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Johannes B. Kerner Plötzlich scheint alles möglich

26.04.2009 ·  Johannes B. Kerner wechselt zu Sat.1. Was bleibt dem ZDF? Die Erinnerung an Jahre voller Meinungsabstinenz und Werbeverträge, falscher Bescheidenheit und getarntem Größenwahn. Eins ist Kerner dabei nie geworden: ein öffentlich-rechtlicher Moderator.

Von Stefan Niggemeier
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Am vergangenen Mittwoch ist Johannes B. Kerner in seiner Show etwas Unangenehmes passiert: Ein Gast dachte, er, Kerner, hätte etwas gemeint.

Es ging um Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung, und Kerner hatte beim Fragen, wie es seine Art ist, die Position des sich für gesund haltenden Menschenverstandes eingenommen. Das brachte einen Mediziner dazu, in seine Argumentation, warum eine Darmspiegelung zur Krebserkennung sinnvoll sei, den Satz einzufügen: „Da stimme ich Ihnen absolut zu.“ Alarmiert nahm Kerner sofort die Hände hoch und sagte: „Sie müssen mir nicht zustimmen - ich bin da weitgehend meinungsfrei.“

Der sanfte Aufklärer

Wollte man jemandem, der die letzten zwölf Jahre im fernen Ausland verbracht hat, erklären, was dieses Aushängeschild des ZDF für ein Mensch ist, wären dieser Abwehrreflex und diese Formulierung ein guter Ausgangspunkt. Insbesondere wenn man weiß, dass derselbe Johannes B. Kerner seit vergangenem Jahr in Zeitschriftenanzeigen für die Felix-Burda-Stiftung wirbt. „Gehen Sie zur Darmkrebsvorsorge - wie ich“, sagt er darin. „Danach fühlt man sich besser.“

Die Szene hat etwas von dem Moment, als Kerners Kollegin Andrea Kiewel bei ihm für Weight Watchers schwärmte und auf Nachfrage log, dass sie für solche Reklame selbstverständlich nicht bezahlt werde. Aber erstens stellt sich Kerner natürlich nicht so ungeschickt an. Und zweitens täte man ihm unrecht, wenn man ihm unterstellte, sein werbliches Engagement sei schuld daran, dass sich in der Sendung keine kluge, aufklärerische Diskussion über die Chancen und Risiken der Vorsorgeuntersuchungen entwickelte. Dazu braucht Kerner wirklich keinen Werbevertrag.

In aller Zurückhaltung

Die Früherkennungskritikerin Ingrid Mühlhauser hatte in Kerners Show eigens ein großes Glas mitgebracht, das 10.000 verschiedenfarbige Kugeln enthielt, die die Wahrscheinlichkeit darstellten, ob es für einen Menschen positive oder negative Folgen hat, wenn er sich vorsorglich auf Krebs untersuchen lässt. Damit wollte sie demonstrieren, dass die Dinge nicht immer so sind, wie uns unsere Intuition sagt. Kerner aber setzte der Wissenschaft etwas entgegen, das unmittelbarer wirkt: ein menschliches Schicksal, einen Einzelfall. Einen Gast im Studio, dem aufgrund einer Vorsorgeuntersuchung rechtzeitig eine Niere entfernt werden konnte, in der sich ein großer Tumor gebildet hatte. Kerner stellte diesen Mann nicht als Repräsentanten eines der Farbkügelchen in dem großen Glasgefäß vor.

Er präsentierte ihn als Gegenargument. Es war nur konsequent, dass Kerner danach die Kritikerin mit ihrer rationalen Abwägung von Nutzen und Schaden wie eine bizarre Außenseiterin behandelte - und dass die Regie, während sie sprach, kopfschüttelnde Menschen im Publikum einblendete. Am Ende zitierte Kerner zwar noch eine Studie, wonach vier Fünftel aller Ärzte die Ergebnisse einer Brustkrebsuntersuchung falsch interpretieren. Aber er fügte hinzu, er sage das - auch so ein Kernerismus - „in aller Zurückhaltung“: „Das soll keine übertriebene Medizinkritik sein, ich finde Medizin nämlich interessant und toll.“

So Kerners Fazit nach vierzig Sendeminuten zum Thema Vorsorgeuntersuchungen. Am Ende ging es nicht, wie in der aktuellen Titelgeschichte des „Spiegels“, dessen Infotainment-Tochter die Show produziert, darum, ob die Vorteile der Untersuchungen die Nachteile überwiegen. Kerner machte daraus das Thema, ob wir uns auch dann untersuchen lassen sollten, wenn es ein paar tausend Euro kostet.

Trennungsgeschichten

Die Frage, ob Kerner ein Moderator im ZDF sein sollte, ist nicht nur eine Frage des Geschmacks und der Sympathie. Es ist auch eine Frage, ob man von einem solchen Sender erwarten darf, die Menschen klüger zu machen und nicht dümmer.

Spätestens zum Ende des Jahres - wenn es nach dem ZDF geht, schon früher - wird Kerner den Sender verlassen und aufhören zu sein, was er nie war: ein öffentlich-rechtlicher Moderator. Viele Gründe für die Trennung werden von der einen oder anderen Seite kolportiert oder auch nur von Journalisten hineininterpretiert. Besonders plausibel ist die Annahme, dass die Zusammenarbeit einfach eine Zumutung geworden war, für beide Seiten.

