02.02.2010 · Endlicher Spaß: Als Blogger hat der „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann sich selbst neu erfunden - und „Bild“ ein bisschen mit. Nach hundert Tagen, in denen er Teile seiner Branche begeisterte und die anderen zumindest irritierte, ist nun Schluss.
Von Jörg ThomannNicht einmal vor den Scherben schreckt er zurück. Mit seiner Minikamera stapft Kai Diekmann, Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, zur um die Ecke gelegenen Zentrale der „tageszeitung“, betrachtet staunend das vom Künstler Peter Lenk gestaltete Relief, mit dem sich die „taz“ ihre Fassade verunstalten ließ - ein unbekleidetes Diekmann-Abbild mit bis zum obersten Stockwerk ragendem Geschlechtsteil -, und lässt sich vom herbeieilenden „taz“-Mitarbeiter Mathias Bröckers bestätigen, wie sehr sich das Blatt über das eigentümliche Kunstwerk zerstritten hat: „Das ist wirklich blöd gelaufen“, plaudert Bröckers freimütig in die Kamera, „es wusste keiner so richtig davon.“ Wieder einmal hat sich die vom „Bild“-Chef innig hassgeliebte „taz“ eine Blöße gegeben, die der des drallen Diekmännchens an der Wand nicht nachsteht. Und als wäre das nicht genug, lässt Diekmann den Film ausklingen mit der Linksrocklegende Ton Steine Scherben, deren Frontmann Rio Reiser skandiert: „Die letzte Schlacht gewinnen wir!“
Die Gefechtslage hat sich geändert in den vergangenen Wochen. Wer es wagte, sich mit „Bild“ anzulegen, der sah sich schon immer einer Übermacht gegenüber, konnte aber stets darauf hoffen, wenigstens den moralischen Sieg zu erringen. Nicht einmal das scheint nun mehr sicher. Deutlich hat „Bild“ an Boden gutgemacht, und zwar mit Waffen, die man eher bei ihren Feinden wähnte: intelligente Agitation, Witz und Ironie. Und wer sich den „Bild“-Chef als jemanden vorstellt, der keinen Spaß versteht, keine Kritik verträgt und seinen dunklen Geschäften im Verborgenen nachgeht, der ist bei Diekmann an der falschen Adresse. Nämlich bei www.kaidiekmann.de.
„Kai, du bist ein Schwein!“
Fast hundert Tage hat Diekmann auf dieser Seite gebloggt, hat Teile seiner Branche begeistert und die anderen zumindest irritiert. Die lieben Kollegen, vor allem aber sich selbst rückt der vermeintliche Fürst der Finsternis als Blogger in so grelles Licht, dass nicht nur Kritiker sich die Augen reiben. Er lässt sich eine Kamera an die Brille montieren und filmt seinen Arbeitstag. Er überfällt Prominente und Politiker. Als „Indiana Kai Jones“ erscheint er unangemeldet beim arg derangierten „Bild“-Briefeschreiber Franz Josef Wagner, filmt dessen überquellenden Aschenbecher und lässt sich - „Kai, du bist ein Schwein!“ - beschimpfen. Er veralbert Intimfeinde wie den „taz“-Anwalt Eisenberg, lässt im Blog seine angeblichen Rechtskosten zählen und liefert einen Vordruck für einstweilige Verfügungen gegen sich selbst, Begründungen zur freien Auswahl (“Ich finde das nicht fair“).
Er schickt Videos aus seinem Marrakesch-Urlaub mit Gattin Katja Kessler, bei dem - schlecht für sie, gut fürs Blog - das Gepäck nicht ankam und es in Strömen regnete. Er präsentiert das Netzfundstück eines Diekmann-Bildes mit der Aufschrift „Jede Lüge braucht einen Vollidioten, der sie druckt“ und fügt mit fast schon loriotscher Lakonie hinzu: „Ich finde mich, ehrlich gesagt, hier nicht optimal ausgeleuchtet.“ Er streut sich wegen eines frühen Fehlers, der Trittin-Bolzenschneider-Affäre, Asche aufs Haupt. Er zeigt unvorteilhafte Porträts des Chefredakteurs als junger Zopfträger. Und er erlaubt es den Lesern, ihn in Kommentaren blindwütig anzugreifen, als „Lügner“ oder „Marionette der Elite“. Die Botschaft dahinter: Wir sind unsere eigene Gegenöffentlichkeit.
