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„Jenke-Experiment“ bei RTL Vom Saufen ohne Einsicht

 ·  Lernt der Reporter Jenke von Wilmsdorff etwas über Alkoholismus, wenn er sich vier Wochen lang betrinkt? Mag sein. Der Zuschauer lernt vor allem etwas über Selbstdarsteller. Eine Nachbetrachtung.

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© RTL Vergrößern Die Flasche fest im Griff: Jenke von Wilmsdorff mimt den Säufer

Vor drei Jahren hat er sich vor laufender Kamera fett gefressen, jetzt säuft er sich zum Alkoholiker, jedenfalls fast, und das alles vermeintlich im Dienste der Aufklärung. Jenke von Wilmsdorff ist zurück, mit einem neuen „Jenke-Experiment“ bei RTL. Dass ein fieser Selbstversuch jede investigative Reportage anschaulicher macht, hat der Sender sich bei Morgan Spurlocks Fast-Food-Dokumentation „Super Size Me“ von 2004 abgeschaut. Schon als „Extra“-Reporter hat von Wilmsdorff den Schädel hingehalten: ob in seltsamen Berufen, als alleinerziehende Mutter oder auf einem Schiff mit nordafrikanischen Flüchtlingen auf dem Weg nach Lampedusa - eine Reportage, die ihm immerhin eine Nominierung für den Emmy einbrachte.

Nun also „Alkohol“ - vier Wochen Jenke im Suff. Im Fernsehen machte das eine Dreiviertelstunde am vergangenen Montagabend bei RTL. Er wolle herausfinden, ob und wie exzessiver Alkoholkonsum seine Gesundheit beeinträchtige, erläutert der Reporter zu Beginn den empirischen Ansatz seines Experiments und verzieht das zerknautschte, stoppelige Gesicht zu seinem treuherzigen Lächeln. Dann legt er los. Von Wilmsdorff wird 47 Jahre alt, und alle seine Facebook-Freunde und die Fernsehzuschauer dürfen dabei sein, wenn er sich in einer Transvestitenbar auf der Reeperbahn an den Rand des Komas säuft, halb entblößt auf der Bühne herumflippt und umkippt. Die Drag-Queen Olivia Jones darf zwischendurch erzählen, dass ihr Vater am Alkohol zugrunde gegangen sei, Jenke nippt dazu am Drink und sagt: „O Gott.“

Peinlichkeit ist Programm

„Peinlich zu sein war nicht unbedingt das, was ich mir unter einer gelungenen Geburtstagsfeier vorgestellt habe“, wird er später aus dem Off sprechen, wenn man ihn am Morgen danach im Hotelbett liegen sieht - und spätestens jetzt muss der Zuschauer begreifen: Das ist alles eine große Lüge. Denn dass sich einer unterhaltsam zum Affen macht, ist das Konzept der Sendung, nicht die maximale Einfühlung in die Probleme suchtkranker Menschen.

Jenke von Wilmsdorff lässt sich zuschauen, wie er Frühstücksflocken mit Rotwein aus dem Getränkekarton anrührt, wie er mit Whiskey in die Badewanne steigt - und sich angeschickert einen Journalistenpreis abholt. Das ist eitel, und eitel sind auch Sätze wie: „Ein Alkoholproblem haben für mich nach wie vor die anderen.“ Denn genau so ist es. Er spielt den Suchtkranken ja nur, wenn auch mit den Methoden des method acting.

Um Erkenntnis geht es nicht

Darüber, dass es nicht wirklich um Erkenntnisgewinn geht, können auch die eingespielten Informationssequenzen nicht hinwegtäuschen. Zahlen und Fakten zur „Volksdroge Nummer eins“ und eine schicke kleine Animation über die Nervenzellen im Hippocampus wirken wie Alibis in einer grellen Selbstdarstellungsshow. Und was der Reporter an neuen Einsichten aus der Erfahrung am eigenen Leib gewinnt, erschöpft sich in Platitüden wie: „Alkohol ist echt eine heimtückische Droge.“

Das könnte man alles verschmerzen, würde sich der inzwischen schon am Morgen mit 0,75 Promille betankte Journalist nicht auch noch zu Betroffenen aufmachen - und wären unter ihnen keine Kinder. Die Gesichter der Mädchen aus einem Mutter-Kind-Heim für suchtkranke Frauen, die angeblich etwas über ihr Schicksal erzählen „wollen“, wurden wenigstens unkenntlich gemacht. Ausgerechnet zwei Kinder im Grundschulalter aber, die an geistigen und körperlichen Behinderungen leiden, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft getrunken haben, werden ungeschützt vorgeführt. Ihre Geschichten hätten auch gewirkt, hätte man ihre Gesichter nicht gesehen.

Endpunkt und kein Ende

Das Experiment endet, als sich beim Reporter auf Selbsterfahrungstrip eine Geschwulst im Enddarm bildet. Eine Folge des wochenlangen Alkoholmissbrauchs, sagt sein Arzt und konstatiert: „Jetzt ist ein Endpunkt erreicht.“ Das finden wir auch. Doch drei weitere „Jenke-Experimente“ sollen folgen.

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