmann mit Siebenmeilenstiefeln beschritten, 1987, da war er gerade einmal 23, wurde er Korrespondent für „Bild“ und „Bild am Sonntag“ in Bonn, fünf Jahre später, nach einer Zwischenstation bei Burda, avancierte er zum stellvertretenden Chefredakteur der „Bild“. Wiederum fünf Jahre darauf überstand er einen Machtkampf mit dem Springer-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Richter, der ihn auf einen Frühstücksdirektorenposten abschieben wollte. Diekmann war für kurze Zeit nur noch freier Autor, als der Vorstand Richter abgelöst wurde, dauerte es nicht lange, bis Diekmann zurückkehrte, er übernahm die Chefredaktion der „Welt am Sonntag“, Ende 2000 kam Mathias Döpfner als Vorstandsvorsitzender von Springer, am 1. Januar 2001 wurde Diekmann Chefredakteur der „Bild“.

Und nun auch Gast-Blogger

Dass er ein Konservativer ist, daraus macht er kein Hehl, dass der Familienmensch und Vater von vier Kindern ein Blatt macht, das, um das Mindeste zu sagen, in weiten Teilen nicht jugendfrei ist, das Private zum Politikum macht und das Verhältnis zwischen Pressefreiheit und Persönlichkeitsrecht jeden Tag strapaziert, zählt zu seinen Widersprüchen. Doch er kann mit Genuss notieren, dass viele Promiklatschgeschichten in der Presse, im Fernsehen sowieso, auch von „Bild“ stammen könnten, die berüchtigten „Leserreporter“ sind keine Erfindung seines Blattes, sie heißen andernorts nur anders.

Als Diekmann gegen die „taz“ noch prozessierte, war er der Dumme, die Verbissenheit von damals hat er abgelegt, die Jubiläums-„taz“ zu deren 25-jährigem Bestehen er als Gastredakteur mit einer Rekordauflage mitgestaltet („Heute gibt’s Kohl“). Und im Grunde mag er viele seiner Gegner persönlich, den einen oder anderen würde er glatt einstellen wollen. Kein Wunder, dass er sich im „Penisstreit“ als „taz“-Chefredakteur empfiehlt und sich zumindest als Gast-Blogger des Hauses – was ihm der dortige, nicht minder humorbegabte „Blogwart“ als Anerkennung für die gelungene Pseudo-„taz“ versprochen hatte – versuchen will. Diekmann nimmt es mit Humor und ist obenauf, ganz oben.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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