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Jagd auf Kinderpornographie : In den dunklen Gassen von „Lolita City“

  • -Aktualisiert am

Standbild des Anonymous-Clips zur „Operation Darknet“ auf Youtube Bild: Youtube/Anonymous

Der Hacker-Zusammenschluss Anonymous macht Jagd auf Kinderpornographie im Internet und stellt Namen und Nummern der Nutzer ins Netz. Es sind auch Unschuldige darunter.

          Was ist das Internet? Das Internet ist eine Stadt, mit größeren und kleineren Straßen und Plätzen, mit Hauptverkehrsschlagadern und überfüllten Einkaufspassagen. Die Stadtmitte Google kennt jeder, und dann gibt es verlassenere Gegenden. Auch im Internet gibt es Orte, die von den meisten Menschen nie besucht werden, merkwürdige Stadtteile, versteckte Clubs und Geheimläden. Es gibt Kriminelle und deren Verstecke, es gibt auch digital Waren, mit denen nicht gehandelt werden darf.

          Vor einigen Monaten, im Juni, erschien im Onlinemagazin „Gawker“ ein Artikel über eine Internetseite namens „The Silk Road“. Auf The Silk Road wurden Drogen verkauft. Eigentlich jede Art von Droge. Der Kunde gab seine Adresse an, zahlte per Kreditkarte, und ein paar Tage später lag das LSD dann im Briefkasten. Eine kleine Gasse in der Stadt Internet, in der mit hartem Zeug gedealt wurde.

          Die Seidenstraßen-Gasse war allerdings nur über ein spezielles Netzwerk zugänglich, es heißt „TOR“ und anonymisiert die Nutzer. TOR und ähnliche Netze wie I2P und Freenode waren ursprünglich für Menschen erfunden worden, in deren Ländern das Internet von staatlichen Agenten überwacht wird. Es waren Geheimzugänge in die Internetstadt - die allerdings bald von Leuten entdeckt und übernommen wurden, die keine Angst vor Agenten, sondern vor dem Gefängnis hatten. Und die nicht nur mit Drogen dealten. Diese Netzwerke erhielten daher auch bald den Spitznamen „Darknet“ - das dunkle Netz.

          Hinter digitalen Masken

          Die Internetseite Reddit ist eine Art Stadtmagazin des Internets, mit Tipps, was man heute machen kann - was in der Stadt so los ist. Eine Sektion von Reddit heißt AMA, Ask Me Anything. Vor einer Weile meldete sich dort ein User mit dem Namen Favages8to40. Alles durfte man ihn fragen. Hinter dem Nutzer verbarg sich der Herr von über vierzig Websites im Darknet, auf denen über hundert Gigabyte an Daten lagen - hundert Gigabyte an Kinderpornographie. Favages8to40 erzählte munter über sein Leben als Pädophiler, seine Vorlieben und seine meistbesuchte Website, Lolita City.

          Das Ganze war scheußlich, aber Favages8to40 blieb, versteckt hinter digitalen Masken, von Konsequenzen verschont. Bis diese Woche Lolita City ins Fadenkreuz der Hackergruppe Anonymous geriet und die Angreifer auch das AMA nutzen konnten, um den Nutzern und Betreibern von Lolita City auf die Spur zu kommen.

          Einige Mitglieder von Anonymous, dem losen Kollektiv von Hackern und deren Bewunderern, hatten sich im Darknet umgesehen und waren auf die Internetseiten von Favages8to40 und seinen Freunden gestoßen. Sie stellten fest, dass die Seiten auf den Servern der Firma Freedom Hosting lagen. Freedom Hosting weigerte sich, die Daten aus dem Netz zu nehmen, und wurde zum Ziel von Anonymous.

          Bis hin zur Telefonnummer entblößt

          In einem auf Youtube veröffentlichten Video kündigten die Hacker die „Operation Darknet“ an und damit eine Jagd auf Pädophile im Internet, die sich, so die Gründer, nicht auf das Darknet beschränken soll. Erstes Ziel aber sollten die geheimen Gassen der Stadt sein, in denen Lolita City und ähnliche Seiten existieren konnten, die Netzwerke, von denen die Hacker im Video sagen, dass sie „jenen Greueln gewidmet sind, die von der Gesellschaft verdammt werden“. Die Hacker seien von ihren eigenen Entdeckungen „angeekelt und traumatisiert“. Freedom Hosting werde ab sofort angegriffen. Unter das Video stellten die Hacker einen Link, über den sich der Fortschritt der Aktion verfolgen ließ.

          Lolita City wurde hart getroffen. Zunächst tauchten Chatprotokolle auf, aus denen hervorging, dass einige User täglich bis zu 600 britische Pfund mit ihren Daten verdienten. Der Höhepunkt der Aktion war allerdings der vergangene Dienstag, an dem eine Liste der Nutzernamen von Lolita City veröffentlicht wurde. Es dauerte nicht lange, bis eine weitere folgte - dieses Mal eine jener Nutzer, deren echte Namen und Daten man herausgefunden hatte. Sie wurden veröffentlicht, teilweise inklusive Adresse und Telefonnummer. Dazu der Hinweis an staatliche Stellen, sie sollten den Hinweisen doch bitte folgen.

          Sie hatten damit nichts zu tun

          Ein paar Leute warnten. Es gab Kritik, was sei denn mit der Unschuldsvermutung, man dürfe die Justiz nicht in die eigene Hand nehmen, aber es war zu spät. Es ist nichts bekannt darüber, was dem Großteil der an den Internetpranger gestellten Nutzern widerfahren ist, nicht einmal, ob sie wirklich Pädophile waren, auch wenn das wahrscheinlich ist. Unter den Veröffentlichten allerdings fanden sich bislang auch mindestens zwei Leute, die mit Lolita City nichts zu tun hatten.

          Bei dem einen handelt es sich um einen bekannten Hacker namens „The Jester“, der sich einen schlechten Ruf erwarb, weil er Aktionen von Wikileaks und Anonymous attackierte. Die Betreiber von „Operation Darknet“ stellten bald fest, dass einer der ihren diesen Namen in Lolita City hinterlegt hatte - eine Schmierenkampagne. Der zweite, „joepie“, geriet aus unbekannten Gründen ins Fadenkreuz. Bekannt ist nur, dass sich der User, der wohl Informatiker ist, bisweilen selbst an Aktionen von Anonymous beteiligt hatte.

          Die Mitglieder von „Operation Darknet“ gaben mittlerweile ihr Bedauern zum Ausdruck. „joepie“, sagten sie in ihrer jüngsten Veröffentlichung, habe mit den Pädophilen nichts zu tun. Zwei Tage lang war „joepie“ einem Sturm von Beleidigungen ausgesetzt, wie sich beispielsweise auf Twitter zeigte, wo „joepie“ insistierte, er sei unschuldig. Seine Internetseite wurde lahmgelegt, eine kleine Nachricht erklärt, sie sei „kompromittiert“ worden. Wie es eben so gehen kann in den dunklen Gassen des Internet.

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