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Japans heldenhafte Lokaljournalisten Dann schrieben sie das Blatt von Hand

27.10.2011 ·  Die japanische Zeitung „Ishinomaki hibi shinbun“ ist im März durch den Tsunami zerstört worden. Sechs Tage lang zeichneten die Journalisten ihr Blatt mit dem Füller.

Von Carsten Germis, Ishinomaki
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Hiroyuki Takeuchi, Chefredakteur der Lokalzeitung in Ishinomaki, packte gerade seine Sachen zusammen, als die Erde plötzlich bebte. Es ist 14.46 Uhr am 11. März. Die Abendausgabe der „Ishinomaki hibi shinbun“ wird gerade angedruckt, als im kleinen Redaktionszimmer die Lampen von den Decken krachen. „Ich dachte, das Haus fällt zusammen“, sagt Takeuchi. Noch heute, mehr als sieben Monate nach dem verheerenden Erdbeben, sind die Spuren im Gebäude sichtbar.

Der Chefredakteur schickte seine Mitarbeiter am 11. März wegen des drohenden Tsunamis sofort auf die Evakuierungsplätze auf einem der nahen Hügel. Er und zwei andere Mitarbeiter blieben im zweiten Stock des Gebäudes. Hier haben die sechs Journalisten ihren Arbeitsplatz. Als auch Takeuchi sich auf den Weg machen wollte, war es zu spät. Der Tsunami war schon da. Die Straßen waren zum reißenden Strom geworden, Autos trieben vorbei, knietief wateten die Männer im Wasser. Einziger Ausweg: zurück in die Redaktion.

Plötzlich erzählte einer eine Geschichte

Dort funktionierte nichts mehr. Kein Strom, die im Keller gelegene Druckerei abgesoffen, die Telefonleitungen defekt. Als Takeuchi später bei Kerzenlicht mit Kollegen zusammensaß und überlegte, wie sie jetzt weitermachen sollten, erzählte einer plötzlich eine Geschichte. Vor dem Zweiten Weltkrieg habe die Militärregierung in Tokio das Erscheinen der Zeitung untersagt. Die Journalisten hätten die Nachrichten einfach handschriftlich notiert - und die Zettel in Ishinomaki verteilt. „Das ist es doch“, dachte sich Takeuchi. Ringsum war alles verwüstet, an normale Arbeit war nicht zu denken. Warum nicht losziehen, Informationen sammeln und die Zeitung später mit dem Tuschestift schreiben?

Die Arbeit war schnell verteilt. Sechs Reporter zogen los. „Reporter müssen ihre Füße benutzen“, sagt der 53 Jahre alte Chefredakteur, der seit dreißig Jahren bei der „Hibi shinbun“ arbeitet. Informationen aus der Außenwelt gab es in den ersten Tagen nach dem Tsunami nur über das Transistorradio. „Es war eine besonders schöne sternenklare Nacht“, erinnert sich Takeuchi. Die Akkus für das Radio hatte er an einer Autobatterie aufgeladen.

Drei Journalisten, die die schönste Handschrift haben, brachten die Texte zu Papier. Trockene Rollen mit Zeitungspapier gab es noch genug. „Japans größtes Erdbeben und ein Riesentsunami“, titelte die Zeitung in ihrer Ausgabe vom 12. März. Ein Exemplar dieser ersten Seite hängt heute etwas zerfleddert an einer Stellwand am Eingang zur Redaktion. Sechs Tage lang gehörten Schreibpinsel, Taschenlampen und gutes Schuhwerk zum wichtigsten Handwerkszeug der Journalisten.

Handschriftliche Auflage: sechs

Eine Auflage von 14 000 Exemplaren hatte die Zeitung vor dem Erdbeben. Nach dem 11. März gab es eine Woche lang eine handschriftliche Auflage von sechs Stück. 42 der großen Blätter schrieben die Journalisten täglich voll. „Die haben wir in den Notunterkünften und in einem Supermarkt ausgehängt“, erzählt Takeuchi. „Das Bedürfnis nach Information war groß“, sagt er. „Sie müssen sich das vorstellen: kein Telefon, kein Strom, kein Fernsehen, kein Internet. Es gab nur unsere handgeschriebene Zeitung.“ Weil Takeuchi und seine Redaktion sich in der Krise auf die journalistische Tugend besonnen haben, trotz aller Hindernisse verlässliche Informationen anzubieten, ist die „Hibi shinbun“ im September vom Internationalen Presseinstitut ausgezeichnet worden.

Der Verleger Koichi Omi zeigt in seinem Büro stolz die Urkunde. Das Presseinstitut selbst hat es mit der journalistischen Sorgfaltspflicht allerdings selbst nicht ganz so genau genommen. Beben und Tsunami fanden auf der Urkunde am 11. Mai statt. „Wir kriegen eine neue“, sagt Omi und lacht.

Auch wenn die Schäden an der Druckerei gering blieben und nach einer Woche wieder gedruckt werden konnte, sieht es düster aus um die Zukunft der Zeitung. „Dabei feiern wir im nächsten Jahr unser hundertjähriges Bestehen“, sagt Takeuchi. Die Auflage hat sich mit 7500 verkauften Exemplaren fast halbiert. Und weil statt täglich acht derzeit nur vier Seiten gedruckt werden können, kostet die Zeitung im Monatsabonnement statt 1780 Yen (16,90 Euro) auch nur noch 500 Yen. „Auf Dauer reicht das nicht“, sagt der Verleger.

Optimismus fällt nach wie vor schwer

Kaum eine Stadt im Nordosten Japans ist vom Tsunami so verheerend verwüstet worden wie Ishinomaki. Von den 160 000 Einwohnern haben Zehntausende ihre Wohnungen verloren, mehr als 5600 sind tot oder werden noch vermisst. Erst in dieser Woche sind die letzten provisorischen Auffanglager geschlossen worden. Zweihundert kleine Unternehmen sind auch sieben Monate nach der Katastrophe nicht arbeitsfähig, mehr als 20 000 Menschen haben ihre Arbeit verloren. Nicht nur die Zahl der Abonnenten hat sich fast halbiert, schlimmer noch: Es gibt nach dem Zusammenbruch der örtlichen Wirtschaft auch keine Anzeigenkunden mehr.

Dem Verleger Omi fällt es schwer, da noch Optimismus zu zeigen. „Es passiert nichts wirklich“, klagt er. „Wir essen, schlafen, arbeiten und versuchen zu vergessen“, fügt Takeuchi hinzu. Auf den ersten Wandzeitungen habe die Redaktion noch die Zahl der für tot Erklärten gemeldet. „Das haben wir dann gestoppt, so dramatisch wie die Zahlen stiegen“, sagt der Chefredakteur.

Große Hoffnung setzen Takeuchi und Omi jetzt auf ein Buch, in dem sie die Geschichte dieser sechs Tage schildern. „Wir müssen jede Chance nutzen, irgendwie Geld zu verdienen“, sagt der Chefredakteur. Auf Japanisch ist das Buch gerade erschienen, im November soll eine englische Übersetzung auf den Markt kommen. „Es ist eine große Herausforderung“, sagt Takeuchi trotzig. Aber die „Hibi shinbun“ habe eine 99 Jahre alte Geschichte. „Und wir werden auch die hundert noch feiern.“

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Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.

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