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„Istanbul von vorne“ : Herr Zaimoglu verwandelt sich

Vom Eintauchen vergeht die Blindheit: Familie Zaimoglu besucht die Stadt, die sie vor einem halben Jahrhundert verließ. Bild: ZDF und Werner von Bergen

Ein Besuch des Schriftstellers im alten Istanbul der Eltern, und das ZDF ist auch dabei: Eine Dokumentation zeigt, wie Feridun Zaimoglu die Stadt seines Romans „Siebentürmeviertel“ fand.

          „Andere Laute, andere Gerüche und Gewürze. Ich muss eintauchen, dann vergeht mir die Blindheit“, sagt Feridun Zaimoglu, ein Fremder im Trubel Istanbuler Straßen, ein Rückkehrer auf der Suche nach seiner Geschichte. Als kleines Kind lebte er mit seinen Eltern am Bosporus, in dem Viertel, in dem auch sein Vater aufgewachsen war in bitterer Armut. Der Vater ging fort, nach Deutschland. Es dauerte nicht lange, bis er seine Familie nachholte. Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis der Sohn mit den Eltern zurückkehrte in das Siebentürmeviertel. So heißt der Stadtteil, durch den seine Wurzeln laufen, so lautet auch der Titel seines jüngsten Romans.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zwanzig Jahre ist es her, dass Zaimoglu mit „Kanak Sprak“ seinen Durchbruch feierte, dem Buch, in dem er zornigen jungen Migrantensöhnen aufs Maul schaute. Seitdem folgten Veröffentlichungen im Jahrestakt. „Siebentürmeviertel“ ist sein erster historischer Roman. Für ihn hat er eine Reise in die Vergangenheit unternommen, bei der er sich mit der Kamera über die Schulter und in den Kopf schauen ließ. Nicht ohne Anlass: Zaimoglu ist Mainzer Stadtschreiber 2015, und zu dem von der Stadt, dem ZDF und 3Sat ausgelobten Literaturpreis gehört es, mit und für den Sender auf dem Lerchenberg eine Dokumentation zu drehen.

          Stoff sammeln wie ein Frettchen

          Da traf es sich gut, dass der Schriftsteller noch mitten in Recherchen für sein Buch steckte, die ihn nach Istanbul führen mussten. Denn wenn Zaimoglu schreibt, dann wie festgeeist an seinem Schreibtisch in Kiel, auf dem die elektrische Schreibmaschine thront. Doch wenn er Stoff sammelt, so sagt er, verwandele er sich in ein Frettchen. Dann müsse er raus, vor Ort und physisch erfragen, erlaufen und erspüren, was seine Figuren erleben und erleiden sollen. Auch wenn das eine Qual sei, weil er keinen Führerschein besitze und unter Flugangst leide.

          Ein Stück gutes, altes Istanbul: Zu Besuch beim Barbier des Siebentürmeviertels.

          „Istanbul von vorne“, Zaimoglus halbstündige Skizze, beginnt folgerichtig damit, dass der Schriftsteller nach tagelanger Fahrt aus dem Fernbus klettert und loszieht, quer durch eine Stadt, deren Sprache er zwar spricht, deren Botschaften er aber nicht versteht. Seine tastende Annäherung gilt nicht der türkischen Kapitale um ihrer selbst willen. Er braucht sie als Antwortgeberin auf Fragen wie: Wer wird meine Hauptfigur? Wessen Worte lege ich ihr in den Mund? Auf welchen Wegen folge ich ihr? Wo führen ihre Schritte hin? Und: Was hat das alles mit dem Bauboom in Istanbul zu tun, der das Alte durch Kulissenbauten für Reiche und Touristen ersetzt und die Armen vertreibt?

          Zeiten, in denen man die Eltern siezte

          Wir hören den Literaten türkisch reden mit Flüchtlingen auf einer Bosporusbrücke, einem Antiquar, einem Fotografen, einem Städteplaner. Aus dem Off legen sich Zaimoglus Reflexionen über die Bilder: poetische Texte in seiner Schriftstellersprache Deutsch, die mehr gesetzt als gesprochen klingen. Den stärksten Reiz aber entfaltet das Unausgesprochene. Zaimoglus Eltern reisen in einem Oldtimer-Taxi an, er habe sie jahrelang nicht gesehen, heißt es, er sieze sie. Das allein ist ein rätselhaftes Stück Istanbul aus einer fernen Zeit. Die Kamera (Thomas Gutberlet) folgt den dreien durch Straßenzüge, gesäumt von verfallenden Holzhäusern. Dort hat die älteste Frau des Viertels gewohnt, aus diesem Fenster wollte der Vater als Vierjähriger spähen, als die Nachricht vom Tod Atatürks die Runde machte und alle auf der Straße weinten.

          Aufgewachsen in kleinen Holzhäusern und bitterer Armut unten am Bosporus: Feridun Zaimoglu mit seinen Eltern.

          Dass Wolf, die mit Kindheitserinnerungen des Vaters gefütterte Hauptfigur des Buchs „Siebentürmeviertel“, bald in Spielfilmsequenzen durch das Bild läuft, hätte es nicht gebraucht. Der Spaziergang mit Zaimoglu ist der Film. An seinem Ende angelangt, raucht er eine Zigarette, blinzelt ins Abendlicht, denkt an seine Schreibmaschine daheim und sagt: „Ich habe mich verwandelt.“

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