Ein bisschen Schlämmer, ein bisschen Stromberg
In seinen neun Jahren an der „Bild“-Spitze hat Diekmann allenfalls für die „Wir sind Papst“Schlagzeile ähnliche Zuneigung erfahren. Die Blogszene hat ihn zum „Newcomer des Jahres“ gekürt und ein Fachblatt zum „Medienmann des Jahres“. Einen weiteren Preis, den des Unterhaltungsjournalisten des Jahres, hat er paukenschlagend abgelehnt, weil er sein Blatt in einer anderen Kategorie übergangen sah. Mit Narrenkappe auf dem Kopf verspottete er die Jury in einer Büttenrede. Die „Bild“-Kritiker wirken hilflos angesichts der Humoroffensive und so, wie man sich früher Springer-Mitarbeiter vorstellte: als schmallippige Spaßbremsen. „Wenn man sich fürchterlich darüber aufregt, ist man nur Teil der Bestätigungsmaschinerie“, hat der Journalist und Blogger Alan Posener im Diekmann-Blog gesagt. Problematisch sei freilich, dass Diekmann mit seiner Selbstdarstellung verkünde: „Ich bin im Grunde Dieter Bohlen.“ Den jedoch, so Posener, „gibt's ja schon“.
Nun steckt im Blogger Diekmann gewiss nicht nur Bohlen, sondern auch etwas Schlämmer, ein bisschen Stromberg und ganz viel Diekmann. Vor allem aber erinnert sein Treiben an Pippi Langstrumpf: lustig, frech und scheinbar harmlos, doch tatsächlich das stärkste Mädchen der Welt. Denn das ist die wohl erstaunlichste Leistung von Diekmann und seinen Blog-Helfern: vergessen zu machen, dass sich hier keine studentische Anarcho-Truppe austobt, sondern die mächtigsten Blattmacher im Lande. So mächtig, dass selbst Angela Merkel sich für Diekmann müht, Spaß zu verstehen. Lächelnd posiert sie neben dem „Bild“-Titelfoto, das sie als Sechzehnjährige im Bikini zeigt, und freut sich über die „schöne Erinnerung an die Jugend“. Und nachdem Diekmann den Brief ins Blog stellte, in welchem Kristina Köhlers Anwalt nach einer „Bild“-Anfrage zu ihrer Doktorarbeit mit rechtlichen Schritten drohte, kroch die Jungministerin zu Kreuze - und gewährte Diekmanns Blog ein Exklusivinterview.
„Bild“-Boss lässt bloggen
In Diekmanns Büro im 16. Stock des Berliner Springer-Hochhauses sitzt an diesem Vormittag eine auffallend junge Herrenrunde und spricht über den abwesenden Herrn D., der mit seiner Kamera gerade auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos herumturnt. Büroleiter Ulrich Machold, Michael Paustian, Stellvertretender Chefredakteur, Community-Chef Rowan Barnett, Web-TV-Leiter Daniel Durst und Redakteur Nicolaus Fest haben mit Diekmann dessen Blog gestemmt. Ein „Bild“-Boss bloggt nämlich nicht (nur) selbst, er lässt auch bloggen. Im Blog verspottet als „krummbuckelige Texteinsteller“, ist der Beitrag der Kollegen doch viel größer: Sie konferieren, brüten über Pointen, verschriftlichen die Einfälle des Chefs.
