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James Gandolfini Die Narben auf der Seele des Paten

James Gandolfini spielte nicht nur den Mafia-Boss in den „Sopranos“, er verkörperte ihn mit jeder Faser. Jetzt ist er im Alter von 51 Jahren viel zu früh gestorben.

© AP Vergrößern James Gandofini 1961 - 2013

Es ist falsch, es ist traurig und ungerecht, dass James Gandolfini gestorben ist, viel zu früh, mit 51 Jahren; der Schlag habe ihn getroffen, in Rom, wo er ein paar Ferientage verbrachte, meldet der Sender HBO. Und zugleich scheint das, für alle jedenfalls, welche die „Sopranos“ gesehen haben, jene wegweisende Mafia-Serie, deren Hauptrolle Gandolfini spielte, ein letzter Moment der Ununterscheidbarkeit zwischen Rolle und Person zu sein: War Tony Soprano nicht erst neulich in Neapel? Und hat er das nicht nur knapp überlebt? Warum ist er nicht in New Jersey geblieben, wo er auch nicht sicher, aber immerhin zu Hause war?

Claudius Seidl Folgen:    

Man muss, um sich anschaulich zu machen, wie nahe dieser kluge und komplizierte Schauspieler James Gandolfini einem treuen Zuschauer der „Sopranos“ kam, vielleicht mal versuchen, die Erfahrung in ein anderes Medium zu übersetzen: 86 Folgen, jede davon um die fünfzig Minuten lang: Das ist, als hätte man dreißig bis vierzig Spielfilme mit Gandolfini gesehen; es ist, als hätte man einen Roman von viertausend Seiten gelesen. Wer die „Sopranos“ gesehen hat, weiß mehr von Tony Soprano als irgendein Balzac-Leser je über Lucien de Rubempré wird wissen können.

Mafia-Boss in einer Welt der Mafia-Filme

David Chase, der Schöpfer der Serie, hat, wie die „New York Times“ meldet, James Gandolfini „einen der größten Schauspieler dieser Zeit und aller anderen Zeiten“ genannt, und diese Größe, möchte man als Zuschauer hinzufügen, hat ihn aber nicht entrückt: Diese Größe offenbarte sich am besten, wenn man einander auf Augenhöhe begegnete. Aus dem Fernseher heraus schaute Gandolfini mit seinen intensiven Augen. Und davor saß der Fan, war fasziniert und voller Sympathie. Und es schauderte ihn, weil hinter diesen Augen ein Abgrund lag.

Tony Soprano, so fing das ganze Epos an, war der Mafia-Boss aus New Jersey, der, als unverhofft die Enten in seinem Swimmingpool nisteten, von der Melancholie ergriffen wurde, und als sie wegflogen, erlitt er eine Panikattacke, so heftig, dass er Hilfe bei einer Psychotherapeutin suchte. Und dass dieser Anfang, anders als der Film „Analyze this!“, nicht auf eine Komödie hinauslief; dass hier der amerikanische Mann, der Unternehmer, Familienvater, Liebhaber und Genussmensch ums geistige und körperliche Überleben kämpfte; dass von der ersten Folge an mindestens ebenso viele Leichen wie Pointen auf seinem Weg lagen: das war, anfangs, dem deutschen Publikum so fremd wie der Umstand, dass Tony Soprano ein Mafia-Boss war in einer Welt, in der es Mafia-Filme gibt. Wie soll denn so einer seinen Job tun, wenn seine Leute dauernd den „Paten“ nachspielen wollen, statt einfach die kriminelle Drecksarbeit zu erledigen?

Vernarbte Seele

James Gandolfini hatte, einerseits, sehr ernsthaft die Kunst des Schauspielens gelernt. Und andererseits waren in seinem massigen Körper, in seiner Stimme, seinem Dialekt die Erfahrungen einer Kindheit und Jugend unter italienischen Einwanderern in New Jersey so gut gespeichert, dass man, was er vor der Kamera tat, nicht nur „spielen“, sondern „verkörpern“ nennen sollte: jenen Tony Soprano, welcher, nur zum Beispiel, in einer unvergessenen Episode seine Tochter zu einem College in New England bringt, dort, während sie ihr Bewerbungsgespräch hat, einen Verräter tötet und danach die Tochter wieder nach Hause fährt, alles mit einer Mischung aus Gleichmut, Übermüdung und der leichten Panik, dass er der modernen Welt nur eine altmodische Männlichkeit entgegensetzen kann. Für diese Rolle brauchte es kein Virtuosentum. Sondern Präsenz, Intelligenz. Und eine Seele mit ein paar echten Narben drauf.

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James Gandolfini hatte eine Karriere vor den „Sopranos“; und ein Leben nach dem Ende der Serie, im Jahr 2007, hatte er auch. Und angesichts der Nachricht, dass eine Frau und zwei Kinder um ihn trauern, klingt es vermutlich selbstsüchtig, wenn wir Fans jetzt traurig sind darüber, dass er nie wieder so eine Rolle wie den CIA-Boss in Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“ spielen wird.

Aber traurig und ungerecht ist es eben doch.

Quelle: F.A.Z.

 
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