http://www.faz.net/-gqz-77krs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 12.03.2013, 18:20 Uhr

„Jenke-Experiment“ bei RTL Vom Saufen ohne Einsicht

Lernt der Reporter Jenke von Wilmsdorff etwas über Alkoholismus, wenn er sich vier Wochen lang betrinkt? Mag sein. Der Zuschauer lernt vor allem etwas über Selbstdarsteller. Eine Nachbetrachtung.

von
© RTL Die Flasche fest im Griff: Jenke von Wilmsdorff mimt den Säufer

Vor drei Jahren hat er sich vor laufender Kamera fett gefressen, jetzt säuft er sich zum Alkoholiker, jedenfalls fast, und das alles vermeintlich im Dienste der Aufklärung. Jenke von Wilmsdorff ist zurück, mit einem neuen „Jenke-Experiment“ bei RTL. Dass ein fieser Selbstversuch jede investigative Reportage anschaulicher macht, hat der Sender sich bei Morgan Spurlocks Fast-Food-Dokumentation „Super Size Me“ von 2004 abgeschaut. Schon als „Extra“-Reporter hat von Wilmsdorff den Schädel hingehalten: ob in seltsamen Berufen, als alleinerziehende Mutter oder auf einem Schiff mit nordafrikanischen Flüchtlingen auf dem Weg nach Lampedusa - eine Reportage, die ihm immerhin eine Nominierung für den Emmy einbrachte.

Ursula Scheer Folgen:

Nun also „Alkohol“ - vier Wochen Jenke im Suff. Im Fernsehen machte das eine Dreiviertelstunde am vergangenen Montagabend bei RTL. Er wolle herausfinden, ob und wie exzessiver Alkoholkonsum seine Gesundheit beeinträchtige, erläutert der Reporter zu Beginn den empirischen Ansatz seines Experiments und verzieht das zerknautschte, stoppelige Gesicht zu seinem treuherzigen Lächeln. Dann legt er los. Von Wilmsdorff wird 47 Jahre alt, und alle seine Facebook-Freunde und die Fernsehzuschauer dürfen dabei sein, wenn er sich in einer Transvestitenbar auf der Reeperbahn an den Rand des Komas säuft, halb entblößt auf der Bühne herumflippt und umkippt. Die Drag-Queen Olivia Jones darf zwischendurch erzählen, dass ihr Vater am Alkohol zugrunde gegangen sei, Jenke nippt dazu am Drink und sagt: „O Gott.“

Peinlichkeit ist Programm

„Peinlich zu sein war nicht unbedingt das, was ich mir unter einer gelungenen Geburtstagsfeier vorgestellt habe“, wird er später aus dem Off sprechen, wenn man ihn am Morgen danach im Hotelbett liegen sieht - und spätestens jetzt muss der Zuschauer begreifen: Das ist alles eine große Lüge. Denn dass sich einer unterhaltsam zum Affen macht, ist das Konzept der Sendung, nicht die maximale Einfühlung in die Probleme suchtkranker Menschen.

Jenke von Wilmsdorff lässt sich zuschauen, wie er Frühstücksflocken mit Rotwein aus dem Getränkekarton anrührt, wie er mit Whiskey in die Badewanne steigt - und sich angeschickert einen Journalistenpreis abholt. Das ist eitel, und eitel sind auch Sätze wie: „Ein Alkoholproblem haben für mich nach wie vor die anderen.“ Denn genau so ist es. Er spielt den Suchtkranken ja nur, wenn auch mit den Methoden des method acting.

Um Erkenntnis geht es nicht

Darüber, dass es nicht wirklich um Erkenntnisgewinn geht, können auch die eingespielten Informationssequenzen nicht hinwegtäuschen. Zahlen und Fakten zur „Volksdroge Nummer eins“ und eine schicke kleine Animation über die Nervenzellen im Hippocampus wirken wie Alibis in einer grellen Selbstdarstellungsshow. Und was der Reporter an neuen Einsichten aus der Erfahrung am eigenen Leib gewinnt, erschöpft sich in Platitüden wie: „Alkohol ist echt eine heimtückische Droge.“

Das könnte man alles verschmerzen, würde sich der inzwischen schon am Morgen mit 0,75 Promille betankte Journalist nicht auch noch zu Betroffenen aufmachen - und wären unter ihnen keine Kinder. Die Gesichter der Mädchen aus einem Mutter-Kind-Heim für suchtkranke Frauen, die angeblich etwas über ihr Schicksal erzählen „wollen“, wurden wenigstens unkenntlich gemacht. Ausgerechnet zwei Kinder im Grundschulalter aber, die an geistigen und körperlichen Behinderungen leiden, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft getrunken haben, werden ungeschützt vorgeführt. Ihre Geschichten hätten auch gewirkt, hätte man ihre Gesichter nicht gesehen.

Endpunkt und kein Ende

Das Experiment endet, als sich beim Reporter auf Selbsterfahrungstrip eine Geschwulst im Enddarm bildet. Eine Folge des wochenlangen Alkoholmissbrauchs, sagt sein Arzt und konstatiert: „Jetzt ist ein Endpunkt erreicht.“ Das finden wir auch. Doch drei weitere „Jenke-Experimente“ sollen folgen.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Russland im Verdacht FBI untersucht Hackerangriff auf New York Times

Die New York Times ist offenbar Ziel von Hackern geworden. Hinter dem Angriff auf das Büro der amerikanischen Zeitung in Moskau werden russische Hacker vermutet. Nun ermittelt das FBI. Mehr

24.08.2016, 10:01 Uhr | Politik
Drinks ohne Alkohol Gewürze geben Drinks eine besondere Note

Von A wie Avocado bis Z wie Zuckerwatte: Autorin Christina Kempe teilt Rezepte für nicht-alkoholische coole Getränke – Dekotipps inklusive. Mehr Von Nina Raddy

23.08.2016, 18:03 Uhr | Stil
Nigeria Luftwaffe meldet Tötung von Boko-Haram-Anführern

Bei einem Großeinsatz will die nigerianische Armee eigenen Angaben zufolge rund 300 mutmaßliche Terroristen getötet haben. Auch Boko-Haram-Anführer Shekau sei schwer verletzt, heißt es. Mehr

23.08.2016, 12:20 Uhr | Politik
Tüftler aus Italien Selbstgebaute Sportwagen von Filandi

Moreno Filandi träumte von einem schicken Sportwagen. Genug Geld dafür hatte er allerdings nicht. Deswegen baut der italienische Automechaniker sich in seiner Freizeit einfach seine eigenen Sportwagen: Zum Beispiel den Filandi Uragano, ein Supersportwagen mit 600 PS und 340 km/h Spitzengeschwindigkeit. Mehr

26.08.2016, 17:50 Uhr | Technik-Motor
Olympia im Fernsehen Waren das die schlechtesten Spiele, die wir je hatten?

Glaubt man der Bilanz von ARD und ZDF, waren die Olympischen Spiele in Rio phantastisch. Das klingt so, als wollten sie 2020 in Tokio unbedingt wieder dabei sein. Doch das dürfte teuer werden. Mehr Von Frank Lübberding

22.08.2016, 10:51 Uhr | Feuilleton
Glosse

Gepfeffert

Von Michael Hanfeld

Die „Chicago Tribune“ meint, sie habe die geheimen Zutaten gefunden, mit denen Kentucky Fried Chicken Hähnchen bestreicht. Der Frittier-Konzern winkt ab. Wir kennen übrigens das Geheimrezept von Coca Cola. Mehr 1 1