12.07.2006 · Was soll Günther Jauch bei der ARD? Und wo bleibt Sabine Christiansen? Im Interview beantwortet NDR-Intendant Jobst Plog, der heimliche Chefunterhändler der ARD für komplizierte Fälle, alle offenen Fragen zum ersten Programm.s
Hauptberuflich ist Jobst Plog Intendant des Norddeutschen Rundfunks. Nebenher ist der versierte Jurist aber heimlicher Chefunterhändler der ARD für komplizierte Fälle. Wie etwa die Anwerbung großer Namen fürs Programm. Wir wollten wissen, wie er das anstellt.
Alle haben gestaunt, daß es Ihnen geglückt ist, Günter Jauch zur ARD zu holen. Wie haben Sie das gemacht?
Es gibt mindestens zwei Väter der Idee, Jauch zur ARD zu holen: Fritz Pleitgen hat das in gleicher Weise betrieben wie ich. Der Kontakt zu Jauch wurde über lange Zeit aufgebaut, eine Zeit in der man sich trifft, miteinander redet. Es gibt Phasen, wo solche Leute sich sagen "Ich werde irgendwann 50", und sich fragen "was kann ich noch Neues machen?" Wenn dazu kommt, daß die Sender, bei denen diese Leute beschäftigt sind, das schon für eine Selbstverständlichkeit halten, wächst die Gesprächsbereitschaft. Wichtig ist ein Klima der Verläßlichkeit.
Man muß reden können, ohne daß es gleich in der Zeitung steht. Und dann kann man das vertiefen. Bei Reinhold Beckmann war es ähnlich. Wir waren zusammen in einer Sendung. Er kam für Premiere, ich sollte für das öffentlich-rechtliche Fernsehen sprechen. Im Publikum waren St.-Pauli-Fans, denen fühlte er sich nahe, aber als Vertreter des Pay-TV mußte er eine Position vertreten, die ihren Interessen zuwiderlief. Ich merkte schnell, daß er gar nicht die Gegenposition zu meiner vertreten mochte. Kurz danach haben wir uns getroffen, aber bis zu seiner Verpflichtung hat es natürlich noch viel Zeit gebraucht.
Harald Schmidt kannten Sie bereits. Wie war es da?
Harald Schmidt war komplizierter. Als er bei Sat.1 aufhörte, hatte er sofort die ganze Konkurrenz am Hals, alle wollten, daß er sofort bei ihnen anfängt. Aber er wollte erst ein Jahr Ruhe haben. So etwas muß man respektieren. Ich hatte mit Schmidt, als er noch bei der ARD war, schon über ein Late-Night-Format geredet. Wir wußten beide, daß wir das damals nicht hingekriegt hätten. An diese Diskussion konnte ich anknüpfen. Dann haben wir korrespondiert, uns getroffen, noch mal getroffen, und dann kam erst die Verhandlungsphase.
Mehr Angeln als Jagen. Haben Sie mit Günter Jauch schon fertig verhandelt?
Im juristischen Sinn verhandelt ist - das will ich bei dieser Gelegenheit noch mal sagen - fast überhaupt nichts. Es ist der Primärkontakt gemacht. Dann hat Günter Struve im Auftrag der ARD einen Rahmen zu finden versucht, das durch "Christiansen" gesetzte wirtschaftliche Limit ermittelt und bestimmte Fragen formuliert. Irgendwann werden wir in Ruhe mit den Verhandlungen beginnen. Es existiert also kein Geheimvertrag, wie der "Spiegel" gemutmaßt hat. Der Vertrag ist so geheim, daß es ihn gar nicht gibt.
Könnten Sie sich vorstellen mehr mit Günter Jauch zu machen, über die Sonntagssendung hinaus?
Da muß man mal reden. Ich kenne sein Konzept nicht: Will er weitermachen wie bisher, macht er die Sendung am Sonntag additiv? Das würde mit einigen seiner laufenden Projekte schwierig. Warten wir es ab. Wenn Sie in die premier league von Fernsehstars kommen, müssen Sie als Sender Konzessionen machen. Sandra Maischberger haben wir auch gestattet, eine Zeitlang bei n-tv weiterzumachen.
