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Kafka-Doku bei Arte : Vor Nachlassverwaltern wird gewarnt

Was er und sein Werk alles aushalten müssen, geht auf keine Kuhhaut: Franz Kafka Bild: dapd

Die Kafka-Dokumentation bei Arte ist parteiisch und reißerisch, aber auch effektvoll gemacht. Sagi Bornstein, ihr Autor, unterstützt im Manuskript-Streit die Position Israels.

          Weshalb der Kultursender Arte erst jetzt, im Herbst 2012, eine Dokumentation ausstrahlt, die er in Kooperation mit dem Südwestrundfunk selbst in Auftrag gegeben hat und die seit gut einem Jahr auch fertig ist, bleibt ein redaktionelles Rätsel, hinter dem sich womöglich aber etwas ganz Banales verbirgt: öffentlich-rechtliche Trägheit.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Jedenfalls ist „Kafka: Der letzte Prozess“, ein gut fünfzigminütiger Film des israelischen Regisseurs Sagi Bornstein, bereits überholt, wenn wir ihn am Mittwochabend in der Erstausstrahlung sehen.

          Denn am Freitag der vorvergangenen Woche entschied das Familiengericht von Ramad Gan bei Tel Aviv unter dem Vorsitz der Richterin Talia Pardo Kupelman in erster Instanz, dass der Nachlass des 1968 gestorbenen Max Brod seiner jetzigen Besitzerin Eva Hoffe entzogen wird und in den Besitz der Hebräischen Nationalbibliothek Jerusalem übergeht.

          Das Urteil setzt Fakten

          Ein Ende der sich seit Brods Tod hinziehenden Spekulationen und Querelen um dieses Vermächtnis ist damit zwar noch nicht in Sicht - Eva Hoffe scheint gewillt, in Revision zu gehen. Aber natürlich setzt das Urteil zunächst einmal Fakten. Und die müssen dem Film ebenso natürlich fehlen. Und was er seinerseits an unzweifelhafter Faktizität bietet, ist längst bekannt.

          1939, bei der Flucht vor den Nazis aus Prag nach Palästina, hat Brod die Manuskripte seines 1924 gestorbenen Freundes Franz Kafka gerettet - und ihn durch deren Veröffentlichung erst zu jenem Weltautor werden lassen, als den wir ihn kennen. Hinweggesetzt hat sich Brod dabei über Kafkas Gebot, die Texte ungelesen zu vernichten.

          Als Erbin setzte Brod seine Sekretärin Esther Hoffe ein, in deren Auftrag 1988 Kafkas Handschrift des „Process“-Romans in London auktioniert und für etwa dreieinhalb Millionen Mark über den Sammler Heribert Tenschert vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach ersteigert wurde - im Film behauptet Tenschert nun allerdings, aus ganz eigenem Antrieb geboten und dann lediglich dem „großen Druck von Marbach“ nachgegeben zu haben. Meint er das wirklich ernst?

          Esther Hoffe starb 2007 im Alter von 101 Jahren. Eva, die Tochter, ist nun gehalten, die Manuskripte Kafkas, die sich in Zürcher Banksafes, und jene von Max Brod, die sich großenteils in ihrer Tel Aviver Wohnung befinden, herauszugeben.

          Eine möglichst spektakuläre Verpackung

          Das mühevolle Nachzeichnen einer im Einzelnen durchaus verworrenen Überlieferung erledigt Bornsteins Film nebenher. Ihm geht es um die Geschichten hinter der Geschichte, zudem um die möglichst spektakuläre Verpackung der im Grunde öden Erb-Materie und, dies vor allem, um die Argumente, mit denen die Hebräische Nationalbibliothek und deren Anwalt Meir Heller die Ansprüche auf Brods Nachlass begründen - und damit das Interesse des Deutschen Literaturarchivs gleichsam delegitimieren.

          Eva Hoffe soll laut erstinstanzlichem Urteil die Manuskripte von Max Brod und Franz Kafka an die Hebräische Nationalbibliothek übergeben Bilderstrecke
          Eva Hoffe soll laut erstinstanzlichem Urteil die Manuskripte von Max Brod und Franz Kafka an die Hebräische Nationalbibliothek übergeben :

          Sehr schlecht kommt Eva Hoffe weg. Zwar erhält auch ihr Anwalt das Wort und stellt seine Sicht der Dinge klar: „Wir reden hier über Privatbesitz.“ Gezeigt wird seine Mandantin indes als kamerascheue und auskunftsunwillige Frau, die in ihrem Appartement neben all den handschriftlichen Kostbarkeiten um die „hundert Katzen“ (sagt der Hausmeister) beherberge, allerdings, so wird suggeriert, sehr wohl wisse, dass es bei ihren Schätzen „um Millionen“ gehe.

          Es wird ohnehin dauernd suggeriert. Die Schließfächer der Hoffes in Zürich werden darüber gar zu „Kafkas Safe“, ganz so, als habe er ihn selbst gemietet, überdies wisse „niemand genau“, was dieser Safe berge. Immerhin erfährt man schließlich doch, dass die Fächer im Juli 2010 auf behördliche Anordnung geöffnet wurden, kurz zeigt der Film sogar die damals angefertigten Inventarlisten. Aber sofort heißt es relativierend, das Ganze sei eben „unter Ausschluss der Öffentlichkeit“ geschehen.

          Wollte Kafka ins Land Israel?

          Haggai Ben Schammai von der Jerusalemer Nationalbibliothek begründet den Anspruch auf Kafkas Papiere mit dem Argument, der Dichter habe die Absicht gehabt, „ins Land Israel einzuwandern“. Beleg? Einzig und allein „Kafkas hebräisches Vokabelheft.“

          Gelassen versichert der Kafka-Biograph Rainer Stach, in Brods Papieren finde sich von Kafkas Hand nichts wirklich Bedeutendes mehr, ein paar Zeichnungen wohl, aber gewiss keine unbekannte Erzählung, kein ungekannter Roman. Wirklich bedeutend seien hingegen die Aufzeichnungen von Brod selbst, zumal ein frühes Tagebuch, das wohl auch die ersten Begegnungen mit Kafka verzeichne. Und dieses Diarium möchte er gern und bald lesen können. Zu den Besitzverhältnissen und den Besitzansprüchen äußert sich Stach nicht.

          Es wäre das salomonisch Beste, wenn das erstinstanzliche Urteil absehbar Rechtskraft und Eva Hoffe finanzielle Kompensation erlangte. Kafkas und Brods Handschriften wären dann in Oxford, Marbach und Jerusalem verwahrt - und zugänglich zugleich.

          Der munter parteiliche, lustvoll reißerische und deshalb zumindest nicht langweilige Film von Sagi Bornstein wäre dann eine kleine Fußnote im schier unendlichen Streit um diese Schriften. Das reichte völlig hin.

          „Kafka: Der letzte Prozess“ läuft am Mittwoch, 24. Oktober, um 22.05 Uhr bei Arte

          Quelle: F.A.Z.

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