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Jauchs Absage Der Moderator, der in die Kälte kam

12.01.2007 ·  Der Vertrag zwischen der ARD und Günther Jauch über die Christiansen-Nachfolge war unterschriftsreif, da kamen Indiskretionen und Nachforderungen auf. Jauchs Rückzug ist eine kluge Entscheidung - für die ARD ist es ein Waterloo.

Von Michael Hanfeld
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Ein größere Pleite für die ARD ist gar nicht denkbar: Am Donnerstag hat Günther Jauch dem Senderverbund einen Korb gegeben. Eigentlich sollte er im September die Talkshow von Sabine Christiansen übernehmen. Der Vertrag war schon seit November des vergangenen Jahres bis zum letzten Punkt ausgehandelt. Die Intendanten haben ihn zustimmend zur Kenntnis genommen. Es schien nur noch Formsache zu sein.

Doch dann kamen Indiskretionen und Nachforderungen, die dem Vertrag die Grundlage entzogen. Jauch sollte nicht nur nicht mehr werben, er sollte sich mit der ARD auf Gedeih und Verderb verbinden. Darauf aber wollte der Moderator, der für RTL mit „Wer wird Millionär?“ Abend für Abend Quote macht, nicht einlassen. Er hat die Notbremse gezogen, bevor ihn das Gezerre beschädigt. Das ist für ihn eine sehr kluge Entscheidung, für die ARD ist es ein Waterloo.

Die innere Verfassung der ARD

Denn es zeigt sich, dass die ARD nicht weiß, was sie will. Sie erscheint beinahe handlungsunfähig. Sie wollte ein „Zirkuspferd“, wie der NDR-Intendant Jobst Plog der F.A.Z. einmal sagte (siehe: NDR-Intendant Jobst Plog verrät, wie er Günther Jauch von RTL zur ARD geholt hat), aber den Preis für jemanden wie Jauch zu zahlen, war sie nicht bereit. Mit Finanzen hat das nichts zu tun - Jauchs Show sollte ähnlich wie Sabine Christiansens Sendung pro Jahr etwas weniger als zehn Millionen Euro kosten. Es geht vielmehr um die innere Verfassung der ARD und ihr Programm als solches.

Sabine Christiansen hat die politische Talkshow im Ersten - zuletzt durch die Ein- und Ausladung des russischen Regimekritikers Garri Kasparow (siehe: Wäre das nichts für „Christiansen“ gewesen?) - dermaßen ruiniert, dass die Frage gestellt werden musste, warum die ARD ein prägendes politisches Format an Christiansens eigene Produktionsfirma auslagert und ob sie auf eine solche Sendung überhaupt noch Einfluss hat. Es ist also kein Wunder, dass sich die Aufsichtsgremien der Sender zu Wort melden - allerdings fordern sie von Jauch eine Vereinbarung, wie sie Sabine Christiansen nie schließen musste. Jauch sollte die Konsequenzen der gesammelten Fehlleistungen von Christiansen tragen. Dass er sich dazu nicht bequemen will, kann man nur zu gut verstehen. Er hat es nicht nötig, sich dem auszusetzen, vor allem wenn man auf die Kakophonie von Medienpolitikern schaut, die sich zuhauf zu Wort melden und so tun, als ginge es ihnen um die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wo es sich in Wahrheit um nichts anderes dreht, als über die Gremien Einfluss zu nehmen, am besten parteipolitisch motivierten.

Sender ohne Profil

Hinzu kommt, dass der Programmdirektor des Ersten, Günter Struve, die ARD zwar im Quotenwettbewerb nach ganz vorn bringt, dabei aber das besondere Profil eines öffentlich-rechtlichen Programms ausradiert hat. Seine große Programmreform, die angeblich - auch - den Informationssendungen helfen sollte, hat gerade diesen geschadet, den politischen Magazinen und den Dokumentationen noch mehr. Statt dessen kann man im Ersten und in den Dritten inzwischen fast jeden Abend einen „Tatort“ oder andere Krimis sehen, Unterhaltung so weit das Auge reicht. Nehmen wir die Geheimverhandlungen mit Harald Schmidt hinzu, den Streit um die Werbeaktivitäten Reinhold Beckmanns, den anrüchigen Vertrag mit dem Radprofi Jan Ullrich und die Querelen um den geschassten, Stasi-belasteten Sportkoordinator Hagen Bossdorf, haben wir das Plateau, das die ARD Günther Jauch bereitete. Für ihn wäre es zur abschüssigen Bahn geworden, vielleicht eine in den Abgrund.