Wie steht es mit Jauchs Werbeverträgen?
Da wird man ihn nicht anders behandeln können als andere Stars auch.
Sabine Christiansen soll wegen ihre Werbung für eine Fluglinie mit der ARD Differenzen gehabt haben.
Differenzen wäre zuviel gesagt. Es gab in einem Einzelfall zunächst eine unterschiedliche Bewertung der klaren Regel, die wir gemeinsam getroffen haben. Sabine Christiansen hatte im April ein Testimonial gemacht für Air Berlin, da haben wir gesagt "Komm, das war keine besonders schlaue Idee". Das war mit ihr schnell zu klären und hatte mit ihrem Abschied vom Sonntagabend nichts zu tun.
Die Gebührenzahler müssen denken: Moderatoren werden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufgebaut, bei den Privaten zu Stars und dann werden sie teuer zurückgekauft. Warum behält man Talente nicht gleich da?
Das hört sich so an, als müßten wir Ablösesummen zahlen. Das ist aber nicht der Fall. Es ist auch keineswegs so, daß die Stars, die zu uns wechseln, bei uns mehr verdienen. Fast immer verdienen sie weniger als vorher. Dennoch kosten sie natürlich Geld. Da muß ein öffentlich-rechtlicher Sender abwägen. Wenn man Stars haben will, muß man entsprechende Mittel bereitstellen - oder man sagt, wir verzichten völlig auf Stars im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das ist im Wettbewerb keine vernünftig vertretbare Position.
Ein früherer ARD-Moderator sagte mir, man müsse aufpassen, daß das A in der ARD nicht für "Austragshäuserl" stehe.
Wenn man bedenkt, wie alt inzwischen Intendanten werden, dann sind die auf dem Schirm doch alle relativ frisch. Im Ernst: Wir müssen nicht den allgemeinen Jugendwahn mitmachen. Sabine Christiansen denkt auch nicht, daß sie aufhören muß, weil sie nicht mehr jugendlich genug ist, sondern weil sich nach zehn Jahren nun mal Abnutzungserscheinungen einstellen können und weil man vielleicht ganz andere, neue Pläne hat.
Werden Sie mit Sabine Christiansen weiter zusammenarbeiten?
Wir reden darüber. Sie wissen ja, daß gerade der NDR sich immer hinter sie gestellt hat. Sie ist eine mutige Frau. Sie hat bei den "Tagesthemen" eine herausragende Position erreicht, die sie nicht hätte verlassen müssen. Sie hat das Risiko gewagt und einen neuen Sendeplatz erobert. Meine Wertschätzung für sie ist ungebrochen.
Warum haben Sie als Nachfolger für Christiansen nicht den "Hart aber fair"- Moderator Frank Plasberg genommen?
Weil er noch nicht die Starqualitäten hat, die man auf diesem Platz braucht. Ohne Starqualitäten - wie immer sie näher zu definieren sind - können Sie diesen Platz mit diesem Publikum nicht besetzen. Das hat die Konkurrenz Christiansen/Aust und Christiansen/Böhme gezeigt. Es sind offenbar noch andere Qualitäten gefragt als die rein journalistischen. Vielleicht erwirbt Frank Plasberg sie noch. Der Sonntag ist einer der erfolgreichsten Plätze überhaupt und wir wollten ein neues Zirkuspferd finden, das da weiterzieht. Da ist Jauch nicht zu toppen. Der WDR hat vorgeschlagen, für Plasberg einen zweiten Sendeplatz in der ARD zu suchen, oder hilfsweise die Dritten an einem Sendeplatz zusammenzuschließen. Das finde ich absolut vorstellbar und habe gebeten, das hier im Hause ernsthaft zu prüfen.
Sie suchen regelmäßig - etwa in puncto Gebührenerhöhung - eine eigenständige Position und Autonomie gegenüber der Politik. Wächst Ihr Sender nicht als Institution zu einer eigenen Macht heran?
