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Jahrhundertbilder mit Lücken : Eine Geschichte der Entfernung

7. Dezember 1970: Willy Brandt kniet vor dem Monument für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto Bild: Michael Schirner

Was aktiviert Erinnerung? Um die Wirkmacht historischer Bilder zu erproben, hat der Werber und Künstler Michael Schirner aus ikonischen Pressefotos wesentliche Figuren entfernt. Dadurch entstehen verblüffende Effekte und Bilderrätsel ganz eigener Art.

          Am 5. Mai 1920 hielt Lenin auf dem Swerdlow-Platz in Moskau eine Rede vor Einheiten der Roten Armee; seine Mitstreiter Trotzki und Kamenew standen währenddessen auf der Treppe, die zum Podest hinaufführt und tauchen deshalb auch auf dem Foto auf, das bei der Veranstaltung entstand. Als beide später in Ungnade fielen, ließen die Moskauer Machthaber sie kurzerhand aus dem Foto herausretuschieren; es erschien fortan ohne sie und wurde zu einem der berühmtesten Beispiele für Geschichtsfälschung durch die Manipulation des Bildgedächtnisses.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser Eingriff ins Bild war eine spektakuläre und eindeutig politisch motivierte Damnatio memoriae. Aber es gibt, gerade nach 1945, auch eine eigene Kunstgeschichte der Entfernung, eine Ästhetik des produktiven Ausradierens. Robert Rauschenberg hatte Anfang der fünfziger Jahre den etablierten Künstler Willem de Kooning gebeten, ihm eine farbige Zeichnung zu überlassen. De Kooning gab der Bitte nach, Rauschenberg verbrachte ein paar Monate damit, das Werk so vollständig wie möglich auszuradieren.

          Das 1953 vorgestellte, so entstandene Rauschenberg-Werk „Erased de Kooning“ war einerseits ein Akt des Vandalismus und der Respektlosigkeit, andererseits eine fast zärtliche Liebeserklärung, denn schließlich verbrannte Rauschenberg das Bild nicht, sondern trug, wie ein Archäologe, der das Geheimnis eines Werks ergründen möchte, mühevoll Schicht für Schicht ab, bis die furchenartigen ersten Eingrabungen des Bleistiftes im Papier zu erkennen waren. Ähnlich ging Paul Pfeiffer vor, der Marilyn Monroe aus den berühmten Strandfotos von George Barris entfernte, so dass der Hintergrund selbst zur Hauptsache wird: Das Auge untersucht die sonst übersehenen Sandhügel, Fußspuren oder Wolkenformationen – und entdeckt in ihnen einen anderen großen amerikanischen Mythos, den Mythos der glückbringenden Leere, die endlose Landschaft, die auf Besiedlung und Sinngebung wartet.

          20. Mai 1920: Lenin spricht zu Rekruten der Roten Armee
          20. Mai 1920: Lenin spricht zu Rekruten der Roten Armee : Bild: Michael Schirner

          Entdeckt wird ein anderer Mythos

          Zur Frage, wie weit ein Bild von Signifikanten entleert werden kann, bis man es nicht mehr erkennt, hat Thomas Demand mit seinen komplexen Papierrekonstruktionen das Interessanteste beigetragen. Was braucht Erinnerung, um aktiviert zu werden? Zeigt seine aus einem bestimmten Blickwinkel fotografierte Rekonstruktion einer Badewanne nur ein beliebiges modernes Badezimmer, oder denkt man zwangsweise immer auch Uwe Barschel mit hinein?

          Diese Methodik, die Wirkmacht von ikonischen Bildern zu erproben, hat sich Michael Schirner für seine sogenannte Medienkunstaktion „Bye bye“ auf direktestmöglichem Weg zu eigen gemacht. Er entfernt die wesentlichen Figuren aus ikonischen Pressebildern: den fallenden Kämpfer aus Robert Capas berühmtem Bild des Spanischen Bürgerkriegs (es bleibt hier nur eine Wiese im Wind übrig), die Panzer aus dem Bild vom Platz des Himmlischen Friedens, das Gesicht aus dem Turiner Grabtuch, James Dean aus dem berühmten Bild am verregneten Times Square. Die Wirkung der so entstandenen, entleerten Bilder lässt sich am besten mit Roland Barthes’ Unterscheidung von „Studium“ und „Punctum“ in der Fotografie beschreiben.

