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Joan Rivers : „Wer den Witz nicht versteht, ist eben ein Idiot“

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In ihrer TV-Show „Fashion Police“ machte sich Joan Rivers über schlecht gekleidete Prominente lustig Bild: AP

Die amerikanische Komikerin Joan Rivers ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Sie war berühmt für zahllose kosmetische Operationen und ätzende Witze. Sogar beim Thema Alzheimer hatte sie eine Pointe parat.

          Nach dem Tod von Joan Rivers am Mittwoch betrauert Amerika den Verlust einer seiner drastischsten komödiantischen Legenden. Die New Yorkerin, geboren 1933 als Joan Alexandra Molinsky, war neben ihrem unverblümten Mundwerk als wandelnde Verkörperung des amerikanischen Jugend- und Schönheitswahns berühmt. Seit 1965, als sie sich im Alter von 32 Jahren die Augenlider liften ließ, unterzog sie sich zahllosen kosmetischen Operationen; als wir uns 2011 zu einem Gespräch in Los Angeles gegenüber saßen, war ihr Gesicht zu der bewegungslosen Maske einer Mittdreißigern gestrafft und gepolstert. Dass Joan Rivers in der vergangenen Woche im Alter von 81 Jahren ausgerechnet bei einem chirurgischen Eingriff  – sie hatte sich an den Stimmbändern operieren lassen – einen Atemstillstand erlitt, wäre der Tochter russischer Immigranten zweifellos einen derben Witz wert gewesen. Heilig war ihr zeitlebens kaum etwas. Nur Kinder und Zivilisten, sagte sie in unserem Gespräch 2011, seien tabu. Alle anderen beschied sie burschikos: „Ach, werdet erwachsen!“

          Als Charlton Heston eröffnete, das er an Alzheimer litt, sagte Rivers: „Überraschung! Er trägt ja seine Perücke schon seit neunzehn Jahren seitwärts!“ Über Queen Elizabeth spottete sie: „Garderobe von Helen Keller“ (in Referenz an die berühmte Taubblinde). Sogar dem Suizid ihres zweiten Ehemannes Edgar Rosenberg, der sich 1987 in einem Hotelzimmer in Philadelphia das Leben nahm, gewann sie einen Lacher ab. „Nachdem sich Edgar das Leben genommen hatte, ging ich mit unserer Tochter essen. Ich guckte auf die Karte und sagte: Wenn Daddy hier wäre und diese Preise sehen könnte, würde er sich gleich nochmal umbringen wollen.“

          Streit mit Johnny Carson

          Joan Rivers wuchs in Brooklyn auf und studierte Englische Literatur, bevor sie als Schauspielerin, Autorin und Stand-Up-Komödiantin im Showbusiness Fuß fasste. Neben damals noch nicht berühmten Kollegen wie Woody Allen und Billy Crystal trat sie in den Clubs vom Greenwich Village auf und begann Mitte der Sechziger Jahre, für Carsons „Tonight Show“ zu schreiben und die Sendung in Carsons Abwesenheit zu moderieren. Bald veröffentlichte sie Comedy-Alben und Bücher, trat in zahllosen Shows auf und bekam 1986 mit  der „Late Show Starring Joan Rivers“ als erste Frau eine eigene Talkshow im amerikanischen Fernsehen. Freilich stieß sie damit ihren Mentor Johnny Carson grob vor den Kopf, der von Rivers' neuer Sendung – zeitgleich mit seiner im Programm – durch Dritte erfuhr. Carson sprach nie wieder ein Wort mit ihr und verbannte sie aus seiner Show.

          Als Rivers' Sender im folgenden Jahr ihren Ehemann und Produzenten Edgar Rosenberg wegen sinkender Quoten feuern wollte und Rivers protestierte, war auch sie ihren Job los. Die Karriere von Joan Rivers, die Rosenbergs Suizid wenige Monate später auf diese „Erniedrigung“ zurückführte, machte einen scharfen Knick, die Beziehung zu ihrer einzigen Tochter Melissa kühlte ab. Rivers litt sehr unter Rosenbergs Tod, sie erkrankte an Bulimie und erwog sogar selbst Suizid, bevor sie sich einige Jahre später als Entertainerin neu erfand. Einem Buch über die Aussöhnung mit ihrer Tochter 1994 folgte die Emmy-gekrönte „Joan Rivers Show“ sowie verschiedene Realityshows, in denen sie mit ihrer Tochter  Melissa im Team auftrat, darunter seit 2010 „Fashion Police“, in der sich Rivers mit Kollegen über Mode-Faux Pas auf dem roten Teppich echauffiert.

          Starb im Alter von 81 Jahren: Joan Rivers

          Freilich mag Joan Rivers' ätzende Komik und ihre Besessenheit mit kosmetischen Korrekturen nicht zuletzt eine Schutzreaktion gewesen sein. Als Jugendliche fand sie sich fett und hässlich, sie sprach offen über ihre eigene Unsicherheit, über Selbsthass und die Furcht vor den Spuren des Alterns. Aber es gelang ihr, aus diesen Ängsten komödiantisches Kapital zu schlagen. Über ihre Hollywood-Kollegen sagte sie in unserem Gespräch: „Sie lügen doch alle! Niemand hat etwas machen lassen – pfft! Jeder denkt, man muss eine natürliche Schönheit sein. Im Ernst? Angelina Jolie: Üsch habe nüschts in meinen Lüppen! Lächerlich!“ Ihre komischen Gemeinheiten waren immer auch ein bisschen Selbstkritik. „Ich sage das alles mit einem Lachen“, erklärte Joan Rivers 2011. „Wer den Witz nicht versteht – naja, der ist eben ein Idiot!“

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