Als ich als Justitiar zum NDR kam, tobten hier politische Streitigkeiten, an denen der Sender beinahe zerbrochen wäre. Das Land Schleswig-Holstein kündigte den Staatsvertrag, Niedersachsen schloß sich an. Wir führten, auf meinen Vorschlag, Prozesse gegen den eigenen Verwaltungsrat, den eigenen Rundfunkrat und zwei Bundesländer. Ich hatte das Gefühl: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird pervers, wenn die Politik die Macht übernimmt. Im Verwaltungsrat waren vier Minister von der Union, vier von der SPD. Wer den Vorsitz stellte, hatte die entscheidende Stimme. Wenn aber die eine Seite die entscheidende Stimme hatte, zog die andere Seite regelmäßig aus, um das Gremium beschlußunfähig zu machen. Eigentlich unvorstellbar, aber es war so! Das reichte mir als Motivation. Ich fand, öffentlich-rechtlicher Rundfunk bezieht seine Legitimität von seiner Unabhängigkeit - Unabhängigkeit von politischen Parteien, aber Unabhängigkeit auch von kommerziellen Interessen. Das sind die beiden Fronten, an denen wir permanent kämpfen müssen.
Haben Sie denn nicht auch Macht?
Ich kenne die von Bernard-Henri Levy angeregten Gedanken von den Medien als vierter Macht, aber ich habe da auch meine Zweifel. Unabhängigkeit von der Politik darf nicht schon bedeuten, daß man sich auf die gleiche Legitimitätsstufe stellt wie Parlamentarier, die gewählt sind. Ich sehe meine Aufgabe eher darin, Freiräume zu garantieren, keine Einflußnahmen zuzulassen, damit das öffentliche Geschehen kritisch begleitet werden kann. Ich selbst arbeite ja nicht journalistisch, aber ich versuche, Trends mitzusetzen. Im Augenblick führen wir im Haus eine Profilierungsdebatte. Verkürzt - und deswegen leider nicht ganz richtig - könnte man sagen: Qualität statt Quote.
Tatsächlich geht es darum, unser Profil herauszustellen und zu schärfen. In den letzten Jahren gab es eine Tendenz, den Norden sehr stark landsmannschaftlich zu definieren. Wenn man sich aber umhört, wird man feststellen, daß es schon die Leute in Oldenburg nicht interessiert, was in Braunschweig passiert, und die in Stade nicht, was in Göttingen los ist. Ein schärferes Profil kann man nur durch einen unabhängigen, überzeugenden Journalismus hinkriegen.
Ihr einstiger Mitarbeiter Jürgen Bertram formuliert in seinem Buch "Mattscheibe" massive Vorwürfe gegen das NDR-Programm. Haben Sie es gelesen?
Ja. Ich halte es nicht für gut recherchiert, es verallgemeinert, hat zufällige Beispiele. Aber es trifft eine Grundstimmung, die sagt: Ihr seid zu beliebig, schielt zu sehr nach der Quote. Ich finde das manchmal etwas opportunistisch, denn vieles, was wir anbieten, wird dabei einfach ausgeblendet: 3sat, Arte, die Dritten. Und die Behauptung, daß man Arte oder 3sat nicht fände, ist aberwitzig: Wann immer wir dort Laurel and Hardy im Original senden, gehen die Quoten blitzartig nach oben. Auch in den Hauptprogrammen gibt es Gegenbeweise, denken sie an "mare TV", an "Zapp" im NDR-Fernsehen. Dennoch hat Jürgen Bertram, wenn auch, wie ich finde, inadäquat, etwas ausgedrückt, das real als Problem besteht. Deshalb hätte ich mir gewünscht, daß man in unserem Programm etwas unbefangener mit dieser Kritik umgeht.
Es geht das Gerücht, Sie hätten als bekennender Frankophiler bei der Fußball-WM vorzeitig die französische Fahne gehißt.
Ich muß gestehen, daß ich immer schon ein Flaggen-Fan war. Früher durfte man das ja gar nicht zugeben, aber ich habe einen Mast vor dem Haus, da weht immer irgendwas, sei es die Flagge von Sylt oder die von Languedoc-Roussillon. Da habe ich dann auch mal Paarungen wehen lassen, also die Trikolore neben Schwarz-Rot-Gold. Aber ich war immer für Deutschland!