          Die Leere dieser Bilder

          „Aus studium“, schrieb Barthes, „interessiere ich mich für viele Photographien, sei es, indem ich sie als Zeugnisse politischen Geschehens aufnehme, sei es, indem ich sie als anschauliche Historienbilder schätze. Das zweite Element durchbricht das studium. Diesmal bin nicht ich es, der es aufsucht, sondern das Element selbst schießt wie ein Pfeil aus seinem Zusammenhang hervor, um mich zu durchbohren. Das zweite Element, welches das studium aus dem Gleichgewicht bringt, möchte ich daher punctum nennen; punctum meint auch: Stich, kleines Loch, kleiner Stich ... Das punctum einer Photographie, das ist jenes Zufällige an ihr, das mich besticht.“

          Dadurch, dass die lexikalisch, für das „Studium“ des Bildes interessante Information, ihr eigentlicher Anlass – Lenin hält eine Rede – wegfällt, treten bisher übersehene Dinge und Nebenfiguren in den Vordergrund. Wer ist die Frau, die da im Sommer 1970, den Pullover um die Hüfte geknotet, an der Kent State University in Ohio über den Campus läuft; wo kam sie her, was geschah mit ihr, wo lebt sie heute – und warum wurde dieses Bild gemacht? Viele der Bilder erinnern in ihrer Ästhetik auch an die amerikanische Fotografie nach William Eggleston, in der Nebensächliches wie ein Pappkarton auf einem Parkplatz, ein halbleerer Teller zum Fotomotiv – und sogar zum Dokument einer Epoche – werden kann, deren nebensächliche Dinge, Formen und Farben verraten, wie sie sich anfühlte. Die Leere dieser Bilder mag oft beredter sein als die Fotografie, die Hauptakteure und Ereignisse einer Zeit abbildet.

          Die Geschichte wäre anders verlaufen

          Schirners optischer Großversuch geht auf eine Initiative der Lead Academy für Medien zurück, die mit diesen Verfremdungen die Bedeutung des stehenden, gedruckten Bildes in der Öffentlichkeit vor Augen führen will; die bearbeiteten Bilder werden deshalb nicht nur in der Hamburger Ausstellung, sondern auch, als optisches Störzeichen in der Masse der eindeutigen Bildbotschaften, auf Tausenden von Plakatwänden zu sehen sein.

          Eines seiner manipulierten Bilder zeigt Barschels Badewanne ohne den toten Uwe Barschel, und hier weiß man nicht, ob dies noch als Appropriation Art zu rechtfertigen oder schon eine dreiste Paraphrase von Demands selbst mittlerweile ikonischer Badewanne ist; es kommt Schirner sicherlich zugute, dass man mit Plagiatsvorwürfen im Bereich der Bildenden Kunst lässiger umgeht als in der Literatur.

          Ein fast unvermeidlicher Gag ist es, dass Schirner aus dem Bild, aus dem Stalin Trotzki entfernen ließ, Lenin entfernt – was andererseits auf die politische Botschaft dieser Bildmanipulationen hinführt: Die Geschichte wäre anders verlaufen, wenn hier andere Menschen das Wort und die Macht ergriffen hätten; Geschichte ist kein Naturereignis, sondern das Produkt menschlicher Auftritte und Idealbilder. So kann man die Entfernungen auch als Ermunterungen für eine amorphe Zukunft lesen.

          Michael Schirner. Bye Bye. Deichtorhallen Hamburg, bis 25. April, vom 17. April bis 29. Mai 2010 in der Galerie Crone Berlin. Der im Distanz Verlag erschienene Katalog kostet 39,90 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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