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Journalismus in Gefahr : Der Notkurier

  • -Aktualisiert am

Das Verbreitungsgebiet des „Nordkurier” kann sich guten Journalismus kaum mehr leisten Bild: Andreas Pein

„Was wir machen, ist Instantjournalismus“: In Vorpommern stellt der „Nordkurier“ inzwischen sogar die Post zu, er bringt aber kaum noch Nachrichten. Was passiert, wenn eine Region unbedingt guten Journalismus braucht, ihn sich aber nicht leisten kann.

          Es gibt eine Sache, an der es dem „Nordkurier“ nicht mangelt: Platz. Das Zeitungshaus ist ein Denkmal an die Zeit nach der Wende, als der Osten das Eldorado westdeutscher Verlage war. Nicht schön, aber groß trohnt es in seiner Gewerbegebiet-Architektur auf dem Datzeberg über Neubrandenburg. Auf den langen Gängen vom Eingang zum Büro des Geschäftsführers Lutz Schumacher begegnen einem Teeküchen, Sitzecken, Zimmerpflanzen, Menschen eher nicht.

          In dem Großraumbüro, das einmal das Herz der Redaktion war, findet man in den Ecken noch ein paar versprengte Journalisten. Die Mitte ist verlassen. Bis vor ein paar Wochen haben hier mehr als dreißig Redakteure gearbeitet, die den Mantelteil des „Nordkurier“ produzierten, also die überregionalen Seiten. Ihre Stühle, Tische, Monitore und Telefone sind noch da, als würden sie morgen wiederkommen. Aber das tun sie nicht.

          Jede Zeitung hat hier ihr Monopol

          Die überregionalen Seiten der Zeitung werden jetzt in Schwerin produziert, von einer Firma, die auch den Mantelteil der „Schweriner Volkszeitung“ herstellt. Vier Mitarbeiter sind dorthin gewechselt. Die anderen besetzen, mit etwas Glück, freie Stellen anderswo im Verlag. In das Zeitungshaus wird demnächst ein Call-Center einziehen. Dann ist es nicht mehr so leer.

          Wenn Lutz Schumacher erklärt, was für eine Zeitung er managt, geht er zu den zwei Karten, die im Büro hängen. Eine zeigt die Tageszeitungslandschaft in Deutschland. An manchen Orten ist es noch ein Gewusel von Symbolen und Farben. In Mecklenburg-Vorpommern sind es drei riesige Flächen, die sich fast nicht überschneiden. Die Gebiete entsprechen den alten DDR-Bezirken. Jede Zeitung hat darin ein Monopol. Der „Nordkurier“ umfasst die Gegenden im Südosten des Landes. Sie ragen auf der Karte heraus, welche die Wirtschaftskraft der einzelnen Landkreise zeigt. Uecker-Randow zum Beispiel hat darin einen ganz eigenen Orangeton. Ärmer ist Deutschland nirgends. Schumacher sagt: „Sie können hier jeden Negativrekord finden.“

          Die Presse hat von dem Tabubruch nicht einmal etwas gemerkt

          Die Frage ist, wie man unter diesen Bedingungen guten Journalismus finanzieren kann. Und was passiert, wenn man ihn nicht finanzieren kann.

          Günther Hoffmann sitzt im Dorf Bugewitz vor der Kneipe „Zum Mühlengraben“ Baum in der Abendsonne, und die Entspannung, die er ausstrahlt, bildet einen interessanten Kontrast zu seiner Empörung. Bugewitz liegt eine Viertelstunde von Anklam, im Nordosten der Republik, wo die NPD große Erfolge feiert. Am Tag zuvor hat sich dort der Kreistag konstituiert, in dem die Partei vier Abgeordnete stellt. Hoffmann, der sich für Kultur und gegen den Rechtsradikalismus in der Gegend engagiert, war als Zuschauer vor Ort und wunderte sich, dass alle Parteien die entscheidenden Dinge offenbar schon vorab geklärt hatten. Wofür die Abgeordneten stimmten, war für die Öffentlichkeit nicht zu erkennen, aber die Tatsache, dass die Besetzung der Ausschüsse einstimmig durchgewunken wurde, machte Hoffmann stutzig. Hinterher gab die Partei stolz bekannt: „NPD in allen Ausschüssen vertreten“, und was Hoffmann genauso ärgert wie die Tatsache, dass alle Parteien für die Abgeordneten der Rechten gestimmt haben, ist, dass die Presse von dem Tabubruch nicht einmal etwas gemerkt hatte.

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