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Kampf gegen Depressionen : Ein Heft als Lebensretter

  • -Aktualisiert am

Endstation Depression Bild: dpa

Kevin Braddock war ganz unten im Leben angelangt. Schwer depressiv, wollte er sich töten. Nun hat er ein Magazin aufgelegt, das anderen Betroffenen helfen will.

          Die Pistole, die Schlinge, die Klinge, die Flasche, die Pillen - die Gedanken daran waren immer schon da, nur ließen sie ihn an diesem Tag nicht mehr los. Es war Hochsommer in Berlin, aber gerade wenn die Sonne scheint und die Menschen wieder guter Dinge sind, wird das eigene Tief umso deutlicher. Kevin Braddock hatte gerade seine Stelle gekündigt, er saß am Fuße eines Hochhauses, er war wortwörtlich ganz unten. Als Chefredakteur eines Lifestyle-Magazins schien er oben angekommen zu sein, aber die administrative und wirtschaftliche Verantwortung, die damit einherging, hatte wenig mit seiner anfänglichen Vorstellung von kreativer Herausforderung zu tun. Hinzu kam eine ständige körperliche Belastung durch Pfeiffersches Drüsenfieber und persönliche Schwierigkeiten. Alles schien falsch, seine Arbeit, sein Körper, seine Beziehungen, sein ganzes Leben. Die Gedanken an die Werkzeuge, mit denen man seinem Leben ein Ende setzen kann, wurden zu Impulsen, er wollte handeln, sie verwirklichen.

          „Ich brauche Hilfe"

          Irgendwann, betrunken und benommen, tippt er über das Handy eine Nachricht auf Facebook: „Kann jemand, der Deutsch spricht, bitte mit mir ins St. Hedwig kommen ... Ich brauche Hilfe." Nachrichten und Anrufe erreichen ihn, ein Kollege kommt, dann ein Freund, sie bringen ihn ins Krankenhaus. Die Diagnose: schwere depressive Episode. Er hatte schon mehrere depressive Phasen durchlebt, jedes Mal waren sie ausgelöst worden durch persönliche und berufliche Probleme. Diese, die ihn im Alter von 42 Jahren niederriss, war die bisher schlimmste, und möglicherweise hätte sie ihn das Leben gekostet. Aber dieses Mal fragte er nach Hilfe.

          "Ich hatte einen Punkt erreicht, an dem ich das Ende zulassen oder nach Hilfe fragen musste. Die Hilfe kam, und dafür bin ich sehr dankbar. Seitdem hat sich mein Leben drastisch verändert", sagt Braddock, der sich auch drei Jahre nach dem Tiefpunkt noch im Heilungsprozess sieht. Nach dem Zusammenbruch ist er zurück nach England zu seinen Eltern gezogen und ließ sich dort behandeln, weil die psychotherapeutische Versorgung für Ausländer in Deutschland unzureichend ist - gerade hat das englischsprachige Portal thelocal.de von einem Schwarzmarkt für englischsprachige Therapien berichtet. Er hat eine Auszeit genommen, ist wandern gegangen, hat Tai-Chi gemacht, lange Gespräche mit Freunden und der Familie geführt.

          Vom Heilungsprozess zum Projekt Torchlight

          Aus diesem Heilungsprozess heraus entstand sein Projekt Torchlight System. Den Anfang macht eine Art Magazin: "Torchlight: A Publication About Asking For Help" (Fackelschein: Eine Publikation über das Fragen nach Hilfe) steht in großen weißen Lettern auf der Titelseite, und zu den Geschichten im Innenteil gehören "Breakdown & Recovery" (Zusammenbruch & Heilung), "Depression & Anxiety" (Depression & Angst) und "Drink & Dreams" (Trinken & Träumen). Braddock entfaltet eine Erzählung von Krankheit und Genesung, die durch Berlin, London, Bristol, die englische Provinz und französische Berge führt, mit Freunden, Familienangehörigen und Fremden. Es ist seine eigene Geschichte, ein kathartisches Bekenntnis, das zugleich ein therapeutischer Akt ist und alle ansprechen soll, die Ähnliches durchmachen.

          "Eine Depression ist eine wahnsinnig egoistische, selbstzentrierte Krankheit mit einem obsessiven Teufelskreis aus selbstzerstörerischen Gedanken, die wegen ebendieser Selbstzentriertheit zu noch mehr Scham und Schuldgefühlen führen. Dann auch noch über sich selbst zu schreiben, wo ich zwanzig Jahre über andere Dinge geschrieben hatte, erschien mir anfangs maßlos und narzisstisch. Es hat eine Weile gebraucht, bis ich dachte, dass ich überhaupt die Berechtigung dazu habe", erzählt Braddock. Dass er mehr als nur die "Berechtigung" hatte, wurde ihm klar, als ihn jemand, dessen Schwester im

          Stillen an Depression gelitten und die Krankheit nicht überlebt hatte, aufforderte, sein Leiden gnadenlos ehrlich aufzuschreiben. Braddocks Publikation sprengt die Selbstbezogenheit, weil sie anderen zeigen kann, dass sie nicht allein sind und dass sich die Grundzüge einer solchen Erkrankung oft ähneln.

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