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Veröffentlicht: 11.10.2012, 06:58 Uhr

Jimmy Savile Der Kinderschänder

Der Brite Jimmy Savile war in seinem Heimatland eine Ikone. „Top of the Pops“ machte er und Kindershows der BBC. Vor einem Jahr starb er. Jetzt kommt heraus, dass Savile sich an Mädchen verging.

© dapd Jimmy Savile, 2008

Selten ist ein Prominenter von einem derart hohen Sockel gestürzt: Vor einem knappen Jahr hat Britannien um einen Publikumsliebling getrauert. Prinz Charles und die Herzogin von Cambridge erklärten ihre Betroffenheit über die Nachricht vom Tode Jimmy Saviles. Einige Jahre zuvor hatte der Thronfolger dem skurrilen BBC-Moderator eine Weihnachtskarte an „Jimmy“ geschickt, „mit herzlichen Grüßen von Charles“. Tausende von Menschen säumten die Straßen des nordenglischen Scarborough, als der Leichenzug mit dem goldenen Sarg durch die Straßen fuhr.

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Vor weniger als drei Wochen wurde ein aufwendiger Grabstein in dem Friedhof enthüllt, wo Savile an einem Hügel bestattet worden war, mit Blick aufs Meer. In den schwarzen Granit stand der Spruch gemeißelt und in Goldfarbe ausgelegt: „Es war gut, solange es anhielt.“ Die Worte - ein Zitat von Savile - wirken mit Blick auf die grauenerregenden Vorwürfe, die in den letzten Tagen seit der Ausstrahlung einer Fernsehuntersuchung ans Licht gekommen sind, mehr als pikant. Der für seine insbesondere an Kinder gerichteten Wohltaten bekannte Star mit dem langen, strohblond gefärbten Haar, dem protzigen Goldschmuck, dem schimmernden Jogginganzug und der dicken Zigarre zwischen den Zähnen soll minderjährige Mädchen systematisch missbraucht haben.

Ein Vergehen von „nationalem Ausmaß“

Jahrzehntelang moderierte Savile im Fernsehen die populäre Schlagersendung „Top of the Pops“ und wurde mit seiner eigenen Show „Jim’ll Fix it“ (Jim arrangiert es), in der er Träume von Kindern erfüllte, zu einer nationalen Institution. Aufgrund seiner Beliebtheit wurde er in den siebziger und achtziger Jahren mit dem Spruch „Clunk, click every trip“ als das Gesicht der Werbung für Sitzgurte eingespannt. Die Spenden, die er für Krankenhäuser und zu wohltätigen Zwecken beschaffte, sollen sich auf vierzig Millionen Pfund belaufen. Savile, der „einfache Kerl aus den Hintergassen von Leeds“, der im Zweiten Weltkrieg als Bergarbeiter schuftete, wurde 1990 für seine gemeinnützigen Dienste zum Ritter gekürt und im selben Jahr auch mit dem vom Papst verliehenen Ritterorden des heiligen Gregor des Großen geehrt.

Jetzt hat der Leiter der Polizeieinheit für besondere Straftaten erklärt, es sei eindeutig, dass Savile ein „beutehungriger Sexualstraftäter“ mit einer Vorliebe für junge Mädchen gewesen sei, der vier Jahrzehnte lang Vergehen von „nationalem Ausmaß“ begangen habe. Zehn Beamte sind mit dem Fall befasst. Sie gehen hundertzwanzig einzelnen Ermittlungsansätzen im Zusammenhang mit bis zu fünfundzwanzig „tapferen“ Frauen nach, die bislang gegen Savile ausgesagt haben. In der Nacht zum Mittwoch hat Saviles Familie „aus Respekt für die Öffentlichkeit“ die Entfernung des Grabsteins veranlasst. Die Elogen sollen abgeschliffen, der Granit zerbrochen und zur Geländeauffüllung verwendet werden. Jimmy Saviles ungeschütztes, namenloses Grab ist ein Sinnbild für die Entlarvung eines Schaustellers, dem es zeitlebens gelang, sich als Gutmensch in Szene zu setzen.

Viele sollen davon gewusst haben

Das Erstaunliche an diesen Enthüllungen ist, dass sie erst jetzt zutage kommen, obwohl über Saviles sexuelle Missetaten schon seit Jahren gemunkelt wurde und viele, die mit ihm zu tun hatten, nun offenbaren, sie hätten schon immer gewusst, dass er sich an Teenagern vergriffen habe. Der „Daily Telegraph“ schrieb in seinem Nachruf auf Savile: „Gerüchte über Sex mit Minderjährigen waren einige Jahre lang im Umlauf, obwohl die Tatsache, dass keine Vorwürfe wegen Unziemlichkeit jemals gedruckt wurden, Saviles eigenes Beharren zu bestätigen schienen, dass er keine ‚Vergangenheit, kein Nichts‘ gehabt habe.“

Der BBC wird nun, unter anderem freilich von den sonst so enthüllungsfreudigen Boulevardzeitungen, die nicht über Saviles Privatleben berichtet haben, vorgeworfen, das Benehmen stillschweigend geduldet und den Ruf ihres Moderators auch postum geschützt zu haben, um das Ansehen der Institution nicht in Mitleidenschaft zu ziehen. Im vergangenen Jahr wurde eine für die Fernsehsendung „Newsnight“ gedrehte Untersuchung der Vorwürfe gegen Savile aus „redaktionellen Gründen“ nicht gesendet. Stattdessen strahlte der Sender zu Weihnachten mehrere würdigende Beiträge über den Moderator aus.

Im Nachhinein finden sich etliche Indizien

Einige Mitarbeiter stehen sogar im Verdacht der Beihilfe. Behauptungen, dass der wegen Pädophilie verurteilte Rockmusiker Gary Glitter gemeinsam mit Savile in dessen Ankleidezimmer bei der BBC junge Mädchen missbraucht haben soll, werden von der Polizei untersucht. Der gerade in die Verlagsspitze der „New York Times“ gewechselte einstige BBC-Generaldirektor Mark Thompson will nichts von den Vorwürfen gewusst haben. Sein Nachfolger George Entwistle gestand in einem Rundfunkinterview mit seinem eigenen Sender zwar, über die „Newsnight“-Recherche unterrichtet gewesen zu sein, den Inhalt aber nicht erfragt zu haben. Die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt will eine eigene interne Untersuchung veranlassen, aber erst nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen.

Im Nachhinein finden sich etliche Indizien, welche die Vorwürfe der misshandelten Mädchen belegen. In einem Fernsehinterview bekannte Savile beispielsweise, er behaupte bloß, er hasse Kinder, um sensationslüsterne Boulevardzeitungen „von der Spur abzubringen“. Als Saviles Grabstein gelegt wurde, meinte sein Neffe, die Stätte werde eine Touristenattraktion werden. Er nehme an, dass es bald einen Stand dort geben werde, der „Jim’ll Fix it“-Plaketten verkaufe. Stattdessen wird der Name jetzt schleunigst von allen öffentlichen Plätzen getilgt.

Quelle: F.A.Z.

 

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