Aus Ciudad Juárez gibt es gute Nachrichten. Die Zahl der tödlichen Gewaltverbrechen in der „Welthauptstadt des Mordes“ geht zurück. Dieser Tage hat der mexikanische Innenminister Alejandro Poiré die Stadt im nordmexikanischen Bundesstaat Chihuahua besucht, um diesen Erfolg der Regierung in Mexiko-Stadt in ihrem Krieg gegen die Drogenkartelle zu feiern.
Ciudad Juárez liegt am Südufer der Grenzflusses Rio Grande, mehrere Brücken verbinden die Stadt mit El Paso in Texas. Die beiden Städte sind seit jeher wirtschaftlich und kulturell miteinander verwachsen. Seit einigen Jahren liegen aber Welten zwischen ihnen. El Paso ist eine der sichersten Städte der Vereinigten Staaten. In Ciudad Juárez starben seit 2008 im Jahr mehr Menschen einen gewaltsamen Tod als im gleichen Zeitraum in Afghanistan.
Das ist jetzt vorüber. Sagt Innenminister Poiré. Die Statistik scheint ihm recht zu geben. Während der grausamsten Zeit des Drogenkrieges im Jahr 2010 wurden in Ciudad Juárez durchschnittlich jeden Tag neun Menschen ermordet. Im Juli dieses Jahres waren es 1,3 Mordopfer pro Tag. Das ist der niedrigste Stand seit 2007. Seit Präsident Felipe Calderón kurz nach seinem Amtsantritt vom Dezember 2006 den Drogenkartellen den Krieg erklärte und die Streitkräfte mobilisierte, sind im mexikanischen Drogenkrieg bis zu 55 000 Menschen ums Leben gekommen. Die meisten starben im blutigen Verteilungskampf konkurrierender Kartelle um Schmuggelrouten und Einflussbereiche. Im Bundesstaat Chihuahua tobte dieser Verteilungskampf besonders brutal. Allein in Ciudad Juárez wurden mehr als 10 500 Menschen ermordet.
Ein blutiger Verteilungskampf
“Heute haben wir ein völlig anderes Bild“, sagt auch Bürgermeister Hector Murguía: „Unsere Stadt ist keine Geisterstadt mehr.“ Murguía, seit Oktober 2010 im Amt, ist Mitglied der „Partei der Institutionalisierten Revolution“ (PRI), deren Kandidat Enrique Peña Nieto die Präsidentenwahlen vom Juli gewonnen hat und der sein Amt im Dezember antritt. Nieto will die Streitkräfte in die Kasernen zurückbeordern und die Verantwortung für die öffentliche Sicherheit wieder der Polizei übertragen. Murguía hat schon im Herbst 2011 den fast vollständigen Rückzug der von Calderón nach Ciudad Juárez entsandten Heereseinheiten erreicht. Stattdessen wurde die Zahl der Polizisten auf 2600 erhöht. Fast die Hälfte seines Budgets gebe er für öffentliche Sicherheit aus, sagt Murguía.
Ob der Rückgang der Gewalt auf die Militäroffensive unter dem scheidenden konservativen Präsidenten Felipe Calderón oder auf die neue Taktik der PRI zurückzuführen ist, steht dahin. Die meisten Mexikaner halten es ohnedies für wahrscheinlicher, dass der meistgesuchte Drogenboss der Welt, der Chef des Sinaloa-Kartells Joaquín „El Chapo“ Guzmán, den blutigen Verteilungskampf um Schmuggelrouten und Einflussbereiche gegen das örtliche Juárez-Kartell schlicht gewonnen hat.
Ciudad Juárez hat jedoch schon in den neunziger Jahren traurige Berühmtheit erlangt: wegen einer anhaltenden Serie von Morden an jungen Frauen. Bis heute wurden laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen mehr als 700 junge Frauen und Mädchen in der Stadt umgebracht. Ihre Leichen wurden in Abwässergräben, auf Müllhalden oder in die Wüste geworfen. Die wenigsten Fälle wurden aufgeklärt.
Verschleppt, gefoltert und mit dem Tode bedroht
Die Journalistin Lydia Cacho untersucht seit Jahren den „Femizid“ in Ciudad Juárez. Es war der Ausgangspunkt für eine Recherchetätigkeit, die Lydia Cacho zu einer der wichtigsten Stimmen im Kampf gegen den Frauen- und Menschenhandel gemacht hat - in Mexiko und aller Welt. Die moderne Form des Sklavenhandels ist längst zu einem milliardenschweren zweiten Geschäftszweig für die Kartelle in Mexiko und die organisierte Kriminalität geworden, der in der öffentlichen Wahrnehmung freilich weitgehend ausgeblendet bleibt.
2005 veröffentlichte Lydia Cacho das Buch „Los demonios del Edén“ (Die Dämone Edens) über einen Verbrecherring in ihrer Heimatstadt Cancún im Südosten Mexikos, der mit Kinderpornographie und -prostitution Millionen verdiente. In die Geschäfte waren örtliche Hoteleigentümer, Politiker und Polizeioffiziere verwickelt. Lydia Cacho wurde kurz nach der Veröffentlichung ihres Buches auf Geheiß eines mexikanischen Politikers „verhaftet“, verschleppt, gefoltert und mit dem Tode bedroht. Dass die heute 49 Jahre alte investigative Journalistin wieder frei- und mit dem Leben davonkam, verdankt sie dem nationalen und internationalen Druck. Nach mehr als fünfjährigen Recherchen in 47 Ländern veröffentlichte Lydia Cacho 2010 das Buch „Esclavas del poder“ über den internationalen Menschenhandel (es erschien 2011 unter dem Titel „Sklaverei. Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel“ auch auf Deutsch).
Noch keine Alternative zum Asyl
Mit Todesdrohungen lebt Lydia Cacho, die in Cancún eine Hilfsorganisation für befreite Sexsklavinnen gegründet hat und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, seit vielen Jahren. Bislang weigerte sie sich hartnäckig, ihre Heimat zu verlassen und Asylangebote aus Frankreich, Spanien und den Vereinigten Staaten anzunehmen: Sie habe gelernt, mit der Angst zu leben, sagte sie. Mehr als achtzig Journalisten wurden in den letzten zehn Jahren in Mexiko ermordet, die meisten wegen ihrer Recherchen zu den Kartellen. In keinem westlichen Land leben Reporter so gefährlich wie in Mexiko. In den Hochburgen der Kartelle haben Zeitungen sowie Rundfunk- und Fernsehsender ihre Berichterstattung über den Drogen- und Menschenschmuggel eingestellt.
Am 3. August erhielt Lydia Cacho einen Drohanruf über die gesicherte Satellitentelefonanlage ihres Hauses in Cancún. Der Anrufer kündigte an, man werde sie „zerhacken und in kleinen Stücken nach Hause schicken“. Daraufhin floh Lydia Cacho auf dringendes Anraten von Freunden, Anwälten und Personenschützern schließlich doch. Sie dürfte sich zurzeit in Spanien aufhalten. Und will so bald wie möglich in ihr Heimatland zurückkehren, wenn sie die Sicherheitsvorkehrungen verbessert und den Personenschutz verstärkt hat. Vorerst aber gebe es für sie keine Alternative zum temporären Asyl. „Niemand wird mich auf Dauer vertreiben“, schreibt sie: „Aber lieber verfolgt als ermordet.“