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Veröffentlicht: 24.04.2016, 11:26 Uhr

Wegen Kritik an Erdogan Türkische Polizei setzt niederländische Journalistin fest

Die türkische Polizei hat die niederländische Kolumnistin Ebru Umar während eines Aufenthaltes in der Türkei in Gewahrsam genommen. Die Regierung bemüht sich um Aufklärung.

© dpa Schon wieder beleidigt: Die Flagge, der Staat, der Präsident.

Am Samstagabend hat die türkische Polizei offenbar eine niederländische Kolumnistin in Gewahrsam genommen. Ebru Umar, selbst türkischer Abstammung, äußerte sich wiederholt auf Twitter sowie in ihrer Kolumne in der Zeitschirft „Metro“ sehr kritisch über Präsident Erdogan. Nach eigenen Angaben wurde sie aus ihrer Wohnung in der Stadt Kusadasi abgeholt. „Okay, Timeline, Polizei vor der Tür. Kein Scherz“, twitterte sie.

Gegenüber der niederländischen Zeitung „The Post online“ bestätigte sie: „Mir ist inzwischen klar, dass man mich wegen einiger Tweets über Präsident Erdogan in polizeiliches Gewahrsam genommen hat. Könnt Ihr bitte den Redakteuren von „Pauw“ sagen, die mich die ganze Zeit anrufen, dass sie damit aufhören können? Denn ich werde ihnen nicht Rede und Antwort stehen.“ „Pauw“ ist in den Niederlanden eine der führenden Talkshows zu Politik und Gesellschaft, vergleichbar etwa mit „Anne Will“.

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Inzwischen haben sowohl die Regierungspartei VVD als auch die Opposition der Christdemokraten CDA den niederländischen Außenminister Zaken Bert Koenders aufgefordert, sich der Sache anzunehmen. Umar teilte auf Twitter in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit, dass die Polizei sie zu einer Polizeiwache mitgenommen und später zu einem Krankenhaus gebracht hätte. Danach ließ sie laut „The Post Online“ per SMS wissen, dass die türkischen Behörden sie weiter festhalten wollten und dass sie ihr Mobiltelefon abgeben solle.

Die Diskussion über Erdogan und sein Satireverständnis wird in den Niederlanden derzeit hitzig geführt. Gerade Merkels Vorgehen in der Causa Böhmermann wird sehr kritisch und mit Unverständnis gesehen. Außerdem hatte Ebru Umar in ihrem Test ein Schreiben des türkischen Konsulates in Rotterdam aufgegriffen, in dem dazu aufgefordert wurde, Beleidigungen gegen den Präsidenten, die Türkei oder türkischstämmigen Volksvertretern zu melden. Das Schreiben schlug in den Niederlanden hohe Wellen. Das Konsulat sprach anschließend von einem "Missverständnis".

Glosse

Wer liest denn schon noch?

Von Kerstin Holm

Selbst Menschen, die öffentlich über Bücher sprechen, erklären häufig, sie hätten ja gar keine Zeit zum Lesen. Der Bazillus des nichtinformierten Diskurses verbreitet sich zusehends. Mehr 4

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