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Veröffentlicht: 27.02.2017, 13:40 Uhr

Journalismus in Russland So lügen Sie mit dem größten Erfolg

Die Methoden des russischen Medienkrieges sind uralt aber immer noch effektiv. Wie sie funktionieren, lässt sich an aktuellen Fällen studieren. Mit im Angebot: der „faule Hering“.

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© Picture-Alliance So viel steht fest: Er hat als Gast im Sender „Rossia 24“ nichts zu fürchten - Wladimir Putin

Als Zone der modernen multimedialen Kriegführung hat die russische Gesellschaft den meisten westlichen Ländern einiges an Erfahrung voraus. Der Journalist Wladimir Jakowlew, Schöpfer der vielleicht besten russischen Zeitung „Kommersant“, erinnerte sich, als er vor zwei Jahren nach Israel emigrierte, an seine Ausbildung an der Moskauer Staatsuniversität in den achtziger Jahren. Zu seinem Studiengang gehörte ein Pflichtkurs in Kriegsjournalistik, bei dem man die Kunst erlernte, mit Hilfe von Desinformation und Bewusstseinsmanipulation im Lager des Gegners Konflikte zu schüren, verriet Jakowlew, der 1996 entscheidend mit dazu beitrug, dass Präsident Jelzin wiedergewählt wurde.

Kerstin Holm Folgen:

Er sehe noch das Lehrbuch mit dem leicht verschmierten „Geheim“-Stempel vor sich, bekannte er in einem sozialen Netzwerk, nach dem ein gutgelaunter KGB-Oberst den angehenden Journalisten beibrachte, wie man feindlichen Soldaten das Hirn vernebelt. Die Methoden seien jedermann bekannt, versicherte Jakowlew, wenngleich viele sie sich nicht bewusstmachten. Inzwischen würden sie freilich nicht gegen bewaffnete Feinde eingesetzt, sondern gegen die eigene Bevölkerung. Und heute auch im Westen, könnte man hinzufügen. Denn obwohl der amerikanische Präsident die sowjetische Propagandaschule kaum kennen wird, könnte seine mediale Kampftechnik dem Handbuch von Jakowlews KGB-Obersten entnommen sein.

Erst Dementi, dann Spekulation

Ein klassisches Verfahren darin heißt „fauler Hering“. Dabei hängt man jemandem eine falsche Beschuldigung an. Es muss eine möglichst abstoßende Tat sein, Mord aus Habsucht oder Kinderschändung eignen sich besonders. Beim „faulen Hering“ kommt es nicht darauf an, den Vorwurf zu beweisen, vielmehr soll gerade seine Unhaltbarkeit möglichst ausführlich in der Öffentlichkeit kommentiert und durchgekaut werden. Die menschliche Psyche sei nämlich so beschaffen, wussten schon die sowjetischen Strategen des Informationskriegs, dass jede öffentliche Behauptung sogleich Fürsprecher und Gegner auf den Plan rufe, deren fortgesetzte Debatte dafür sorgt, dass der Name des Beschuldigten automatisch mit den falschen Vorwürfen assoziiert werde, deren „Geruch“ sich gleichsam in seiner Kleidung festsetze und ihn überallhin verfolge.

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Der „faule Hering“ wird in Russland seit Ende vergangenen Jahres gegen den Historiker Juri Dmitriew eingesetzt, der in Karelien die Menschenrechtsgesellschaft „Memorial“ leitet. Dmitriew hat mehr als dreißig Jahre lang Massengräber von Opfern des Stalinterrors sowie GULag-Friedhöfe erforscht und dort Gedenkstätten eingerichtet. Inzwischen brandmarkte das Justizministerium „Memorial“ als „ausländischen Agenten“, Stalin stieg zum patriotischen Pop-Helden auf. Und Dmitriew sitzt seit mehr als zwei Monaten im Gefängnis - aber nicht, weil er mahnte, Russland brauche Machthaber, die ihre Bevölkerung schonen, sondern weil er angeblich seine Adoptivtochter pädophil fotografiert hatte.

Mit entsetzter Miene präsentiert der Sprecher des staatlichen Fernsehkanals „Rossia24“ die von einem Einbrecher aus Dmitriews Computer gestohlenen Aufnahmen, die dieser auf Bitten des Jugendamtes anfertigte, weil das Kind, das viele Jahre im Heim verbracht hatte, in seiner Entwicklung zurückgeblieben war.

Egal, dass diese trotz der schwarzen Balken nichts Erotisches an sich haben. Ein Beamter der Staatsanwaltschaft verkündet vor der Kamera mit glasigem Blick, die Fotos seien zu „pornographischen Zwecken“ gemacht worden, ein „Experte“ erwähnt Gerüchte, wonach sie aus dem Darknet bestellt worden seien. Der Fernsehmoderator gibt sich objektiv. Die Darknet-Gerüchte hätten sich nicht bestätigt, sagt er, und vor einem Gerichtsurteil gelte für Dmitriew die Unschuldsvermutung. Doch dann spekuliert er mit sardonischer Freude, warum die Freunde dieses Mannes mit seinem wohl allzu engen Verhältnis zum Stiefkind ihn für einen Heiligen hielten. Auch in Amerika hielt sich der Geruch des „faulen Herings“, jenes angeblichen Kinderpornorings, in den Hillary Clinton involviert sein sollte, zäh. Die Geschichte war längst widerlegt, als ein Bewaffneter aus North Carolina jene Washingtoner Pizzeria überfiel, wo er die Schaltzentrale des Pornorings vermutete.

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