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Veröffentlicht: 31.05.2014, 19:21 Uhr

„Jung & Naiv“-Macher Tilo Jung Ein Typ zum Kuscheln

Tilo Jung will mit dummen Fragen den Politjournalismus verändern. Er duzt grundsätzlich jeden und rückt seinen Interviewpartnern gehörig auf die Pelle. Ist das „Jung & Naiv“ oder einfach nur banal?

von Mareike Nieberding
© Gyarmaty, Jens „Ich bin eher so, `Fuck it, let’s do it´“: Tilo Jung in der Bundespressekonferenz.

Jeden Mittwoch ist Bundespressekonferenz: „Mal wieder ne Menge los heute #BPK“, postet Tilo Jung, 28, Videojournalist, um zehn nach eins auf Facebook, dazu ein Foto - leere Stuhlreihen, keine Journalistenseele weit und breit. Es sieht aus, als würde Regierungssprecher Steffen Seibert ausschließlich Jung über den Europäischen Bankenabwicklungsfonds und die Situation in der Ukraine informieren.

Was das Bild nicht zeigt: Es hören noch 20 weitere Journalisten zu, nur sitzen sie einfach weiter links. „Ein bisschen Spaß muss im Internet schon sein“, sagt Jung. Und außerdem seien 20 Kollegen trotzdem nicht genug. „Allein hier im Haus sitzen Hunderte Journalisten. Aber seitdem die BPK übertragen wird, gucken viele sie einfach im Büro.“ Doch aus dem Büro kann man keine Fragen stellen. Und Fragen sind Jungs Geschäftsgrundlage.

Europareise dank der Crowd

Jung betreibt seit fast anderthalb Jahren, zunächst alleine, mittlerweile mit zwei Kollegen, das Videoformat „Jung & Naiv - Politik für Desinteressierte“, das erst auf Youtube und seit Herbst auch auf dem Privatsender Joiz ausgestrahlt wird. In jeder Folge stellt Jung einem Politiker, Journalisten, Experten oder Betroffenen so viele naive Fragen wie möglich (Sahra Wagenknecht fragte er zum Beispiel, wer Oskar Lafontaine sei, oft bestehen die Fragen allerdings auch nur aus „Ach, echt?“), und die Befragten antworten so ausführlich sie wollen. Es wird nicht geschnitten, anfangs weil Jung kein Schnittprogramm hatte, mittlerweile aus Prinzip. „Wer bin ich, zu entscheiden, was interessant ist und was nicht“, kommentiert Jung seine redaktionelle Zurückhaltung. Jeder Zuschauer sei eben anders und suche nach etwas anderem. Fragt sich nur, wem das was nützt.

Auf jeden Fall Jung, der bei gutem Wetter nicht in düsteren Schnitträumen sitzen muss. Auf jeden Fall dem jeweiligen Politiker, der endlich mal die Chance hat, ohne Hemmungen bis zu einer Stunde lang drauflos zu reden. Vielleicht traten deshalb in über 160 Folgen auch schon Gäste wie Martin Schulz, Gesine Schwan, Jürgen Trittin, Nikolaus Brender, Steffen Seibert und Glenn Greenwald auf. Letzten Sommer, mitten im Wahlkampf, setzte sich gar der damalige Kanzlerkandidat Peer Steinbrück vor die nur 60 x 42 x 30 mm³ großen Kameras von „Jung & Naiv“. Ob der Zuschauer genauso viel davon hat, ist fraglich. Wer schaut schon freiwillig eine ganze Stunde Christian Lindner beim Stehen und Reden zu? Das ist selbst für Düsseldorfer Jungliberale eine Zumutung. Aber Jung glaubt an die ungefilterte Information.

Die Folge mit Steinbrück, Nr. 77, bezeichnet Jung als seinen Durchbruch - weil seine Oma daraufhin mal wieder wählen gegangen sei. Menschen, die sich sonst gar nicht oder kaum mit Politik beschäftigen, dazu zu befähigen, sich eine Meinung zu bilden, darum gehe es ihm eigentlich. Deshalb springt Kollege Alex Theiler, der Produzent, Kameramann und Cutter in einem und eigentlich ausgebildeter Anlageberater ist, auch schon mal als „Finanzdelfin“ ein - Finanzhaie sind die Bösen, Finanzwale die Großen und Theiler, der Finanzdelfin, erklärt. Das finden die beiden sehr lustig.

Gerade kommen Jung und sein Team aus Rom. Drei Wochen waren sie mit ihrer Sendung auf Europatour. Sie trafen zum Beispiel einen 24-jährigen Politiker der neuen spanischen Partei Podemos, die überraschend mit fünf Sitzen ins Europaparlament einziehen wird, oder Giorgos Trangas, der im griechischen Fernsehsender Extra 33 Stimmung gegen die Deutschen macht. Die Reise hat die Crowd finanziert - knapp 16 000 Euro haben sie via Krautreporter eingesammelt. Die größte und letzte Summe, 2000 Euro, steuerte Google bei, mit denen Jung im letzten Jahr während der Bundestagswahl bereits im Geschäft war.

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