Jemand von der selbst empfundenen Größe und Großartigkeit Kerners kann es schwer ertragen, dass andere Leute ihm erzählen wollen, was er machen darf und was nicht. Wenn er mit Gesine Schwan plaudern will, kurz vor der Bundespräsidentenwahl, will er mit Gesine Schwan plaudern dürfen. Das ist nichts Parteipolitisches: Die Familienministerin Ursula von der Leyen stellte er im Februar als Verantwortliche für eine Art Geburtenboom in Deutschland dar, dessen Existenz schon damals widerlegt war. Und warum sollte er sich rechtfertigen müssen, wenn es ihm, Kerner, gefiele, den RTL-Komiker Mario Barth einfach zum Beispiel jeden Dienstag einzuladen? (In Wahrheit war Barth ja auch nur dreimal in den letzten sechs Monaten in der Kerner-Show, also bitte.)

Man wird ja fragen dürfen

Was man Kerner allerdings nicht vorwerfen kann, ist, dass er sich verändert hätte. Den Irrweg, den das ZDF mit seinem Engagement beschritten hat, hat der Sender sehenden Auges beschritten. Man kann sich bei Youtube den ursprünglichen Vorspann der „Johannes B. Kerner Show“ im ZDF ansehen - da steckt alles schon drin, die Anmaßung, in einer Reihe mit den großen ZDF-Legenden zu stehen, der als Bescheidenheit getarnte Größenwahn, der treuherzige „Ich frag' ja nur“-Blick. Das ZDF inszenierte - das muss man auch erst mal bringen - JBK als JFK. Gast seiner ersten Sendung war, na? Richtig: Dieter Bohlen. Bohlen hatte auch die Titelmusik komponiert, blieb alles in der Familie.

Kerners Show wurde die Werbe- und Selbstdarstellungsplattform für Leute wie Bohlen und seine Ex-Frau Verona. Siebeneinhalb Jahre ist es her, dass Moderator und Sender der damaligen Frau Feldbusch eine einstündige Sondersendung schenkten, in der sie über ihr Leben mit Dieter reden und weinen konnte. Der damalige und heutige ZDF-Unterhaltungschef Manfred Teubner sagte hinterher: „Das ist eine Lautstärke, die man beim ZDF nicht kannte. Aber es ist eine, die man vielleicht auch mal anschlagen sollte. Das ist doch das, was die Leute sehen wollen.“

Quotengeschenke

Die Kernerisierung des ZDF war kein Versehen. Kerner moderierte eine fünfteilige Werbesendung zum 50. Geburtstag der „Bild“-Zeitung (für die er heute wirbt) und eine ebenfalls fünfteilige Werbesendung für die Autobiographie Boris Beckers. Es gibt kaum ein größeres Medienereignis der vergangenen Jahre, das nicht mit einer verkorksten Sendung „Johannes B. Kerner“ verbunden ist: Er sprach noch am Tatabend live mit einem elfjährigen Zeugen des Amoklaufes von Erfurt, gab dem geständigen Betrüger Robert Hoyzer (gegen fürstliche Erstattung von dessen Auslagen) ein Podium und machte die sich um Kopf und Kragen redende Eva Herman unverdient zur Märtyrerin.

Aber es stimmt ja: Die Leute wollten das sehen. Regelmäßig wurde und wird Kerner zu den beliebtesten Moderatoren gewählt; dem ZDF schenkte er etwas, für das sich der Sender mehr zu kaufen könnten glaubte als von einem guten Journalisten oder integren Moderator: solide Quoten. Unter älteren Zuschauern jedenfalls. Bei den 14- bis 49-Jährigen sind die Marktanteile so, dass selbst Kerners neuer Sender Sat.1 damit mithalten könnte, und das will was heißen.

Abschied vom Formatfernsehen?

Eine lange nicht erlebte Aufbruchsstimmung liegt über den Diskussionen über das Fernsehen in den vergangenen Wochen. Plötzlich scheint alles möglich: dass das ZDF am späten Abend etwas für sein öffentlich-rechtliches Profil tut, dass Sat.1 ein richtiger Fernsehsender wird, dass Harald Schmidt wieder gut ist.

Das ZDF dementiert zwar, dass schon ausgemacht sei, anstelle der drei wöchentlichen Kerner-Shows nur noch eine zu sehen, bestreitet aber immerhin auch, dass Markus Lanz, der die meisten von Kerners Manierismen schon perfekt imitiert, sein Nachfolger werde. Ob der Sender wirklich die Chance der symbolträchtigen Trennung nutzt, aus dem Käfig des kommerziellen Formatfernsehens auszubrechen, und sei es auf Kosten von Quote, ist keineswegs ausgemacht.

Sat.1-Geschäftsführer Guido Bolten sagt derweil mit ungewollter Komik, Kerner solle die „journalistische Kompetenz“ des Senders „weiter“ ausbauen. Wie bei der anderen Neuerwerbung Oliver Pocher hat man dafür noch keinen Sendeplatz festgelegt. Aber der Sender ist ja insofern ein glücklicher Sender, als er nichts so sehr im Überfluss hat wie erfolglose Programmplätze. Und Kerners Sat.1-Show könnte der legitime Nachfolger von „Schreinemakers live“ werden.

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