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Kachelmann-Prozess in den Medien Und das wollen Journalisten sein?

In der Berichterstattung über den Kachelmann-Prozess haben sich ein paar Publizistinnen besonders hervorgetan. Sie überschritten Grenzen, sind aber offenbar mit sich im Reinen. Das verheißt nichts Gutes.

© dapd Vergrößern „Es ist kein Freispruch, auf den er stolz sein kann.” Alice Schwarzer bleibt bei ihrem Urteil über Jörg Kachelmann: „Es bleibt alles offen.”

Die Titelgeschichte des „Spiegel“ vom vergangenen Montag könnte man als grandioses Sittengemälde des deutschen Justizwesens ansehen oder – für einen grandiosen Rohrkrepierer halten. Um „Fehlurteile“ geht es, um die Frage „Wie gerecht kann Justiz sein?“ Der Ausblick auf den Prozess gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann ist unverkennbar. Würde er schuldig gesprochen, so die nahegelegte Schlussfolgerung, wäre die Geschichte juristischer Fehlurteile um ein Beispiel reicher.

Michael Hanfeld Folgen:  

Doch Kachelmann wurde freigesprochen. Nichts anderes hätte Gisela Friedrichsen, die Gerichtsreporterin des Magazins, für tragbar gehalten. Doch mit ihrer Berichterstattung und mit der ihrer Kollegin Sabine Rückert von der „Zeit“, mit den Kommentaren von Alice Schwarzer in der „Bild“-Zeitung und dem Panoptikum, das die Burda-Blätter „Bunte“ und „Focus“ aufgefächert haben, verbindet sich eine andere, naheliegende Frage: Wie ungerecht kann die Presse sein?

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Parteiischer und einseitiger, als die Berichterstattung der Genannten ausgefallen ist, kann man sich die Arbeit von Vertreterinnen der „vierten Gewalt“ jedenfalls nicht vorstellen. So wie sich vor Gericht Staatsanwaltschaft und Verteidigung gegenüberstehen, haben sich die Reporterinnen aufgestellt: Anklage, Verteidigung und kein Richter dazwischen, als Korrektiv aber sehr wohl die Kollegen anderer Blätter, die sich an das gehalten haben, was im Gerichtssaal zur Sprache kam. Wer sich in den vergangenen Monaten über diesen Prozess allein aus „Spiegel“, „Zeit“, „Bild“ oder „Bunte“ informierte, war ziemlich schief gewickelt. Keine Rede mehr von der gebotenen journalistischen Distanz.

Kachelmann B2 Friedrichsen © dapd Vergrößern Gerichtsreporterin als aktive Größe im Prozess: Gisela Friedrichsen

Vom mutmaßlichen zum sogenannten Opfer

Gisela Friedrichsen machte ziemlich von Beginn an deutlich, dass am Ende des Prozesses nur ein Freispruch stehen könne. Dabei ließ sie die Tugend vermissen, die sie Kachelmanns Verteidigerin Andrea Combé in einem hymnischen Artikel attestierte: sich mit jedem Argument auseinanderzusetzen, es pro und contra zu wenden und das Augenmerk nicht allein auf eine Seite zu richten. Triumphal feierte die Reporterin das Plädoyer der Anwältin als „große Abrechnung mit all jenen“, die „sich bis zuletzt siegesgewiss an einer weiteren Beschädigung des Angeklagten gelabt hatten“.

In der Talkshow von Markus Lanz im ZDF ließ Gisela Friedrichsen ebenfalls keine Zweifel daran, dass der Angeklagten freizusprechen sei. Im Interview mit Radio FFH wurde sie zudem persönlich, erzählte aus ihrer eigenen Vita, von ihrem Vater und ihrem Werdegang – von 1974 bis 1989, als sie zum „Spiegel“ ging, wirkte sie für diese Zeitung.

Sie spricht nicht vom „mutmaßlichen“ Opfer, das Jörg Kachelmann der Vergewaltigung bezichtigt, sondern vom „sogenannten Opfer“ und von einer Tendenz der Gerichte, jemanden freizusprechen, aber eine Urteilsbegründung zu formulieren, „die so ist, dass der Angeklagte und auch die Öffentlichkeit dann das Gefühl haben, irgendwie war er es ja doch“. Ganz ähnlich ließ sich Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn ein.

Ein neuer Verteidiger muss her

Von Sabine Rückert, der Gerichtsreporterin der „Zeit“, wird man sagen dürfen, dass sie in puncto Parteilichkeit der Presse bei diesem Prozess neue Maßstäbe gesetzt hat – so wie auf der anderen Seite die „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer. Denn Sabine Rückert hat dem ersten Verteidiger Kachelmanns, Reinhard Birkenstock, geraten, die Dienste eines geschätzten Kollegen in Anspruch zu nehmen. Sie hatte Birkenstocks Offerte, Prozessakten zu bekommen, abgelehnt und in einer E-Mail geschrieben: „Wir können nur zusammenkommen, wenn Ihre Verteidigung in dem angedeuteten Sinne professionalisiert wird, dazu sollten Sie sich überlegen, einen Kollegen einzubinden, der Verfahren dieser Art auch gewachsen ist.“ (F.A.Z. vom 17. Dezember 2010.). Der Kollege kam – der Hamburger Rechtsanwalt Johann Schwenn, mit dem Sabine Rückert 2002 einen Justizirrtum aufgedeckt und ein Buch verfasst hatte: „Unrecht im Namen des Volkes“.

Schwenn nahm sich sogleich die „gegnerischen“ Medien vor, die „Bunte“, die Zeuginnen der Anklage für Interviews fürstlich belohnte, mit Salären zwischen 5000 und 50 000 Euro. Er wollte die Redaktionen von „Bunte“ und „Focus“ durchsuchen lassen, Alice Schwarzer beorderte er in den Zeugenstand, wo sie von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machte.

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