Diekmann selbst wird später am Telefon sagen, es gebe im Blog „nicht einen Buchstaben, den ich nicht gesehen hätte“, räumt aber die Koautorenschaft ein: „Der Uli Machold trifft meinen Ton mittlerweile in einer Art und Weise, die schon fast erschreckend ist.“ Mein Haus, meine Frau, meine „Bild“, mein Blog: Für Diekmann, der Eitelkeit nicht nur vorspielt, darf es nur das Beste sein. Daher hilft der große „Bild“Apparat vom Archiv bis zur Video-Abteilung beim Erstellen eines Luxusblogs, das Diekmann zwar als „ans Exzessive grenzenden Ego-Trip“ bezeichnet, das im Impressum aber als Produkt des Springer-Verlags ausgewiesen wird. Der trägt auch die Rechtskosten.
Jeden Tag eine Passage aus der Bibel
Spürbar stolz, ja erleichtert wirken Diekmanns Männer, die losbloggten, als würden sie am liebsten für die „Titanic“ arbeiten, und zeigen durften, dass „Bild“ auch anders kann. Es tut gut, mal nicht die Bösen zu sein. Und bei den Besucherzahlen, wie betont wird, sogar das gerade leicht schwächelnde „Bildblog“ zu übertreffen, das mit seiner „Bild“-Kritik dem Bloggen in Deutschland erst zu Relevanz verhalf. Auch der „taz“ mal eins mitgeben zu können stimmt froh: „Besonders wenn man sich selber für eher links hält“, sagt Machold, „ist es natürlich sehr lustig zu sehen, wie die angeblich richtig Linken mit Spaß umgehen.“ Die interne wie externe Wirkung des Blogs, da ist man sich im Raum einig, ist enorm: Es sei toll, dass die Leute dort draußen erführen, wie es bei „Bild“ wirklich zugehe.
Etwas transparenter scheint der Springer-Verlag durch das Diekmann-Blog tatsächlich geworden zu sein. Wir wissen jetzt, dass der „Bild“-Chef in kumpelhaftem Ton regiert und seine Leute „Uli“, „Pausti“ oder „Mütze“ ruft. Dass der Vorstandschef Mathias Döpfner in einem vergleichsweise mickrigen Büro haust und täglich eine Passage aus einer polnischen Bibel liest; dass Franz Josef Wagner beim Briefeschreiben in Büchern von Botho Strauß und Cees Nooteboom blättert; dass Hans-Hermann Tiedje, einer von Diekmanns Vorgängern, sich für die Schlagzeile „Das Boot ist voll“ schämt. Und natürlich, dass der Chefredakteur von „Bild“, dem oft so unterhaltsamen und oft so unangenehmen Boulevardblatt, ein großer Entertainer ist.
Sich selbst verkannt gefühlt
Auch Diekmann selbst hat sich verkannt gefühlt. „Das öffentliche Bild, das von einem gezeichnet wird, hat mit der wahren Person wenig zu tun“, sagt er, der es als „Bild“-Chef wissen muss. Selbst seine früheren Prozesse - von der „taz“ wollte er einmal 30.000 Euro haben - „waren ja auch witzig gemeint“, behauptet er. Mindestens neunzig Minuten am Tag habe er dem Blog gewidmet, das „wahnsinnig viel Konzentration verlangt“, aber auch viel Spaß bereitet habe. Trotzdem soll nun, nach hundert Tagen, wie angekündigt Schluss sein: In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch geht das Blog offline. „Alles wird verschwinden“, sagt Diekmann.
Er verspricht eine originelle Schlussinszenierung und schließt nicht aus, dass der Verlag demnächst etwas Neues ausprobiert, aber ohne ihn. „Ich persönlich werde mich den Rest des Jahres sehr zurücknehmen. Ich will keine Interviews mehr geben und nur noch die notwendigsten öffentlichen Auftritte absolvieren“, sagt er. „Wir haben in diesen hundert Tagen so viel Öffentlichkeit demonstriert und dokumentiert, dass ich jetzt einfach Ruhe haben und mich wieder voll der Zeitung widmen möchte.“ Das dürfte er mit neuer Freude und womöglich noch sehr lange tun. Seine Aussicht nämlich, je wieder einen seriösen Job zu bekommen, dürfte er mit seiner Blogger-Arbeit nicht verbessert haben.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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