Home
http://www.faz.net/-gsb-77krs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Sachbücher des Jahres

„Jenke-Experiment“ bei RTL Vom Saufen ohne Einsicht

Lernt der Reporter Jenke von Wilmsdorff etwas über Alkoholismus, wenn er sich vier Wochen lang betrinkt? Mag sein. Der Zuschauer lernt vor allem etwas über Selbstdarsteller. Eine Nachbetrachtung.

© RTL Vergrößern Die Flasche fest im Griff: Jenke von Wilmsdorff mimt den Säufer

Vor drei Jahren hat er sich vor laufender Kamera fett gefressen, jetzt säuft er sich zum Alkoholiker, jedenfalls fast, und das alles vermeintlich im Dienste der Aufklärung. Jenke von Wilmsdorff ist zurück, mit einem neuen „Jenke-Experiment“ bei RTL. Dass ein fieser Selbstversuch jede investigative Reportage anschaulicher macht, hat der Sender sich bei Morgan Spurlocks Fast-Food-Dokumentation „Super Size Me“ von 2004 abgeschaut. Schon als „Extra“-Reporter hat von Wilmsdorff den Schädel hingehalten: ob in seltsamen Berufen, als alleinerziehende Mutter oder auf einem Schiff mit nordafrikanischen Flüchtlingen auf dem Weg nach Lampedusa - eine Reportage, die ihm immerhin eine Nominierung für den Emmy einbrachte.

Ursula Scheer Folgen:  

Nun also „Alkohol“ - vier Wochen Jenke im Suff. Im Fernsehen machte das eine Dreiviertelstunde am vergangenen Montagabend bei RTL. Er wolle herausfinden, ob und wie exzessiver Alkoholkonsum seine Gesundheit beeinträchtige, erläutert der Reporter zu Beginn den empirischen Ansatz seines Experiments und verzieht das zerknautschte, stoppelige Gesicht zu seinem treuherzigen Lächeln. Dann legt er los. Von Wilmsdorff wird 47 Jahre alt, und alle seine Facebook-Freunde und die Fernsehzuschauer dürfen dabei sein, wenn er sich in einer Transvestitenbar auf der Reeperbahn an den Rand des Komas säuft, halb entblößt auf der Bühne herumflippt und umkippt. Die Drag-Queen Olivia Jones darf zwischendurch erzählen, dass ihr Vater am Alkohol zugrunde gegangen sei, Jenke nippt dazu am Drink und sagt: „O Gott.“

Peinlichkeit ist Programm

„Peinlich zu sein war nicht unbedingt das, was ich mir unter einer gelungenen Geburtstagsfeier vorgestellt habe“, wird er später aus dem Off sprechen, wenn man ihn am Morgen danach im Hotelbett liegen sieht - und spätestens jetzt muss der Zuschauer begreifen: Das ist alles eine große Lüge. Denn dass sich einer unterhaltsam zum Affen macht, ist das Konzept der Sendung, nicht die maximale Einfühlung in die Probleme suchtkranker Menschen.

Jenke von Wilmsdorff lässt sich zuschauen, wie er Frühstücksflocken mit Rotwein aus dem Getränkekarton anrührt, wie er mit Whiskey in die Badewanne steigt - und sich angeschickert einen Journalistenpreis abholt. Das ist eitel, und eitel sind auch Sätze wie: „Ein Alkoholproblem haben für mich nach wie vor die anderen.“ Denn genau so ist es. Er spielt den Suchtkranken ja nur, wenn auch mit den Methoden des method acting.

Um Erkenntnis geht es nicht

Darüber, dass es nicht wirklich um Erkenntnisgewinn geht, können auch die eingespielten Informationssequenzen nicht hinwegtäuschen. Zahlen und Fakten zur „Volksdroge Nummer eins“ und eine schicke kleine Animation über die Nervenzellen im Hippocampus wirken wie Alibis in einer grellen Selbstdarstellungsshow. Und was der Reporter an neuen Einsichten aus der Erfahrung am eigenen Leib gewinnt, erschöpft sich in Platitüden wie: „Alkohol ist echt eine heimtückische Droge.“

Das könnte man alles verschmerzen, würde sich der inzwischen schon am Morgen mit 0,75 Promille betankte Journalist nicht auch noch zu Betroffenen aufmachen - und wären unter ihnen keine Kinder. Die Gesichter der Mädchen aus einem Mutter-Kind-Heim für suchtkranke Frauen, die angeblich etwas über ihr Schicksal erzählen „wollen“, wurden wenigstens unkenntlich gemacht. Ausgerechnet zwei Kinder im Grundschulalter aber, die an geistigen und körperlichen Behinderungen leiden, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft getrunken haben, werden ungeschützt vorgeführt. Ihre Geschichten hätten auch gewirkt, hätte man ihre Gesichter nicht gesehen.

Endpunkt und kein Ende

Das Experiment endet, als sich beim Reporter auf Selbsterfahrungstrip eine Geschwulst im Enddarm bildet. Eine Folge des wochenlangen Alkoholmissbrauchs, sagt sein Arzt und konstatiert: „Jetzt ist ein Endpunkt erreicht.“ Das finden wir auch. Doch drei weitere „Jenke-Experimente“ sollen folgen.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
The New Republic Und plötzlich ist der Chef allein zu Haus

Die Zeitschrift The New Republic ist eine Institution des liberalen Amerika. Vor zwei Jahren hat sie der Facebook-Mitgründer Chris Hughes gekauft. Er kündigte Großtaten an. Doch nun kündigt fast die ganze Redaktion. Mehr Von Patrick Bahners, New York

11.12.2014, 12:06 Uhr | Feuilleton
Der Schweizer Reporter Kurt Pelda zur Situation in Kobane

Auf dem Radiosender HR-Info führte der Reporter Dirk Wagner ein Interview mit dem Schweizer Kurt Pelda, der sich in Kobane befindet. Seinen Aussagen zufolge hat sich die Lage beruhigt. Mehr

29.09.2014, 13:03 Uhr | Politik
Ägypten Der größte Sündenpfuhl für Gruppenperversion

Unlängst stürmten Polizisten einen Hamam in Kairo. Es ist nur der jüngste Schritt einer Kampagne, die sich gegen die kleine Homosexuellen-Szene des Landes richtet. Die Sisi-Regierung wolle islamischer als die Islamisten erscheinen, meinen Kritiker. Mehr Von Markus Bickel, Kairo

13.12.2014, 15:04 Uhr | Gesellschaft
Los Angeles Skateboard fliegt Reporter an den Kopf

Eigentlich wollte Mike Armor nur einen Aufsager drehen, doch diesen Drehtag wird der Reporter wohl nicht so schnell vergessen. Mehr

21.11.2014, 11:35 Uhr | Gesellschaft
Facebooks digitaler Assistent Du bist im Begriff, etwas Dummes zu tun

Die Sorglosigkeit, mit der private Dinge in den Sozialen Netzen preisgegeben werden, ist unheimlich. Nicht minder unheimlich ist die Vorstellung einer Maschine, die das gezielt verhindern soll. Ein Facebook-Forscher hat sie befeuert. Mehr Von Fridtjof Küchemann

11.12.2014, 17:03 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.03.2013, 18:20 Uhr

German, please

Von Michael Hanfeld

Wird die Deutsche Welle bald ausschließlich auf Englisch senden? Alle schütteln den Kopf. Peter Limbourg gibt genügend Grund für viele Fragen - aber auch für eine Antwort: Die Deutsche Welle spricht die Sprache des Geldes. Mehr 3