http://www.faz.net/-gqz-7pmpe

Journalisten in der Ukraine : Bedroht, gehetzt, inhaftiert, angeklagt

  • -Aktualisiert am

In der Hand der Soldateska: In Donezk treten prorussische Separatisten an einem ihrer Checkpoints einem Journalisten mit der Waffe gegenüber. Bild: REUTERS

In der Ukraine geraten immer mehr Journalisten zwischen die Fronten, sie werden von allen Parteien verfolgt. Es kommt vermehrt zu Einschüchterungen und Verhaftungen.

          Die Arbeit des britischen Videobloggers Graham Phillips kann den ukrainischen Behörden kaum gefallen haben. Seit Wochen lief der junge Mann mit einer kleinen Kamera durch das Donbass und filmte im Auftrag des russischen Staatssenders „Russia Today“ Leute auf der Straße. Oft ließ er die mehrheitlich prorussische Bevölkerung von Verbrechen der ukrainischen Regierungseinheiten im Rahmen der Anti-Terror-Operation gegen bewaffnete Separatisten berichten. Manchmal traf er Augenzeugen, meist ließ er Anwohner unkommentiert die Gerüchte verbreiten, die dieser Tage durch die Ostukraine treiben.

          Zuletzt hielt sich Phillips in der Hafenstadt Mariupol auf und versuchte herauszufinden, wie viele Menschen dort am 9. Mai bei Kämpfen zwischen der ukrainischen Nationalgarde und prorussischen Separatisten getötet wurden. Das Innenministerium hatte von 21 Toten gesprochen, auf der Straße raunten die Leute von mehr als hundert Opfern. Es klang so, als wollte Kiew ein Massaker vertuschen.

          Mehrere Journalisten verhaftet

          Phillips kurze, fast ungeschnittene Videos wurden zu Youtube-Hits. Der Brite, obwohl nur freier Mitarbeiter des Senders, soll zum bekanntesten Gesicht von „Russia Today“ im Osten der Ukraine avanciert sein. Am Dienstag hatten die ukrainischen Militärs offenbar genug von seinem Treiben und nahmen ihn fest. „Russia Today“ ging empört an die Öffentlichkeit und stellte eine Aufzeichnung von Phillips letztem Anruf ins Internet. Man verhöre ihn und kontrolliere seine Sachen, hatte der Blogger gesagt. In der Nacht zum Donnerstag ließen die Ukrainer den Briten wieder frei. Alles sei in Ordnung, man habe ihn korrekt behandelt, meldete Phillips bei Twitter.

          Er war schon der dritte für russische Medien arbeitende Journalist, den die ukrainische Seite in den vergangenen Tagen festgesetzt hat. Zwei Reporter des Senders Lifenews befinden sich seit Sonntag in ukrainischer Haft. Die Männer namens Marat Saitschenko und Oleg Sidjakin hatten mehrere Tage lang in der Stadt Kramatorsk gefilmt. Die stellvertretende Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrats der Ukraine, Viktoria Sjumar, sagte, die beiden würden der „Beihilfe zum Terrorismus“ verdächtigt. Sie sollen Waffen im Kofferraum transportiert und mit einer Gruppe Bewaffneter einen Angriff auf die ukrainische Armee geplant haben. Inzwischen sind die Journalisten zum Verhör nach Kiew gebracht worden.

          Zuvor waren Bilder veröffentlicht worden, die beide Männer gefesselt und auf dem Boden kniend zeigen. In einem Video, das im Internet auftauchte, gesteht Saitschenko, sein Kollege Sidjakin und er hätten bei der Einreise in die Ukraine verschwiegen, dass sie Journalisten seien. Der Sender wies dies als absurd zurück. Saitschenko sei offenbar zu dieser Falschaussage gezwungen worden.

          Hetzjagd auf die Berichterstatter?

          Zuletzt war jedoch mehreren russischen Journalisten die Einreise verweigert worden. Auch die Medienbeauftragte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, Dunja Mijatovic, hatte moniert, dass Mitte Mai mehrere russische Fernsehteams an der Grenze abgewiesen wurden, obwohl sie als Journalisten in der Ukraine akkreditiert gewesen seien. Mijatovic hatte auch die sofortige Freilassung der Lifenews-Reporter gefordert. Für diese setzen sich auch der russische Präsident und das Außenministerium ein, das Kiew in einer Erklärung vorwarf, die Pressefreiheit zu missachten. Moskaus Außenministerium stieß eine Unterstützungskampagne mit dem Hashtag #saveourguys an, die in Russland hohe Wellen schlägt.

          In den vergangenen Wochen war die Einschüchterung und Geiselnahme von Reportern Sache der bewaffneten prorussischen Separatisten gewesen. Unter den Dutzenden Geiseln, die noch immer in der besetzten Stadt Slawjansk und neuerdings auch im benachbarten Kramatorsk festgehalten werden, befinden sich mutmaßlich mehrere ukrainische Reporter. Auch ausländische Journalisten fielen zwischenzeitlich immer wieder – für Stunden oder Tage – in die Hände der Rebellen. Kämpfer stahlen mehreren Teams kugelsichere Westen und sonstige Ausrüstung. Der für die „Bild“-Zeitung arbeitende deutsche Reporter Paul Ronzheimer wurde nach kritischen Berichten über den Ablauf des Referendums in der Stadt Slawjansk bedroht. Ein russischer Journalist rief zur Hetzjagd gegen den Deutschen auf. Nicht in allen Fällen wurde klar, ob Journalisten gezielt aufgegriffen wurden oder zufällige Opfer waren.

          Neben prorussischen Separatisten und den ukrainischen Behörden geht auch die russische Seite auf der Halbinsel Krim gegen Journalisten vor. Das jüngste und prominenteste Opfer war der ukrainische Regisseur Oleg Sentow, der seit dem 11. Mai vom russischen Geheimdienst unter Terrorverdacht festgehalten wird. Der in Simferopol lebende, alleinerziehende Vater habe einen Anschlag vorbereitet. Sentow hatte die Proteste auf dem Kiewer Majdan unterstützt. Russische Medien behaupten, er zähle zur extremistischen Gruppe „Rechter Sektor“. Im Falle einer Verurteilung drohen Sentow mindestens zehn Jahre Haft.

          Weitere Themen

          Rekordpreis für Hockney-Bild Video-Seite öffnen

          Über 90 Millionen Dollar : Rekordpreis für Hockney-Bild

          Selbst bei Christie's war man über den Preis für das Werk "Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)" etwas überrascht. Doch es entwickelte sich offenbar eine Bieterschlacht zwischen zwei Interessenten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.