Und kaum ist die Sache vorbei, kaum hatte Jauch an die Herren Plog, Pleitgen, Struve und den NDR-Justiziar Werner Hahn seine Absage gemailt, ging die Statementparade los, bei der manche so tun, als sei nichts gewesen. „Ohne Jauch geht's auch“, verkündet der SWR-Intendant Peter Voss. „Vielleicht gibt es zu einem späteren Zeitpunkt eine Gelegenheit, doch noch zusammen zu kommen“, erklärt der ARD-Vorsitzende Fritz Raff, der sich zuvor ähnlich wie Voss geäußert hatte. Programmdirektor Struve sagt, er könne Jauchs Entschluss „jetzt leider nur akzeptieren“, die ARD-Unterhaltungschefin Verena Kulenkampff gibt kund, man hätte Jauch „den roten Teppich ausgerollt.“ (Siehe: Stimmen zu Jauchs Absage)

Verständliche Sorge

Deutlich aber wird der NDR-Intendant Plog. Er bedauere die Entwicklung außerordentlich, sagte Plog und beschrieb, wie es dazu kam: „Wir haben uns in den Vertragsverhandlungen mit ihm auf ein Ergebnis verständigt, dass den ursprünglichen Forderungen der ARD entsprach. Die Intendanten der ARD haben dieses Ergebnis einmütig akzeptiert. Der Vertragsschluss wurde durch eine Reihe von Indiskretionen und Nachforderungen aus einigen Landesrundfunkanstalten und deren Gremien gefährdet.“ Daher sei Jauchs Zurücktreten verständlich. „Ich bin zugleich in Sorge, ob es der ARD in Zukunft noch gelingen wird, einen Fernsehstar ähnlichen Formats für sich zu gewinnen.“

Die Sorge ist verständlich. Was Plog meint, sind vor allem Äußerungen aus dem Westdeutschen Rundfunk. Sowohl der noch amtierende Intendant Fritz Pleitgen als auch die designierte neue Intendantin Monika Piel hatten sich kritisch zum Stand des Jauch-Projekts geäußert. Intern hieß es längst, der WDR-Rundfunkrat werde den Vertrag mit Jauch nie akzeptieren. In einer gemeinsamen Stellungnahme hielten Pleitgen und Piel nun fest, sie bedauerten Jauchs Absage sehr, doch wäre es dem Publikum schwer zu vermitteln gewesen, wenn Jauch sonntags bei der ARD aufträte „und uns in der Woche bei RTL mit einem journalistischen Format als Konkurrent entgegentritt.“ Das hätte man auch vorher wissen können. Und das alles blieb Jauch, den wir als den bodenständigsten der deutschen Fernsehstars und nicht nur vordergründig sympathischen Moderator kennen gelernt haben, natürlich nicht verborgen. Ein herzliches Willkommen und die Basis für gedeihliche Zusammenarbeit sehen anders aus.

Das Hauen und Stechen beginnt

Und schon beginnt die Nachfolgedebatte. Aus der WDR-Programmdirektion werden Stimmen laut, die meinen, nun sei die Zeit für Frank Plasberg, den Moderator von „Hart, aber fair“ gekommen. Offiziell wird das verneint. Und Plasberg selbst sagte dieser Zeitung, auch er sei von der Meldung am Donnerstagmorgen überrascht worden. „Dann hat mich Günther Jauch angerufen und mir Glück gewünscht, wofür auch immer.“ Doch ob die Nachfolge von Sabine Christiansen nun auf ihn hinausläuft? „Wenn die ARD fragen würde, würden wir uns freuen und darüber nachdenken, wie wir eine solche Sendung gestalten“, sagt Plasberg: „Es hat aber noch niemand gefragt.“ Und er fügt als guter Sportsmann hinzu, er finde „es traurig, dass Günther Jauch die Sendung nicht macht, ich schätze ihn als Journalisten sehr.“ Die von Jauch als problematisch erachtete Zusammenarbeit mit den Chefredakteuren aber wäre für ihn „kein Problem.“ Ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Ein Problem freilich dürfte der NDR, der den „Christiansen“-Platz betreut, damit haben, den Weg für den WDR-Mann Plasberg freizugeben. Womit wir wieder beim Thema ARD wären. Freuen kann sich RTL, das ohne Jauch, der nun bleiben will, ziemlich verloren wäre. Am Mittwoch war er an seinem angestammten Platz bei „Stern TV“ ganz in seinem Element. Es ging um Pinguine, die CSU-Politikerin Gabriele Pauli war zu Gast und schließlich saßen Henry Maske und Sylvester Stallone bei ihm im Ring. Ihr freundschaftlicher Schlagabtausch in gegenseitiger Bewunderung mit einem gelösten Jauch in der Mitte war das Gegenprogramm zum Hauen und Stechen bei der ARD. Dort gehen sie jetzt in die nächste Runde, mit harten Bandagen, ohne Jauch.

Quelle: F.A.Z., 12.01.2007, Nr. 10 / Seite 36
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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